Süddeutsche Zeitung

Joe Kaeser:Siemens-Chef sorgt sich um deutsche Anleger

Bei Wirecard habe das Kontrollsystem versagt. Siemens Energy soll zügig aus Kohlegeschäft aussteigen.

Von Caspar Busse, Thomas Fromm

Siemens-Chef Joe Kaeser fürchtet, dass angesichts des Betrugsfalls bei Wirecard Anleger künftig sehr zurückhaltend mit Investitionen in Aktien sein werden. "Ich mache mir große Sorgen um die Aktienkultur in Deutschland, denn die könnte Schaden nehmen", sagte er der Süddeutschen Zeitung. Viele Kleinanleger seien von Wirecard kalt erwischt worden. "Mit großem Aufwand werben wir für mehr Investitionen in Aktien, gerade auch in der Niedrigzinsphase, und dann kommt so etwas", sagte Kaeser.

Siemens selbst hatte vor etwa zwölf Jahren mit einem tief greifenden Korruptionsskandal für Aufsehen gesorgt, auch hier hatten Prüfer und Aufsicht lange nichts gemerkt. Kaeser betonte aber, beide Fälle seien kaum vergleichbar. "Wir haben den Compliance-Skandal gut bewältigt, und wir sind auch nicht insolvent gegangen", sagte er. Neue Regelungen angesichts des Wirecard-Falls hält der Siemens-Chef nicht für notwendig: "Die Regeln sind eigentlich alle da, aber sie werden nicht befolgt, das Kontrollsystem hat versagt." Der Fall Wirecard müsse kompromisslos aufgearbeitet werden, es gebe offenbar eine beachtliche kriminelle Energie.

Siemens ist eine der größten Aktiengesellschaften in Deutschland, mit SAP und Linde gehören die Münchner zu den wertvollsten deutschen Unternehmen. An diesem Donnerstag sollen die Aktionäre nun die Aufspaltung des Konzerns in zwei weitgehend unabhängige Unternehmen absegnen. Von Ende September an soll dann neben Siemens das Energiegeschäft unter dem Namen Siemens Energy an der Börse notiert sein, das 91 000 Mitarbeiter und 29 Milliarden Euro Umsatz haben wird. Dort soll der scheidende Siemens-Chef Kaeser Vorsitzender des Aufsichtsrats werden. "Das Unternehmen ist sicher einmal ein Kandidat für den Dax-30. Ich hoffe, das wird relativ schnell passieren", sagte er.

Siemens Energy stellt Windkraftanlagen her, ist aber vor allem im herkömmlichen Kraftwerksgeschäft tätig. Kaeser kündigte nun an, dass das Unternehmen aus diesem durchaus umstrittenen Geschäft aussteigen werde. "Es würde mich nicht wundern, wenn der Aufsichtsrat von Siemens Energy den Vorstand bittet, zügig einen interessensgerechten Plan für den Ausstieg aus der Kohle vorzulegen", sagt er. Siemens war zuletzt hart wegen des Kraftwerksbaus, etwa bei einem Kohleminenprojekt in Australien, kritisiert worden, unter anderem von der Bewegung "Fridays for Future". Kaeser sagte in Anspielung darauf zum geplanten Umbau bei Siemens Energy: "Diese Migration ist eben deutlich vielschichtiger, als freitags für eine gute Sache zu demonstrieren oder auf ein Gebäude zu klettern."

Joe Kaeser, der seit 2013 im Amt ist, will im Oktober dieses Jahres die operativen Geschäfte an seinen Nachfolger Roland Busch übergeben und Anfang Februar 2021 als Siemens-Chef abtreten. Der Konzern sei bisher gut durch die Wirtschaftskrise gekommen. "Wir planen keinen Arbeitsplatzabbau wegen Corona", sagte der Siemens-Chef.

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SZ vom 09.07.2020
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