Süddeutsche Zeitung

Israel:Israel, Land der geplatzten Träume

Der Historiker Michael Brenner beschreibt eine desillusionierte Gesellschaft auf dem Weg nach rechts. Von den Ideen seiner geistigen Väter hat sich der Staat Israel schon lange verabschiedet.

Buchkritik von Ronen Steinke

Theodor Herzl, der geistige Vater des Staates Israel, stellte sich einen Vielvölkerstaat vor. Herzl malte sich aus, dass Juden, Muslime und Christen darin völlig gleichberechtigt leben würden. Es würde Opern geben wie in Paris, schrieb er, Zeitungen wie in London und Cafés wie in Wien, einschließlich Salzstangerln. "Nur Fundamentalisten aller Art sind ausgeschlossen." In seinem herrlich versponnenen utopischen Roman "Altneuland", erschienen 1902, aus dem nun der Münchner Historiker Michael Brenner genüsslich zitiert, machte Herzl sich sogar lustig über jüdische Eiferer; der Bösewicht in dem Roman ist ein engstirniger Rabbiner namens Dr. Geyer.

Herzls damaliger Gegenspieler vom rechten Flügel des Zionismus, Wladimir Jabotinsky, der Mann, der heute von der rechtskonservativen Likud-Partei als geistiger Gewährsmann verehrt wird, war zwar mehr General als Romancier. Er wünschte sich ein Groß-Israel. Aber sogar er wollte darin mit Arabern auf Augenhöhe leben. "In jeder Regierung, in der ein Jude Ministerpräsident ist, soll der stellvertretende Ministerpräsident ein Araber sein", schrieb er 1940, "und umgekehrt."

Man ist versucht, sich den Negev-Sand aus den Augen zu reiben: Heute sind dies Positionen, mit denen die beiden Männer bei keiner der staatstragenden Parteien Israels mehr unterkommen würden. Weshalb ein Kommentator der liberalen Tageszeitung Haaretz neulich fragte, ob denn die überall Defätisten witternde Netanjahu-Regierung eigentlich ahne, was für radikale Peaceniks sich hinter all den Herzl-Straßen und Jabotinsky-Plätzen im Land verbergen.

Eine Ideengeschichte israelischer Selbstentwürfe

Das ist das Thema des Buchautors Michael Brenner. Die Idee eines jüdischen Staates ist noch vergleichsweise jung. Aber sie hat sich schon rapide gewandelt seit ihren Anfängen. Brenner ist der derzeit führende Forscher zur Geschichte der deutschen Juden. Mit Kommentaren zur Tagespolitik, auch zum Nahost-Konflikt, hat er sich stets zurückgehalten und wer erwartet, dass er es hier nun anders hält, wird enttäuscht - oder überrascht?

Brenners neues Buch heißt zwar enzyklopädisch "Israel". Es ist aber in Wahrheit, viel spezieller, eine Ideengeschichte israelischer Selbstentwürfe. Die Desillusionierung von vormals politisch links Stehenden erscheint hier nicht erst als Phänomen der jüngeren Zeit, als Symptom des Intifada-Frusts, sondern als Grundthema mit einer langen Historie. Das macht das Buch so erhellend in Zeiten, da man Israels Friedensfreunden praktisch monatlich dabei zusehen kann, wie sie nach rechts rücken - der ruhmreichen alten Arbeitspartei Israels ebenso wie der erst vor wenigen Jahren als progressive Kraft gegründeten Zukunftspartei.

Im Untertitel des Buches ist vom "Traum" eines jüdischen Staates die Rede. Auch das zionistische Gedicht "Hatikva" (Die Hoffnung), das 1948 zur Staatshymne gemacht wurde, beschwört eine "zweitausend Jahre alte Hoffnung", die nun endlich in Erfüllung gehe.

Historisch ist das höchstens halb richtig, wie Brenner in seinen ersten drei Kapiteln in Erinnerung ruft: Für die meisten Juden stand lange eine ganz andere, eine sogar konträre Sehnsucht im Vordergrund. Sie träumten von der Emanzipation, vom Leben als gleichberechtigte Bürger ihrer Heimatländer vor allem in Europa, vom Ende der zyklisch wiederkehrenden mörderischen Pogrome.

Die Zionisten standen dafür, aus diesem Traum aufzuwachen. Gebt es auf, riefen sie ihren Leidensgenossen zu. Kein Maß an Anpassung und Nettigkeit wird je genügen, um euch Sicherheit zu bringen. Herzl und Jabotinsky waren von Europa desillusioniert, früher als andere, allein darin bestand ihre - allerdings sehr respektable - Pionierleistung.

Wie die Desillusionierten immer weitere Illusionen hinter sich ließen

Träume platzten noch viele: Brenner beschreibt, hoch konzentriert und in glänzendem Stil, wie die Desillusionierten immer weitere Illusionen hinter sich ließen. Die Vorstellung, dass die arabische Mehrheit in Palästina die jüdische Minderheit brüderlich unterstützen würde, weil diese einen modernen Rechtsstaat einschließlich Opern und Salzstangerln in den Nahen Osten bringen wollte? Hochmütig - und in Flammen aufgegangen schon in den Dreißigerjahren, als die jüdisch-arabischen Bündnisse gegen die britischen Kolonialherren sich verkrachten.

Die Erwartung, dass die Palästina-Hälfte, welche die UN den Juden 1948 zusprach, wenigstens sicherer sein würde als Europa, war da schon weniger naiv. Aber auch diese Erwartung ging im Gefechtslärm unter, 1948, als Israel gleich am ersten Tag von allen Seiten her angegriffen wurde.

Das irdische Überlebensprojekt, religiös aufgeladen

Das plötzliche Anwachsen Israels auf seine dreifache Größe infolge des Sechstagekriegs 1967 nennt Brenner, recht wohlwollend, nicht eine Landnahme, sondern eine "zweite Staatsgründung". Jetzt war dies kein kleiner verwundbarer Staat mehr, sondern ein kleiner verwundbarer Staat mit einem üppigen Verteidigungsring drum herum, bestehend aus besetztem Gebiet.

Die führenden Denker waren da noch immer areligiös wie einst der Wiener Theodor Herzl. Erst von den Siebzigerjahren an wurde ihr irdisches Überlebensprojekt allmählich stärker mit auch religiösen Rechtfertigungen aufgeladen, parallel zum Erstarken des politischen Islam ringsherum und befördert durch die Bevölkerungsexplosion der ultra-orthodoxen Juden. Und vielleicht auch, weil manche in der Gesellschaft der Desillusionierten sich irgendwann neue Träume suchen, die nicht mehr in Europa wurzeln.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2862277
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 15.02.2016/pamu
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.