Süddeutsche Zeitung

Kirche:Am toten Punkt

Nach dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche bietet der Münchener Kardinal Marx dem Papst seinen Rücktritt an. Die Reaktionen schwanken zwischen Respekt und Entsetzen.

Von Jakob Wetzel und Annette Zoch

Kardinal Reinhard Marx hat dem Papst seinen Rücktritt vom Amt des Erzbischofs von München und Freising angeboten. Er wolle Mitverantwortung tragen für die "Katastrophe des sexuellen Missbrauchs" in der katholischen Kirche, sagte der 68-Jährige am Freitag vor Journalisten in seinem Amtssitz in München.

Die Kirche sei an einem "toten Punkt" angekommen und müsse sich erneuern. Das aber könne "nicht gelingen, wenn nur die Amtsträger im Mittelpunkt stehen und wir um unsere Posten kämpfen und um unser Geld", so Marx. In seinem Rücktrittsgesuch an den Papst kritisiert der Kardinal auch andere katholische Würdenträger: Manche in der Kirche würden die Mitverantwortung und Mitschuld der Kirche nicht wahrhaben wollen und deshalb "jedem Reform- und Erneuerungsdialog im Zusammenhang mit der Missbrauchskrise ablehnend gegenüberstehen", heißt es.

Marx ist nicht der erste deutsche katholische Bischof, der wegen der tausendfachen Fälle von Missbrauch persönliche Konsequenzen zieht. Erst im März hat der Hamburger Erzbischof und frühere Kölner Generalvikar Stefan Heße ebenfalls seinen Rücktritt angeboten. Heße waren jedoch zuvor in einem Gutachten Pflichtverletzungen im Umgang mit Verdachtsfällen in Köln vorgeworfen worden. Marx sieht sich zwar auch mit Vorwürfen aus seiner Zeit als Bischof in Trier konfrontiert. Eine Studie, die ihm Fehlleistungen nachweist, existiert aber nicht. Ein Gutachten für die Erzdiözese München und Freising, das den Zeitraum von 1945 bis 2019 umfasst, ist in Arbeit und soll noch in diesem Jahr veröffentlicht werden. Die Studie wird deshalb mit Spannung erwartet, weil im betreffenden Zeitraum auch der heutige emeritierte Papst Benedikt XVI. als Erzbischof in München und Freising Verantwortung trug.

Die Taten wiedergutzumachen sei nicht möglich, sagte Marx

Marx ist seit 2008 Erzbischof von München und Freising. Wegen der Vorwürfe gegen ihn selbst hatte der Kardinal erst im April auf eine Ehrung mit dem Bundesverdienstkreuz verzichtet. Ende 2020 hatte er zudem einen großen Teil seines Privatvermögens in eine Stiftung übertragen, die Opfer sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche unterstützen soll. Die Taten wiedergutzumachen sei nicht möglich, sagte Marx nun. Die Betroffenen erwarteten aber zu Recht, dass Zeichen gesetzt werden und Verantwortung übernommen wird. Sein Rücktrittsgesuch sei eine persönliche Entscheidung, er wolle "auf die Mitbrüder nicht einwirken", betonte er. Zugleich wolle er nicht nur für eigene Fehler Verantwortung übernehmen, sondern "auch für die Institution Kirche". Das allein macht den Schritt schon außergewöhnlich. Marx ist zudem einer der einflussreichsten deutschen Bischöfe in der Weltkirche. Von 2014 bis 2020 war er Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK). Zudem zählt er zu einem engen Beraterkreis um den Papst. Er habe Franziskus am 21. Mai im Vatikan besucht, ihm sein Gesuch vorgelesen und ihn gebeten, dieses zu akzeptieren, sagte Marx. Eine Entscheidung habe der Papst noch nicht getroffen.

Die Reaktionen auf Marx' Rücktrittsgesuch schwanken zwischen Respekt und Entsetzen: Marx habe Wegweisendes geleistet, sagte der DBK-Vorsitzende Georg Bätzing. Er sei eine der tragenden Säulen. "Deshalb bedauere ich, dass sich Kardinal Marx zu diesem Schritt entschieden hat. Gleichzeitig nehme ich diese Entscheidung mit großem Respekt auf." In den ARD-Tagesthemen forderte Bätzing am Freitagabend fundamentale Reformen statt "Schönheitsreparaturen": "Alle, die denken, dass die Kirche aus dieser massiven Krise herauskommen könnte durch ein paar Schönheitsreparaturen äußerlicher Art, juridischer Art, verwaltungsmäßig, die täuschen sich", sagte Bätzing.

Sollte der Papst das Angebot annehmen, werde die Stimme Marx' fehlen, sagte auch Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, mit dem Marx als DBK-Vorsitzender eng zusammengearbeitet hatte. Die Ökumene werde aber weiter wachsen.

Auch Vertreter von Laien sowie von Betroffenen von Missbrauch zollten Marx Respekt - verwiesen aber auch auf die Verantwortung anderer Bischöfe. Marx habe die deutsche Kirche aufgerüttelt, sagte etwa Matthias Katsch vom Verein "Eckiger Tisch". Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, klagte in der Rheinischen Post, da gehe "der Falsche": Sollte der Papst den Rücktritt annehmen, fehle der deutschen Kirche eine wichtige Persönlichkeit.

Für Kirchenrechtler Thomas Schüller ist das Gesuch ein Signal an Kölns Erzbischof Rainer Maria Woelki. Er war in einem Gutachten entlastet worden; dennoch hieß es, er habe von Missbrauchsvorwürfen gewusst. "Alle deutschen Bischöfe werden sich nun an dieser souveränen und Größe zeigenden Bereitschaft zum Amtsverzicht und damit zur Übernahme von Verantwortung messen lassen müssen", so Schüller. Agnes Wich von der Betroffenen-Initiative Süddeutschland äußerte sich zurückhaltend: Sie hoffe, dass weitere Bischöfe lernten, dass sie sich nicht verstecken könnten. "Immerhin war Marx schneller als Woelki."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5313006
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.