Süddeutsche Zeitung

Fahrradhelme:Lieber nicht oben ohne

Mit Helm auf dem Rad - das finden viele uncool. Doch Elf- bis 16-Jährige wählten 2016 häufiger den Schutzhelm als noch ein Jahr zuvor.

Mit einem Helm Fahrrad zu fahren, finden viele Radler lästig und uncool. Bei Kindern und Jugendlichen wird die Zahl der Helmmuffel aber immer geringer. Das zeigen jetzt die neuen Jahreszahlen aus der repräsentativen Verkehrsbeobachtung der Bundesanstalt für Straßenwesen, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen.

Danach trug 2016 gut ein Drittel (34 Prozent) der elf- bis 16-jährigen Fahrradfahrer einen Helm. Ein Jahr zuvor waren es noch 29 Prozent. Unverändert hoch ist mit 76 Prozent die Helmquote bei den Sechs- bis Zehnjährigen. Bei 17- bis 21-Jährigen greifen allerdings nur noch sieben Prozent zu der harten Kopfbedeckung.

Ältere Erwachsene sind hier offenbar ein schlechtes Vorbild. So ist bei den 41- bis 60-Jährigen die Helmquote binnen eines Jahres sogar von 20 auf 17 Prozent zurückgegangen, obwohl die Plastikschale bei Stürzen helfen kann, schwere Kopfverletzungen zu verhindern. Das Institut für Rechtsmedizin der Universität München und das Universitätsklinikum Münster untersuchten 543 Unfälle mit verletzten Radlern in den Jahren 2012 und 2013. Das Ergebnis: Von 117 tödlich verunglückten Fahrradfahrern hatten nur sechs einen Helm auf. In gut der Hälfte der Fälle starben die Radler an einem Schädel-Hirn-Trauma.

Eine Helmpflicht macht das Fahrradfahren nicht unbedingt immer sicherer

Dennoch gibt es viele Gegner der Helmpflicht. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC), die mit gut 160 000 Mitgliedern größte Lobbyorganisation der Alltagsradler, argumentiert, dass wegen einer Helmpflicht weniger Menschen aufs Fahrrad steigen würden. Tatsächlich ist in Australien nach deren Einführung die Zahl der Radler gesunken. Die Zahl der Unfälle verringerte sich jedoch nicht im gleichen Maße. Unfallforscher führen dies darauf zurück, dass es für die verbliebenen Radfahrer gefährlicher wurde. Schließlich werden viele Radfahrer stärker wahrgenommen als Einzelkämpfer. Damit das Fahren im Pulk sicherer ist, muss für den ADFC aber mehr dazukommen. Dazu zählt der Klub eine fahrradfreundliche Infrastruktur, ein niedrigeres Verkehrstempo und das Bewusstsein bei jedem Verkehrsteilnehmer, auf Radfahrer treffen zu können.

Gegen eine Helmpflicht spricht außerdem, dass zum Beispiel Autofahrer dann unbewusst weniger vorsichtig Helmträger überholen. In Vancouver gibt es deshalb T-Shirts mit dem Spruch: "I wear a helmet so that you can drive like an idiot" ("Ich trage einen Helm, damit du wie ein Idiot fahren kannst"). Andererseits rasen vielleicht auch Radler mit Helm mal eher über eine unübersichtliche Kreuzung.

Auch Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hält von einer Helmpflicht wenig. An diesem Mittwoch startet sein Ministerium mit dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) die neue Fahrradhelm-Initiative "Du bist mir nicht egal!". Dabei werden 1000 Fahrradhelme verschenkt. Kinder können sich dabei online (www.runtervomgas.de/Fahrradhelm) um einen Gratishelm für ihre Eltern oder Großeltern bewerben. "So wollen wir zusammen mit den Kindern Erwachsene und Senioren zum Helmtragen motivieren", sagt Dobrindt.

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Quelle:
SZ vom 17.05.2017
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