Süddeutsche Zeitung

Vorfall in Frankfurt:Von der Politik ist jetzt Entschlossenheit gefragt - ohne Emotionen

Die Tat des Mannes, der einen Achtjährigen vor einen ICE schubste, hat nicht nur Anteilnahme, sondern auch Triumphgeheul ausgelöst. Der Innenminister sollte nun beruhigen - und hart durchgreifen.

Emotion ist in der Politik ein Wegbegleiter, der so hilfreich wie gefährlich ist. Wer es versteht, Gefühle zu transportieren, kann aus einer mittelmäßigen Rede eine große machen. Wer im politischen Geschäft sein Mitgefühl nicht verliert, sorgt dafür, dass Menschlichkeit die Oberhand behält. Wer vor lauter Anteilnahme allerdings jene Grenze überquert, die den gerechten Zorn vom Hass trennt und das Engagement von der Manipulation, der macht Emotion zum Gefahrengut. Es kann eine ganze Gesellschaft vergiften. So wie jetzt das Beispiel Frankfurt zeigt.

Ein Mann hat da eine Mutter und ihr Kind vor einen Zug gestoßen. Das Kind ist tot, die Mutter fürs Leben gezeichnet. Das Entsetzen ist so groß im Land, dass vielen die Worte fehlen. Kein Wunder. Wer kann schon den Schmerz ermessen, den eine solche Gewalttat hinterlässt? Und wem ginge nicht die Galle über angesichts der Aggression des Täters? Keine noch so schwierige Biografie wird Verständnis erwecken können für das, was da geschehen ist. Und doch.

Und doch tut innere Abkühlung not nach der Attacke in Frankfurt. Denn was sich jetzt in Gang setzt, ist neben echter Anteilnahme auch hämisches Triumphgeheul: Ein gebürtiger Eritreer! Da seht ihr's! Schuld ist der Fremde, teilten AfDisten erwartungsgemäß mit. Migration wird da als Mutter aller Probleme ausgemacht, frei nach dem Horst Seehofer des Jahres 2018. Und die Angst vorm schwarzen Mann? Hat jede Menge neue Nahrung.

In einer solchen Situation ist es ein Leichtes, in bewährte Erklärungsmuster zu flüchten. Mancher, der rechts von der Mitte politisch daheim ist, wird Einwanderung, das Bekenntnis zu Vielfalt für solche Verbrechen verantwortlich machen. Als Feind gelten da alle, die mit Weltoffenheit gut leben können. Auf der Gegenseite, in linken und grünen Biotopen, wird ähnlich reflexhaft diskutiert. Hier regt man sich aber lieber über Wächtersbach auf, wo ein Eritreer aus einem Auto beschossen wurde. Der Feind Nummer eins, klar, ist da der Rechtsextremist.

Hier Frankfurt, dort Wächtersbach, hier Kampf gegen angebliche Überfremdung, dort heiliger Zorn gegen die Rassisten im Land - die Feindbilder verhärten. Und in Zeiten schwindender innerer Sicherheit, der gefühlten, flüchten viele sich in die Wagenburg der Emotion. Dort kann man mit Seinesgleichen ungestört hassen, die anderen. Nur gegen die Wirklichkeit wird es halt nichts helfen.

Zur Wirklichkeit gehört, dass keine Videokamera und keine noch so scharfe Überwachung überall vor Mördern oder psychisch vorbelasteten Tätern schützen kann. Zur Wahrheit gehört auch, dass bei Gewaltdelikten die Zahl nicht-deutscher Tatverdächtiger noch überproportional hoch ist. Gleichzeitig können Nationalität und Hautfarbe aber keine Erklärungen liefern für Verbrechen oder Wohlverhalten eines Menschen. Wer aufgrund solch rassistischer Denkmuster zu Gewalttaten aufruft, muss die ganze Härte des Rechtsstaats spüren.

Von der Politik und dem Bundesinnenminister aber wünscht man sich jetzt vor allem: Kühle. Nach Jahren der Emotionalisierung und aufgeregter Abgrenzung von der Einwanderungsgesellschaft ist ideologiebereinigte Entschlossenheit gefragt, gegen Straftäter und Gefährder aller Sorte. Das Land muss jetzt befriedet werden. Sonst bricht es auseinander.

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SZ vom 31.07.2019/cck
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