Süddeutsche Zeitung

Energiesparen:Neue Kälte

Lesezeit: 2 min

In Hessen stellt ein Landkreis das warme Wasser in Schulen und Turnhallen ab. Das Beispiel zeigt: Bei allem löblichen Energiespar-Eifer reicht der gute Wille oft nicht.

Von Valentin Dornis

Die Haut brennt, die Luft wird knapp, die Zehen sind taub. Es gibt wenig, das an einem Bad in eiskaltem Wasser verlockend klingt. Dass es für den Körper trotzdem eine Wohltat sein soll, haben während der Pandemie schlotternde Fitness-Influencer auf Instagram versucht, ihren Followern nahezubringen. Eisbaden war der neuste Trend der Selbstoptimierungs-Bubble. Die weniger Instagram-taugliche Variante des Eisbades ist die kalte Dusche, und auch die gilt als Symbol für die Abhärtung verweichlichter Wohlstandskörper. Dass der tatsächliche Nutzen eher umstritten ist, hält die Menschen nicht davon ab, der kalten Dusche eine nahezu mystische Wirkmacht zuzuschreiben.

Der Lahn-Dill-Kreis in Hessen hat entschieden: Kalt Duschen hilft nicht nur dem Immunsystem, sondern auch gegen hohe Energiekosten. Seit Anfang Juni wird in Schulen und Turnhallen das warme Wasser abgestellt. Und das soll bis zum 18. September so bleiben. Etwa 100 000 Euro könnten so eingespart werden, teilt der Kreis mit. Man wolle damit ein Zeichen setzen, dass die derzeit hohen Energiepreise kaum tragbar seien. In derselben Mitteilung heißt es zwar auch, dass der Kreis die Preisanstiege wegen langfristiger Verträge bisher noch gar nicht zu spüren bekomme, aber egal, 100 000 gesparte Euro sind 100 000 gesparte Euro.

Laut Vize-Landrat Roland Esch seien es vor allem Sportlerinnen und Sportler, die die neue Kälte im Kreis zu spüren bekämen. "Hier bitten wir um Verständnis." Letzteres wäre wohl einfacher gewesen, hätte man die Betroffenen in die Entscheidung einbezogen. "Wir wurden einfach vor vollendete Tatsachen gestellt", sagt eine Sprecherin des Sportkreises Lahn-Dill, der etwa 400 Vereine vertritt. Zwar seien die meisten Hallen während der Sommerferien geschlossen, aber das sind nur sechs Wochen zwischen Ende Juli und Anfang September. Bis dahin laufe in einigen Sportarten noch der Trainings- und Ligenbetrieb, jetzt eben mit kalten Duschen.

Ob das ertragbar, verhältnismäßig oder überhaupt ressourcensparend ist (was, wenn die Sportler einfach nach Hause fahren und dort warm duschen?), müssen die Menschen im Lahn-Dill-Kreis nun unter sich ausmachen. Klar ist jedenfalls, so sehr der Energiespareifer angesichts des Krieges in der Ukraine, der Klimakrise und der Ressourcenknappheit gesellschaftlich erwünscht ist: Der gute Wille reicht nicht immer.

Das zeigt sich etwa bei den Lampen mit Bewegungsmeldern, die in modernen Gebäuden sehr beliebt, aber oft nicht sehr hilfreich sind. Wer schonmal verzweifelt winkend in der dunklen Toilettenkabine saß, dem sind die gesparten Kilowattstunden herzlich egal. Oder bei Ideen wie der von Bundesdigitalminister Volker Wissing, der kürzlich kritisierte, dass Instagram-Fotos vom Essen ein unnötiger Ressourcenverbrauch seien. In der Rangliste der schlimmsten Umweltsünden hätte der Minister sicher bessere Beispiele gefunden, um sie auf der großen Bühne anzuprangern. Aber vielleicht steckt darin immerhin eine gute Nachricht für die Sportler im Lahn-Dill-Kreis: Wer einmal in der Sporthalle kalt duscht, kann danach sicher guten Gewissens Fotos seines Essens in den Sozialen Medien teilen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5600978
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.