Süddeutsche Zeitung

China:Schuldig, weil Uigure

In Xinjang braucht es nicht viel, um im Lager zu verschwinden.

Dass China in der Provinz Xinjiang den größten Lagerstaat der Welt eingerichtet hat, hatte die Veröffentlichung der China Cables endgültig bewiesen. Die nun geleakte Karakax-Liste zeigt, welch banale Dinge genügen, um für ein Jahr im Lager zu verschwinden, wenn man nur Uigure ist: ein zu langer Bart, eine zu kurze Hose, die Beantragung eines Reisepasses, ein Telefonat mit einem Verwandten im Ausland.

Das ist irre. Hier handelt der totalitäre Staat in seiner maßlosen Kontrollwut. Hier werden Dinge bestraft, die auch in China anderswo normal sind. Die einzige Schuld der Handelnden ist die, dass sie Uiguren und Muslime sind. In den Lagern dann ist das Ziel wie einst in der Kulturrevolution: Gedankenreform. Man müsse "die Gehirne waschen und die Herzen reinigen", heißt es in einem früheren Regierungsdokument. Die Uiguren sollen allem abschwören, was nach Religion schmeckt oder nach ihrer eigenen Kultur. Sie sollen aufgehen in ihrer Liebe zur Partei und zum Vaterland China.

Verfolgt werden heute selbst bisherige Musterbürger. Sie lernen daraus, dass sie diesem Staat nie genügen können, egal wie sehr sie sich unterordnen. All die Wut, all der Frust, das wird wohl zur innerlichen Abkehr vom Staat führen. Und schafft am Ende vielleicht den Nährboden für neue Gewalt.

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Quelle:
SZ vom 18.02.2020
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