Süddeutsche Zeitung

Europa:Zwietracht unter Sternen

Wie schaut es aus mit Europas Identität? Geert Mak besucht Nord, Süd, West und Ost. Heinrich August Winkler blickt auf Deutschland.

Von Robert Probst

Es wird wieder getaumelt in Europa. Krise reiht sich an Krise, und die Corona-Pandemie stellt allerlei weitere Gewissheiten infrage. Orientierung ist also gefragt im Dschungel der Halbwahrheiten, Verschwörungsmythen und Behauptungen, die durch alle Informationskanäle gespült werden. Eigentlich ist dies nicht die Stunde der Historiker, ihre Stunde schlägt üblicherweise erst Jahre nach solchen (vermeintlichen) Umbrüchen. Und doch haben soeben zwei Große ihrer Zunft Analysen der Gegenwart vorgelegt, die bis in diese Tage reichen. Der niederländische Publizist und Bestsellerautor Geert Mak hat sich mit "Große Erwartungen" auf die Spuren des europäischen Traums begeben. Der Berliner Historiker Heinrich August Winkler hat mit "Wie wir wurden, was wir sind" eine kurze Geschichte der Deutschen vorgelegt. Beide Autoren wollen Lektionen für die Gegenwart präsentieren. Das Spannende: Sie wählen dabei völlig unterschiedliche Wege der Darbietung.

Geert Mak, eigentlich Soziologe und Jurist, ist sich des Zeitproblems durchaus bewusst: "Es hat ja etwas Widersprüchliches, die Geschichte eines Zeitabschnitts, einer Welt, deren Teil man ist, zu schreiben, während man selbst mittendrin steckt. Geschichtsschreibung ist auf Abstand angewiesen, Zeit vergehen zu lassen, ist immer noch die beste Art, Überblick zu gewinnen", schreibt er im Vorwort und wendet sich stilistisch geschickt an eine Geschichtsstudentin des Jahres 2069 - die dann sicher besser Bescheid weiß, ob Europa noch die Kurve gekriegt haben oder doch zum Albtraum geworden sein wird.

Maks Bezugspunkt ist seine große und viel gelobte Reportage "In Europa. Eine Reise durch das 20. Jahrhundert" (Siedler, 2005). Sie basiert auf einer Tour durch das Europa des Jahres 1999 und verbindet die Kriege und Brutalitäten, die später erst zur Gründung der EU führten, mit den Hoffnungen und Träumen der Menschen am Ende dieses Jahrhunderts. Viele dieser Menschen hat Mak nun erneut besucht, um herauszufinden, was nur wenige Jahre später davon übrig geblieben ist.

Der Niederländer erzählt fulminant von Brüssels Krisenmanagern

Geert Mak ist ein Geschichtenerzähler im besten Sinne, die prägnante Kürze ist seine Sache nicht, unter 600 Seiten hört er selten auf. Er verwebt detailreich die Erfahrungen bekannter, weniger bekannter und "normaler" Menschen geschickt mit den großen Linien der politischen Entwicklung zwischen 2000 und 2020. Die großen Krisen Europas werden chronologisch behandelt, doch die Kommentare der Menschen dazu kommen kreuz und quer aus allen geografischen Ecken. So entsteht ein großes Panoptikum verschiedenster Sichtweisen - aber kein in sich geschlossenes Narrativ. Ob die Menschen immer gut ausgesucht sind, um das Kleine im Großen hinreichend zu illustrieren, sei dahingestellt, viele Erfahrungen einzelner Protagonisten lassen sich - etwa im Fall einer Familie aus der ehemaligen DDR - sehr schlecht verallgemeinern.

Brillant sind hingegen viele Zusammenfassungen der ganz großen Krisen der Europäischen Union, derer es ja doch erstaunlich viele gab in den vergangenen zwei Dekaden (und die ja zum Teil auch parallel abliefen, was man sich meist dazudenken muss). Mak lehnt sich hier meist an große Analysen einzelner Experten an - bei der Finanz- und Euro-Krise etwa an Adam Tooze; doch was Lesbarkeit und Komprimierung kompliziertester Sachverhalte angeht, erbringt Mak erstaunliche Transferleistungen. Die allermeisten Analysen - etwa zu Putins "Kleptokratie", zum Selbstverständnis der osteuropäischen Staaten, zu Griechenlands Haushaltsproblematik, zum Ukraine-Konflikt und auch zum Brexit - lassen sich mit großem Gewinn lesen. Dass man bei diesem Riesenthema nicht immer in die letzten Tiefen von nationaler Politik vordringen kann, erweist sich etwa bei der Migrationskrise von 2015, die an Deutschland erklärt wird - die Darstellung ist recht oberflächlich; bei den tieferen Ursachen für die Willkommenskultur stimmt Mak aber mit Winkler überein.

Insgesamt vermittelt Geert Mak einen großartigen Überblick über das Europa der Jetztzeit, über den zunehmenden Wertekonflikt zwischen Ost- und Westeuropa, die tiefe Kluft zwischen den ökonomischen Kulturen von Nord- und Südeuropa. Seine globalisierungs- und neoliberalismuskritische Haltung scheint dabei immer durch. Seine Analyse des Hauptproblems der EU ist deutlich: Durch den Vertrag von Lissabon blieb die EU eine "ängstlich in der Luft hängende" zwischenstaatliche Organisation mit endlosen Verhandlungen und zahllosen Kompromissen; eine handlungsfähige Föderation ist nicht in Sicht. Frieden, Freiheit und Wohlstand reichen nicht mehr als gemeinsamer Kitt. Und die Menschen glauben nicht mehr, dass es ihren Kindern später besser gehen wird als ihnen selbst. Dieses Gefühl der Abgehängten, das Mak eindringlich vermittelt, lässt den Leser öfter erschauern.

Letztlich geht es also um Identität, um die Gefahren der Nostalgie und das "wehmütige Verlangen nach einer Heimat, die es so in Wirklichkeit nie gegeben hatte". Mak sagt es mit dem französischen Politologen Dominique Moïsi, der meint, es gebe keinen Kampf der Kulturen, sondern einen Kampf der Emotionen. In China, Indien und anderen asiatischen Ländern gebe es eine "Kultur der Hoffnung", in der islamischen Welt eine "Kultur der Demütigung" und im Westen eine "Kultur der Angst". Überall sei hier Angst an die Stelle des Vertrauens getreten, Angst vor dem anderen, Angst vor der Zukunft und Angst vor Identitätsverlust.

Der Deutsche mahnt eindringlich vor moralischer Überheblichkeit in Krisenzeiten

Identität und Wandel ist auch das Thema von Heinrich August Winkler. Davon zeugen die beeindruckenden Mehrteiler "Der lange Weg nach Westen" (2000) und "Geschichte des Westens" (C.H. Beck, 2009 - 2016). Auf vielen Tausend Seiten wurde der inzwischen emeritierte Professor zum Geschichtserklärer der Deutschen. Nun hat Winkler den Versuch unternommen, die ganze deutsche Historie auf weniger als 250 Seiten abzuhandeln - ein "Meisterkurs" von "radikaler Kürze", wie der Verlag ankündigt. Wie Mak bezieht sich Winkler also auf frühere Werke, es ist aber keine Weiterentwicklung, sondern eine Art Best-of. Wie Mak ist Winkler eigentlich ein guter Erzähler - doch die Erzählkunst bleibt diesmal leider und wohl auch notwendigerweise auf der Strecke.

Winkler will herausfinden, wie weit deutsche Geschichte in die Gegenwart hineinwirkt, die Frage nach einem "deutschen Sonderweg" treibt ihn auch nach Jahrzehnten der Beschäftigung mit dem Thema noch - oder wieder - um. Die großen Linien der deutschen Geschichte (Einheit, Freiheit, 1848, 1918, 1933 - 45, 1989/90) schreitet der Autor präzise und zügig ab, ohne sich groß bei wichtigen Themen (das Jahr 1968 wird in einem Satz abgehandelt) aufzuhalten. Weil er sich fast ausschließlich mit der großen Politik beschäftigt und Themen wie Sozialstaat, Globalisierung, Demografie, Migration und Konsum höchstens streift, wird der Anspruch "Wie wir wurden, was wir sind" im allgemeinen Sinn natürlich nicht eingelöst.

Wer aber auf knappem Raum und mit großer intellektueller Fallhöhe etwas über deutsches Geschichtsbewusstsein, das Verständnis vom "postnationalen Sonderweg" der BRD und der DDR als "Ideologiestaat" lesen will, ist hier richtig. Winkler schreibt dazu brillante Sätze: "Die Unterschiede zwischen den beiden deutschen Sonderwegen der Nachkriegszeit waren beträchtlich. Während der Bundesrepublik zur Nation nichts fehlte außer dem offiziellen Bewusstsein, eine zu sein, fehlte der DDR zur Nation alles außer der Anspruch der Offiziellen, eine solche zu vertreten."

Winkler liefert dann auch, wenn man so will, den theoretischen Überbau zu Maks Europaerzählung. Er erklärt, warum die deutsche Einheit vorerst eine echte politische und fiskalische Union in Europa verhinderte, und wie spätestens seit dem Maastricht-Vertrag das Vertrauen der Bürger in Europa schwand, arbeitet heraus, wie im Flüchtlingssommer 2015 aus "Mangel an strategischem Denken" in Berlin die Spaltung der EU riskiert wurde, und wie deutsche Willkommensbürger wünschten, dem "Fluch einer schuldbeladenen Vergangenheit durch eine Politik zu entkommen, die höheren moralischen Maßstäben genügte als die anderer Nationen".

Hier wäre man dann auch beim Kern der Botschaft angekommen. Seine dringende Mahnung: "Der Glaube, die unermessliche Schuld, die Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus auf sich geladen hat, ließe sich dadurch wiedergutmachen, dass sich Deutschland moralischer verhält als andere Nationen, ist eine Irrglaube, in dem der Keim eines neuen deutschen Nationalismus beschlossen liegen könnte." Sein Plädoyer ist bekannt, verdient aber gerade in diesen aufgeregten Zeiten Aufmerksamkeit; Winkler mahnt zum "nüchternen, am normativen Erbe des Westen ausgerichteten Realismus".

Dass diese Werte aber erodieren, ist offensichtlich. Dass die EU selten als Wertegemeinschaft handelt, auch. Dass der Nationalismus - auch in Deutschland, weil sich Winklers Analyse zu sehr auf Regierungspolitik bezieht - fröhliche Urständ feiert, ist kaum zu bestreiten. Dass Historiker hier das große Ganze in den Blick zu nehmen oder Sichtachsen zu schlagen versuchen, ist ehrenwert und wichtig. Dass nun noch Corona hinzukam - beide Autoren widmen ihr Schlusskapitel der Pandemie - macht die Sache aber noch unübersichtlicher. Wie groß der Umbruch letztlich werden wird, niemand weiß es. Wer Mak liest, wird später besser wissen, was die Zäsur verursacht haben könnte. Wer Winkler liest, wird später besser einordnen können, ob Deutschland wirklich nichts anderes war als ein "postklassischer Nationalstaat" wie jeder andere EU-Staat auch.

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Quelle:
SZ vom 07.09.2020
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