Süddeutsche Zeitung

Italien:Sechs Mal mehr Infizierte

1,5 Millionen Menschen haben sich laut einer Studie mit dem Corona-Virus angesteckt. Bisher war von 250 000 Infizierten die Rede.

Von Oliver Meiler, Rom

In Italien hat sich das Coronavirus viel stärker verbreitet, als es bisherige Zahlen glauben machten - ungefähr sechsmal stärker. Dies wurde zwar vermutet, nun aber liefert eine breit angelegte Studie des Gesundheitsministeriums und des nationalen Statistikamtes den Nachweis. Die Regierung hätte zwischen Ende Mai und Mitte Juli gerne eine Musterbevölkerung von 150 000 Menschen auf Antikörper getestet, doch nur 64 660 wollten teilnehmen. Die Forscher sind dennoch überzeugt, dass die Ergebnisse belastbar sind.

1,48 Millionen Bewohner des Landes sollen sich demnach mit dem Erreger infiziert haben, das sind 2,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. In der Statistik der amerikanischen Johns-Hopkins-Universität steht Italien mit 248 000 Infizierten, mehr als 35 000 von ihnen starben. Die Erkenntnisse aus der Studie, so sie denn akkurat sind, verändern auch die Sterblichkeitsrate. Berechnet man sie mit der neuen Zahl, läge sie bei etwa 2,4 Prozent und damit ungefähr auf dem globalen Mittelwert. Allerdings gilt auch die offizielle Zahl der Todesopfer als zu tief gegriffen.

Die Regionen im Süden blieben verschont, was dem harten Lockdown zugeschrieben wird

Die Lombardei ist mit deutlichem Abstand die italienische Region, die am stärksten getroffen wurde von der Seuche. 7,5 Prozent der Bevölkerung dort haben sich infiziert, das sind 755 000 Menschen. Innerhalb der Lombardei gehen die Werte weit auseinander: Während sich in Bergamo fast jeder Vierte angesteckt hat, waren es in Como und Lecco nur zwischen drei und fünf Prozent. Das liegt wohl daran, dass die Behörden trotz Infektionsherden im Val Seriana lange nicht reagierten.

Eindrucksvoll sind auch die Unterschiede zwischen den Regionen im Land. Nach der Lombardei traf es das kleine Aostatal am stärksten, mit vier Prozent Infizierten. Gefolgt von den autonomen Provinzen Südtirol und Trentino, Ligurien, Piemont, Emilia-Romagna, Marken - je etwa drei Prozent. Alle Regionen im Süden Italiens blieben hingegen weitgehend verschont, was dem harten, gleichzeitigen und gesamtnationalen Lockdown im März zugeschrieben wird. "Der Lockdown hat die Ansteckungskette zerrissen", sagt Roberto Speranza, Italiens Gesundheitsminister.

Auf die großen Inseln gelangte das Virus fast gar nicht: Auf Sizilien und Sardinien haben sich bisher nur 0,3 Prozent der Bewohner infiziert. Die Ferienzeit birgt neue Gefahren, im Moment scheinen sie aber unter Kontrolle zu sein. In den vergangenen Tagen ist die Zahl der Neuinfektionen in Italien stetig zurückgegangen, zuletzt lag sie bei 190. Es wurde aber auch weniger getestet als in den Monaten davor.

27,3 Prozent der Angesteckten, so ergab die Studie, haben einen asymptomatischen Krankheitsverlauf. Der Wert gilt als hoch und trägt zur Sorge bei, dass die Ansteckung bei mangelnder Aufdeckung wieder an Tempo gewinnen könnte. Das Risiko, dass ein positives Familienmitglied das Virus auf Mitbewohner des Haushalts überträgt, liegt bei 41,7 Prozent. Oder anders gesagt: Selbst Familienmitglieder stecken sich nicht automatisch an, zumal dann nicht, wenn man aufpasst. "Den Sturm haben wir überstanden", sagte Gesundheitsminister Speranza. "Aber wir sind noch lange nicht in einem sicheren Hafen."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4988676
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 05.08.2020
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.