Süddeutsche Zeitung

Berichterstattung über Flüchtlinge:Eskalieren, ohne es zu merken

Lesezeit: 3 min

Ein Wörtchen durchsetzt die Berichte über Flüchtlinge: "Noch" gebe es hilfsbereite Menschen, "noch" komme Deutschland mit Hilfsbedürftigen klar. Da schwingt eine Drohung mit.

Ein Kommentar von Karin Janker

Es sei "drei vor zwölf". Die Formulierung sollte die Dringlichkeit unterstreichen, mit der sich Baden-Württembergs Kommunen zuletzt an ihre Landesregierung wandten. Sie seien überfordert damit, Flüchtlinge unterzubringen, und baten Ministerpräsident Winfried Kretschmann um Hilfe. Beinahe zeitgleich warnt Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) vor einem "Kollaps" in der Flüchtlingsversorgung. Und in Leitartikeln ist von einem Einwanderungsgesetz als "letztem Mittel" die Rede und von einer Republik, die unter dem Flüchtlingszustrom "ächzt".

Es ist eine defätistische Vision, die in der aktuellen Berichterstattung über Flüchtlinge aufscheint. Sie impliziert, dass ein Land, das einen so immensen Reichtum birgt wie Deutschland, nicht in der Lage sei, mehr als die bislang angekommenen schutzbedürftigen Menschen zu betreuen.

Vor allem aber legt die aktuelle Berichterstattung den Schluss nahe, die Lage spitze sich dramatisch zu. Eine Eskalation wird rhetorisch angedeutet und - das ist das Gefährliche daran - gleichzeitig legitimiert. Oft ungewollt, ohne es zu merken. Besonders subtil geschieht dies über die Rhetorik des "noch". Noch gelinge es irgendwie, Asylbewerber unterzubringen, noch seien die Menschen bereit zu helfen, aus Solidarität auf die Straße zu gehen, sich für Flüchtlinge politisch und ehrenamtlich zu engagieren. Noch.

Das-Boot-ist-voll-Ausfälle sind zum Glück passé

Das "noch" ist ein klassisches Mittel der Spannungssteigerung, des Suspense. Als Adverb beschreibt es eine Zeitspanne, deren Ende abzusehen ist. "Noch ertrage ich deine Allüren", sagt man, "aber nicht mehr lange", denkt man. Eine Drohung schwingt mit, die Gefahr, dass es irgendwann zu viel werden könnte. Selbst für die moralisch Einwandfreien. Als gäbe es eine kritische Masse, die die Situation zwangsläufig kippen lässt. Und als stünde dieser Moment kurz bevor.

So über Flüchtlinge zu reden und zu schreiben, beschwört eine bedrohliche Stimmung herauf. Schädlich ist eine solche Rhetorik nicht nur, weil sie sämtliche Konsequenzen unvermeidlich erscheinen lässt und den Querulanten von Pegida und Konsorten in die Hände spielt. Sondern auch, weil sie den Handelnden in Politik und Gesellschaft scheinbar die Mittel aus der Hand nimmt.

Zwar sind die Das-Boot-ist-voll-Ausfälle der 1990er Jahre - zum Glück - passé. Heute wagt es kaum jemand mehr, in diese Dumpfheit zu verfallen. Stattdessen verbleibt man im Modus des "noch". Noch sei der "Ansturm" zu bewältigen. Aber was passiert, wenn das adverbial Aufgeschobene dann hereinbricht? Die Drohung liegt im Ungesagten.

Die rhetorische Gewalt des "noch" ähnelt einer Naturkatastrophe

Dabei wollen viele Journalisten, die das Wort "noch" in ihren TV-Berichten, ihren Interviews, ihren Artikeln und deren Überschriften verwenden, weder drohen noch eine düstere Zukunft heraufbeschwören. Vielmehr sehen sich Berichterstatter häufig gezwungen zuzuspitzen. Also versuchen sie, Trends frühzeitig zu erkennen und herauszuarbeiten. Und durch das "noch" den Handlungsdruck für die Regierung zu erhöhen: Noch ist die Herausforderung zu bewältigen.

Das Pendant zum "noch" ist das Modell einer steigenden Kurve: In "immer mehr" Gemeinden träten Bürger ankommenden Flüchtlingen abwehrend und aggressiv gegenüber, heißt es dann.

Oder aber der Diskurs kippt ins "nicht mehr": In Österreich hat Innenministerin Johanna Mikl-Leitner vor Kurzem einen Asylstopp verhängt. Es werden dort jetzt vorrangig sogenannte Dublin-Abschiebungen in andere EU-Staaten bearbeitet, sonst würde ihr Land "das alles nicht mehr schaffen". Gnadenlos überbelegte Erstaufnahmezentren wie das in Traiskirchen illustrieren Mikl-Leitners Wort auf zynische Weise: Indem sie die Menschen im Lager zusammenpferchen lässt, schafft ihre Politik die Belege für ihre Rhetorik der Überforderung. Asylpolitik ist eine Herausforderung, aber der Öffentlichkeit ihr ständiges Versagen vorzuführen, schürt vor allem rechte Ressentiments.

Suspense als dramaturgischer Kunstgriff ist unangebracht

Dieses Gerede lässt an eine Gewalt denken, die derjenigen einer Naturkatastrophe nahekommt. Erneut das Bild von der heranrollenden Flüchtlingswelle, von einem Tsunami, gegen den Gesellschaft und Politik sich als machtlos gerieren. Das "noch" ist der Schatten, der dieser Welle vorauseilt.

Der so erzeugte Suspense schafft ein Gefühl der Unsicherheit und des Ausgeliefertseins. Ein dramaturgischer Kunstgriff, der bei der Berichterstattung über Flüchtlinge allerdings unangebracht ist. Eine Verschärfung des Konflikts vorherzusehen und sie herbeizureden, sind zwei unterschiedliche Dinge.

Dabei gibt es nichts zu beschönigen: Flüchtlingsheime brennen, Menschen werden angegriffen, Schutzbedürftigen wird der Schutz verweigert. Aber das ist kein Grund zu unterschlagen, dass gleichzeitig die Hilfsbereitschaft so groß ist wie nie zuvor. Man sollte diese Solidarität nicht unterschätzen.

Lieber die Uhr zurückdrehen

Im Gegenzug stellt sich die Frage, ob nicht eine gewisse Rechtfertigung aus diesem "noch" spricht. Denn das kleine Wort birgt die Gefahr, all jene von ihrer moralischen und praktischen Verantwortung zu entbinden, die jenseits des "noch" den Untergang des Abendlandes befürchten.

Um denen nicht weiter Zulauf zu verschaffen, sollte man sich davor hüten, eine Eskalation rhetorisch zu schüren, indem man sie als unausweichlich darstellt. Lieber die Uhr zurückdrehen, von "drei vor zwölf" auf halb zwölf.

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