Süddeutsche Zeitung

Fall George Floyd:Ex-Polizist Chauvin muss 22,5 Jahre ins Gefängnis

Mehr als neun Minuten drückte er sein Knie auf den Hals des Afroamerikaners George Floyd. Dieser verlor das Bewusstsein und starb. Für die Angehörigen ist es ein "historischer Schuldspruch".

Im Prozess um die Tötung des Afroamerikaners George Floyd hat das zuständige Gericht in der US-Stadt Minneapolis das Strafmaß für Derek Chauvin verkündet. Der weiße Ex-Polizist muss für 22,5 Jahre ins Gefängnis.

Die Familie des Getöteten zeigte sich damit zufrieden. "Dieser historische Schuldspruch bringt die Floyd-Familie und unsere Nation der Heilung einen Schritt näher, indem sie einen Abschluss und Rechenschaft liefert", teilten Anwälte der Angehörigen zusammen mit der Familie Floyds mit. Dieser "bedeutende Schritt" sei in den USA vor kurzer Zeit noch undenkbar gewesen.

Chauvin war Ende April von Geschworenen unter anderem des Mordes zweiten Grades ohne Vorsatz schuldig gesprochen worden. Nach deutschem Recht entspräche dies in etwa dem Straftatbestand des Totschlags. Ein Richter hatte bereits die besondere Schwere der Tat anerkannt. Chauvin habe als Polizeibeamter seine Machtstellung missbraucht, keine Erste Hilfe geleistet und Floyd in Anwesenheit von Kindern mit "besonderer Grausamkeit" behandelt.

Die Staatsanwaltschaft hatte 30 Jahre Haft für Chauvin gefordert, sein Verteidiger Eric Nelson dagegen nur eine Bewährungsstrafe. Sein Mandant sei nicht vorbestraft, habe zuvor keine rechtlichen Probleme gehabt und nicht die Absicht verfolgt, Floyd zu töten. "Er glaubte, seinen Job zu machen."

Chauvin: "Möchte der Familie Floyd mein Beileid aussprechen"

Vor der Verkündung des Strafmaßes hat der Bruder des getöteten Afroamerikaners George Floyd sich am Freitag vor Gericht emotional geäußert. "Was hast du gedacht, was ging dir durch den Kopf, als du auf den Nacken meines Bruders gekniet hast?", sagte Terrence Floyd in Anwesenheit des Verurteilten. Während seiner kurzen Rede musste Floyd immer wieder mit den Tränen kämpfen. Er forderte die "maximale Strafe" für Chauvin.

Auch die Mutter des verurteilten Ex-Polizisten wandte sich an das Gericht: "Derek ist ein ruhiger, nachdenklicher, ehrenhafter und selbstloser Mann. Er hat ein großes Herz", sagte Carolyn Pawlenty. Die Öffentlichkeit werde niemals wissen, was für ein liebevoller Mann Chauvin sei. An ihren Sohn gewandt fügte sie hinzu: "Ich habe immer an deine Unschuld geglaubt und werde niemals davon abweichen". Sie werde für ihn da sein, wenn er aus dem Gefängnis nach Hause komme.

Chauvin selbst wandte sich erstmals mit einer Botschaft and die Angehörigen von George Floyd. "Ich möchte der Familie Floyd mein Beileid aussprechen", sagte der Verurteilte. Wegen eines gerichtlichen Bundesverfahrens und einer möglichen Berufung könne er zur Zeit aber keine vollständige Stellungnahme abgeben.

Der Fall George Floyd führte zu der größten Protestbewegung in den USA seit Jahrzehnten

Floyds gewaltsamer Tod am 25. Mai 2020 bei einem Polizeieinsatz in Minneapolis hatte in den USA Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt ausgelöst. Rasant verbreiteten sich Videos, wie Polizisten den Unbewaffneten Floyd zu Boden drückten. Chauvin presste dabei sein Knie mehr als neun Minuten lang auf Floyds Hals, während dieser flehte, ihn atmen zu lassen. Floyd verlor das Bewusstsein und starb. Die Beamten hatten ihn wegen des Verdachts festgenommen, eine Packung Zigaretten mit einem falschen 20-Dollar-Schein bezahlt zu haben.

Die Demonstrationen entwickelten sich zur größten Protestbewegung in den USA seit Jahrzehnten. Floyds verzweifelte Worte "Ich kann nicht atmen", die er in seinen letzten Minuten immer und immer wieder hervorpresste, sind inzwischen zu einer Metapher für Rassismus und Polizeigewalt gegenüber Afroamerikanern und anderen Minderheiten in den USA geworden.

Viele Beobachter hatten den Schuldspruch gegen Chauvin im April als Meilenstein im Kampf gegen die Benachteiligung von Afroamerikanern in den USA gewertet, gar als eine Art Wendepunkt in der Geschichte, als Triumph über das, was viele als jahrzehntelange Straffreiheit der Polizei für Vergehen gegen Schwarze beklagten.

Drei weitere Ex-Polizisten sind angeklagt

Mit dem nun verkündeten Strafmaß ist der Fall juristisch aber noch nicht beendet. Chauvin kann Berufung einlegen. Unabhängig von dem Verfahren in Minnesota ist gegen ihn außerdem vor einem Bundesgericht Anklage erhoben worden. Das US-Justizministerium teilte zur Begründung mit, dem Beschuldigten werde vorgeworfen, Floyd vorsätzlich seiner verfassungsmäßigen Rechte beraubt zu haben.

Außerdem wurden neben Chauvin drei weitere am Einsatz gegen Floyd beteiligte Ex-Polizisten angeklagt. Sie werden in einem Verfahren in Minneapolis ab März nächsten Jahres vor Gericht stehen. Ihnen wird Beihilfe zur Last gelegt. Auch ihnen könnten mehrjährige Haftstrafen drohen.

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