Süddeutsche Zeitung

Mittelamerika:Die Karawane steckt fest

  • Viele Migranten ziehen in einer sogenannten caravana in Richtung USA. Gründe für die Flucht sind oft Gewalt und Armut.
  • Doch nun hat Mexiko seine Grenzen geschlossen. Die Chancen zum Durchkommen werden immer geringer.
  • In den mittelamerikanischen Ländern sind Drogenbanden oft bis in höchste politische Kreise vernetzt.

Am Grenzübergang von El Ceibo steht in großen Lettern "Willkommen in Mexiko". Doch Hunderte Männer, Frauen und Kinder aus Zentralamerika, die hier ungeschützt im tropischen Prasselregen Guatemalas ausharren, haben keinen Grund zu der Annahme, dass der Willkommensgruß ernst gemeint sein könnte. Mexiko hat seine Grenzen für Einwanderer aus Honduras, El Salvador und Guatemala dichtgemacht - jedenfalls für solche, deren erklärtes Ziel es ist, in die USA weiterzuziehen. Und das sind die meisten der mehr als 5000 Menschen, die sich in den letzten Tagen zum wiederholten Male zu einer caravana zusammengeschlossen haben, um den gefährlichen Marsch anzutreten.

Ihre Motivation fassen sie über soziale Netzwerke in einem eindrücklichen Satz zusammen: "In Honduras bringt man uns um." Mayra Zelaya, 23 Jahre alt, sagte zu der honduranischen Zeitung La Prensa: "Wir haben Honduras verlassen aus Angst und Armut." Es sei sein fünfter Versuch, die Grenze zu überqueren, sagte Jaled Rodríguez zu El País. Doch die Chancen werden immer geringer. Am Wochenende und am Montag haben einige Hundert Migranten den Grenzfluss Rio Suchiate durchwatet und versucht, die mexikanische Grenze bei Tecún Umán zu stürmen. Die meisten wurden von Grenzposten abgefangen mit Knüppeln, Tränengas und Wolken von Pfefferspray.

Die Regierung von Präsident Andrés Manuel López Obrador gehorcht mit ihrer Schließung der Südgrenze seit Juni einem Diktat des US-Kollegen Donald Trump. Der hatte Mexiko erpresst: entweder das Land halte Migranten davon ab, bis zur US-Grenze zu marschieren - oder Washington werde hohe Zölle auf mexikanische Produkte erheben. Und das kann sich Mexiko nicht leisten, denn es hat ein ganzes Wirtschaftsmodell darauf aufgebaut, dass Güter - etwa Autos - dort billig produziert und in den USA verkauft werden.

Wer es bis Mexiko schafft, wird zumeist im Hinterland von Einsatzkräften der Einwanderungsbehörde INM abgefangen und in Auffanglager gebracht. Es gibt in Mexiko sogar das Angebot von Sozialprogrammen, die es Migranten ermöglichen, im Land zu bleiben. Einige Tausend entschließen sich jedes Jahr dazu, doch die allermeisten wollen nur durch in die USA, dafür zahlen sie mit den Ersparnissen eines Lebens. Um ein bisschen sicherer zu sein, versuchen sie es als caravana gemeinsam.

Drogenbanden sind in den mittelamerikanischen Ländern bis in höchste Kreise vernetzt

Dinorah Gracias, eine guatemaltekische Mutter mit Kind, sagte zur Agentur EFE: "Entweder wir gehen alle über den Fluss oder keiner." Die honduranischen Mennoniten haben die Flüchtlinge beim Aufbruch in Honduras nach ihren Motiven befragt, die Antworten klingen im Kern immer gleich: Auswandern sei eine äußerst trostlose und gefährliche Angelegenheit, aber Honduras habe nichts außer Gewalt zu bieten.

Fluchtursachen sind außerdem Armut und Perspektivlosigkeit. Drogenbanden beherrschen die mittelamerikanischen Länder, sie sind bis in höchste Kreise vernetzt. Tony Hernández, der Bruder des honduranischen Präsidenten, wurde kürzlich in den USA wegen Drogenhandels verurteilt, er wartet nur noch auf sein Strafmaß.

Niemand in Honduras glaubt ernsthaft, dass Präsident Juan Orlando Hernández nichts von den Machenschaften seines Bruders gewusst hat, selbst aus regierungsnahen Kreisen verlautet, er sei selbst daran beteiligt. Alle Versuche, gegen die extreme Korruption vorzugehen, sind gescheitert. Eben erst hat die Regierung der "Internationalen Mission gegen Korruption und Straflosigkeit (Maccih)" die Tür gewiesen. Die Ermittler hätten sich zu viel angemaßt, hieß es. Tatsächlich waren sie vielen Politikern gefährlich geworden.

Im Nachbarland Guatemala verfuhr der frühere Präsident Jimmy Morales ähnlich mit einer internationalen Kommission gegen Straflosigkeit. Dort regiert seit Kurzem der Hardliner Alejandro Giammattei, der versprach, alles besser zu machen. Zunächst will er ein Migrationsabkommen mit den USA prüfen, dass Guatemala als sicheres Drittland einstuft. Im Gegenzug haben sich die USA verpflichtet, die guatemaltekische Wirtschaft mit Millionenbeträgen zu fördern, auch Mexiko ist in Zentralamerika mit Hilfsmaßnahmen präsent, um Migrationsursachen zu beseitigen.

Doch Menschenrechtler machen sich nur wenig Illusionen: Solange der Drogentransit aus Südamerika das lukrativste Geschäft ist, haben Hilfsprogramme etwa für die Landwirtschaft wenig Aussicht auf Erfolg. Mittelamerikanische Politiker verweisen deshalb regelmäßig darauf, dass ihnen die Hände gebunden seien, solange die Nachfrage in den USA nach Kokain so hoch bleibe.

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SZ vom 22.01.2020/saul
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