Süddeutsche Zeitung

Brexit:Studentin knockt Cameron aus

Die Literaturstudentin Soraya Bouazzaoi erkennt einen schwafelnden Politiker, wenn sie einen sieht. Das sagt sie dem britischen Premier im Fernsehen ins Gesicht. Er hat es verdient, findet sie.

Mit Soraya hätte sich David Cameron besser nicht angelegt. Oder besser, er hätte nicht versuchen sollen, sie mit seinen Allgemeinplätzen über die Gefahren eines Austritts aus der Europäischen Union zu langweilen. Als er es versucht, sagt sie: "I'm an English literature student. I know waffling when I see it, OK? - I'm sorry." - "Ich bin Studentin der englischen Literatur, ich merke es, wenn einer schwafelt, okay? Sorry." Das sitzt.

Danach fragt der Online-Ableger der britischen Daily Mail frei nach Superman: "Is it a bird? Is it a plane? No, it's Super-Soraya..." - "Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug? Nein, es ist Super-Soraya ..."

Da schaut der britische Premierminister - gestählt in Hunderten von Debatten - dann doch reichlich verdutzt. Erstmals stellt sich Cameron am Donnerstagabend dem britischen Fernsehpublikum in Sachen EU-Referendum, live und in Farbe sozusagen. Beste Sendezeit im Bezahlsender Sky. Und dann das.

Die Frage von Soraya Bouazzaoi betrifft einen Kern der Auseinandersetzung um das EU-Referendum am 23. Juni. Was ist mit der Türkei? "Wie können Sie sagen, dass es, wenn wir in der EU bleiben, keine Risiken gibt, wenn es doch so klare Risiken gibt?", will sie wissen. Insbesondere wenn es um Sicherheit gehe, um den IS, um islamistischen Terror. Oder eben um die drohende Mitgliedschaft der Türkei in der EU.

Sie jedenfalls habe nicht die Absicht "mit einer türkischen Regierung zusammenzuarbeiten, wenn sie sich dort im Parlament noch vor wenigen Wochen eine Prügelei geliefert haben".

Cameron hätte ahnen können, dass er es mit Soraya nicht so leicht haben wird. Dennoch beginnt er schlicht aufzuzählen, was er die ganze Sendung hindurch schon gesagt hat: Mit der EU wird es mehr Jobs geben, wird Großbritannien stärker sein, wird es vorwärts gehen. Solche Sachen.

Nicht mit Soraya. Sie fällt ihm ins Wort. Er beantworte ihre Fragen nicht, sagt sie. Und dann: "I'm an English literature student. I know waffeling when I see it, OK? - I'm sorry."

Cameron sieht ein, das wird so nichts. "Okay, okay", sagt er und schluckt einmal kräftig. Also, wie hält er es mit der Türkei?

Cameron entschließt sich, ein paar klare Ansagen zu machen. "Es gibt für Jahrzehnte keine Perspektive für die Türkei, der EU beizutreten." Seit 1987 wolle die Türkei Mitglied werden, 35 Einigungskapitel müssten mit der Türkei verhandelt werden. Eines sei bisher erst abgeschlossen worden. "Wenn das so weitergeht, wird die Türkei der EU im Jahr 3000 beitreten."

Eine Einschränkung macht er doch: Die Türkei sei als großer EU-Nachbar zu wichtig, um nicht mit ihr über Grenzsicherung und die Flüchtlingsfrage zu verhandeln.

"Dann können wir nur unsere Nase an die Scheibe drücken und zusehen"

Cameron will den Briten eines einhämmern: Die EU mag als Organisation nicht perfekt sein. Im Gegenteil: "Wenn Sie mich fragen, gibt es Frustrationen; dann sage ich, natürlich sind da Frustrationen." Er würde "nicht eine Minute hier sitzen und sagen, die EU ist perfekt". Und manchmal, gesteht er zu, manchmal "this organisation drives me crazy" - "bringt mich diese Organisation an den Rand des Wahnsinns".

Aber: Die EU wird nicht aufhören zu existieren, sollte sein Land austreten. Und dann "können wir nur unsere Nase an die Scheibe drücken und zusehen". Es gebe keinen Grund, den gemeinsamen Wirtschaftsraum EU, den größten Markt der Welt, zu verlassen und dann zuzusehen, wie die da drin die Regeln machen für einen Markt, auf den Großbritannien existenziell angewiesen sei.

Das ist sein Kernargument: Ohne EU mag es auch gehen, aber viel, viel schlechter. Er könnte auch einfach einen früheren Berater von US-Präsident Bill Clinton zitieren: "The economy, stupid", - "Die Wirtschaft, Dummkopf!"

Eine Frau aus dem Publikum will wissen, wie er mit dem großen Druck auf das staatliche Gesundheitssystem NHS umgehen will. Camerons Antwort: Wenn das Land die EU verlässt, wird das die Wirtschaft schwächen. Und eine schwache Wirtschaft erhöht den Druck auf das Gesundheitssystem.

Ein Flugzeug-Ingenieur will wissen, wie er den Stahlmarkt schützen will. Camerons Antwort: Das geht nur mit der EU. Wenn China Stahl zu Dumpingpreisen anbieten will, kann die EU das gemeinsam verhindern. Ohne EU wäre Großbritannien dem Problem allein ausgeliefert.

Eine Mutter will wissen, wie ihre Tochter einen Einstiegs-Job bekommen soll, wenn sie darum mit hochqualifizierten Ausländern in Konkurrenz steht. Camerons Antwort: Genug Jobs gibt es nur, wenn Großbritannien in der EU bleibt.

Camerons Argumentation wirkt zwar flach, aber eindringlich: Ein Austritt, sagt Cameron, würde der britischen Wirtschaft "fundamental schaden". Das wäre ein "Akt der Selbstverletzung".

Er scheint es ehrlich zu meinen. Soraya Bouazzaoi glaubt das nicht. War sie vielleicht doch ein wenig unhöflich gegenüber dem Premierminister, wird sie nach der Sendung gefragt. Sie findet das nicht.

"Ich glaube, er hat nur etwas von dem Geschmack seiner eigenen Medizin bekommen", sagt sie nach der Sendung. "In seinen sechs Jahren im Amt war er verlogen und unehrlich und hat viele schlimme Dinge unter den Teppich gekehrt." Sie wolle eine ehrliche Debatte über das EU-Referendum führen. Cameron scheint sie da nicht für den geeigneten Gesprächspartner zu halten. Dennoch: Sie will in der EU bleiben. Camerons Verdienst ist das nicht.

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