Süddeutsche Zeitung

Coronavirus:Merkel: Wir müssen Zeit gewinnen

Erstmals äußert sich die Kanzlerin ausführlich zur Epidemie. Ziel sei, die Ausbreitung zu verlangsamen. Gesundheitsminister Spahn lehnt die flächendeckende Schließung von Schulen ab.

Von Boris Herrmann, Berlin

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) fordert von der deutschen Bevölkerung eine gemeinsame Kraftanstrengung im Kampf gegen das Coronavirus. "Da sind unsere Solidarität, unsere Vernunft, unser Herz füreinander schon auf eine Probe gestellt, von der ich mir wünsche, dass wir diese Probe auch bestehen", sagte sie am Mittwoch im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin. "Das Virus ist in Europa angelangt. Es ist da. Das müssen wir alle verstehen", betonte die Kanzlerin.

Es gehe jetzt vor allem "um das Gewinnen von Zeit", indem alle gemeinsam dafür sorgten, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Bund, Länder und Kommunen sowie alle 83 Millionen Menschen in Deutschland müssten daher alle Kräfte einsetzen, damit das Gesundheitssystem nicht überlastet werde. Zugleich rief die Kanzlerin die Menschen in Deutschland im Umgang mit Corona zur Besonnenheit auf. Die Bundesrepublik habe gute Sicherungssysteme, um wirtschaftliche und soziale Folgen der Viruskrise abzumildern. "Wir werden alles Nötige tun", sagte Merkel, das gelte auf nationaler wie europäischer Ebene. Forderungen nach Grenzschließungen erteilte sie eine klare Absage: "Es geht nicht darum, dass wir uns in Europa voneinander abschotten", so Merkel, sondern um Solidarität unter den EU-Staaten. Am Vorabend hatte der Europäische Rat wegen der Epidemie erstmals in der Geschichte per Videokonferenz getagt.

Auch Merkels Auftritt am Mittwoch in Berlin war eine Premiere, erstmals stellte sie sich der Hauptstadtpresse im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Angesichts einer weiteren Ausbreitung des Virus war sie für ihr zögerliches Auftreten kritisiert worden. Am Dienstag hatte die Bundeskanzlerin in der Sitzung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion prognostiziert, dass sich am Ende wohl 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung mit dem Virus anstecken würden, berichteten Teilnehmer. Das war ihr vom Koalitionspartner SPD als Krisenkommunikation hinter verschlossenen Türen ausgelegt worden. Mit dem Auftritt an der Seite von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wollte Merkel wohl auch signalisieren, dass sie den Einsatz gegen das Virus endgültig zur Chefsache macht.

Spahn sprach sich dagegen aus, Schulen und Kitas flächendeckend zu schließen, weil dann auch Ärzte oder Pflegekräfte zu Hause bleiben müssten, um ihre Kinder zu betreuen. Er bekräftigte aber seine Forderung, auf Großveranstaltungen wie Fußballspiele zu verzichten. Indes erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf die Virusausbreitung zur Pandemie, sie betrifft 115 Länder.

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Quelle:
SZ vom 12.03.2020
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