Süddeutsche Zeitung

Israel:Ruine eines Traums

Ex-Palästinenserpräsident Arafat ließ in Abu Dis für sein Volk ein Parlamentsgebäude bauen. Dieses verfällt in aller Stille.

Riesige, mit Graffiti verschmierte Eisentore versperren den Weg, um das Gelände ist eine drei Meter hohe Mauer gezogen. Dahinter befinden sich die Reste jenes Gebäudes, das wie kein anderes für die bisher nicht realisierten Hoffnungen der Palästinenser auf einen eigenen Staat steht: das Parlamentsgebäude in Abu Dis, einem Vorort von Jerusalem. Der Wind pfeift durch das Innere des sechsstöckigen Baus, es gibt keine Fenster. Herzstück ist im Innern der stufenförmig angelegte achteckige Plenarsaal. Mehr als ein Rohbau mit einer Fläche von 1717 Quadratmetern ist daraus nicht geworden, heute erscheint die Ruine wie ein Mahnmal für den gescheiterten Friedensprozess.

Bei Baubeginn 1996 schien es, als ob der drei Jahre zuvor begonnene Osloer Friedensprozess zu einem eigenen Staat für die Palästinenser führen könnte. Ohne das Wissen seines israelischen Gesprächspartners Jitzhak Rabin beauftragte der palästinensische Präsident Jassir Arafat den palästinensisch-jordanischen Architekten Jaafar Touqan mit dem Bau. Der Architekt erinnert sich an Arafats Auftrag: "Er wollte ein großes Fenster, denn er wollte die Al-Aksa-Moschee im Hintergrund haben, wenn er fotografiert oder gefilmt wurde, sodass die ganze Welt das muslimische Heiligtum im Blick hatte. Das war sein Traum und der Traum von uns allen."

In dem damals mit Jerusalem zusammengewachsenen Vorort mit 12 000 Einwohnern war auch mehr Platz zum Bauen. Dass Arafat das Parlamentsgebäude nicht in dem von den Palästinensern als Hauptstadt beanspruchten Ostteil Jerusalems bauen ließ, trug ihm damals schon heftige Kritik seiner Landsleute ein. Nach Angaben des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas wollen die USA nun in ihrem Friedensplan den Palästinensern Abu Dis als Hauptstadt und Alternative zu Jerusalem vorschlagen.

Aber inzwischen hat man nur noch vom Dach des Gebäudes einen Blick auf die etwa zwei Kilometer entfernt liegende Al-Aksa-Moschee, die golden glänzende Kuppel des Felsendoms und den Ölberg. Denn unmittelbar hinter dem Parlamentsgebäude trennt seit 2003 eine acht Meter hohe Mauer Jerusalem und Abu Dis.

Vor dem Mauerbau brauchte Salah Adameh mit dem Auto fünf Minuten zu seinem Arbeitsplatz auf dem Campus der Al-Quds-Universität. Jetzt braucht er dreißig Minuten. Zurück zu seiner Wohnung auf dem Jerusalemer Ölberg dauert es manchmal länger, wegen der Kontrollen am Checkpoint. Adameh ist auf dem Ölberg geboren und als Kind zu Fuß nach Abu Dis in die Schule gelaufen. Der 60-Jährige hat in den Achtzigerjahren in Jena Philosophie studiert und promoviert. Seit 1996 lehrt er an der Al-Quds-Universität Philosophie. Die Mauer sollte sich mitten durch das Universitätsgelände ziehen, wodurch der Campus ein Drittel seiner Fläche und einen Teil des Sportplatzes verloren hätte. Die damalige US-Außenministerin Condoleezza Rice erreichte eine Verlegung etwas weiter westlich. Das nur wenige Hundert Meter entfernt liegende Parlamentsgebäude wurde der Universität, an der rund 13 000 Studierende eingeschrieben sind, vor zwanzig Jahren geschenkt. "Die Uni weiß nicht, was sie daraus machen soll. Es könnte eine Bibliothek daraus werden oder Hörsäle. Aber es fehlt das Geld, etwas daraus zu machen. Es ist eine Last", sagt Adameh.

Trumps Nahost-Berater will bald einen Friedensplan vorlegen. Wer vertritt dabei die Palästinenser?

Auch wenn die Mauern des sandsteinfarbigen Gebäudes und das Dach in einem erstaunlich guten Zustand sind, so hat sich bisher kein Investor gefunden. Nach Ansicht von Imad Abu Kishek, dem Rektor der Universität, wäre der Bau auch als Theater oder Kulturzentrum geeignet. Aber dass hier einmal palästinensische Abgeordnete tagen könnten, hat der palästinensische Präsident Abbas bereits ausgeschlossen. Es müsste ein neues Gebäude als Parlamentsgebäude in Ostjerusalem gebaut werden, Ramallah als Sitz der derzeitigen palästinensischen Autonomiebehörde würde aufgegeben werden und die Regierung in Ostjerusalem amtieren.

In einem Interview mit der palästinensischen Zeitung Al-Quds zweifelte der Nahost-Berater von US-Präsident Donald Trump, sein Schwiegersohn Jared Kushner, daran, dass der 83 Jahre alte Abbas "in der Lage oder bereit ist, einen Deal abzuschließen". Kushner kündigte nach einer Reise durch Jordanien, Saudi-Arabien, Katar, Ägypten und Israel an, dass die USA in Kürze ihren Friedensplan vorstellen wollen. Wolle Abbas nicht an den Verhandlungstisch zurückkehren, werde der Plan schlicht präsentiert. Abbas-Berater Saeb Erekat warf daraufhin Kushner vor, die palästinensische Führung stürzen zu wollen. Abbas hatte nach der Ankündigung, dass die USA ihre Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen, Kontakte zur US-Regierung abgebrochen. Kushner und der US-Nahostgesandte Jason Greenblatt sollen bei den Golfstaaten für Finanzhilfen für den Gazastreifen geworben haben. Von einer Zwei-Staaten-Lösung sprach Kushner in dem Interview nicht.

Nach Ansicht des Philosophie-Professors Adameh wäre eine Zwei-Staaten-Aufteilung "eine praktische Lösung, aber keine gerechte. Eine gerechte Lösung wäre ein Staat für alle, in dem alle gleichberechtigt sind. Das ist schwer zu erreichen", meint er mit Blick auf die Doktrin, dass Israel ein jüdischer Staat sein müsse. Aber selbst die Zwei-Staaten-Lösung erscheine derzeit aufgrund des Siedlungsbaus schwierig.

Sicher sei er sich jedoch, dass die Mauer zwischen Abu Dis und Jerusalem irgendwann abgerissen wird. "Wer hat gedacht, dass die Berliner Mauer fallen wird? Niemand! Man darf die Hoffnung und den Optimismus nicht verlieren." Genauso sicher ist er aber, dass Abu Dis niemals die Hauptstadt der Palästinenser werden wird. "Abu Dis wäre zweite Wahl. Warum sollten wir uns mit einem Vorort von Jerusalem begnügen?"

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SZ vom 25.06.2018
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