Süddeutsche Zeitung

Atomanlage Buschir:Iran schaltet Reaktor ab

Iran hat sein Atomkraftwerk Buschir für Inspektionen vom Netz genommen - Experten zufolge eine ganz normale Sache. Kritiker dagegen melden Zweifel an, besonders vor dem Hintergrund der Reaktorkatastrophe in Fukushima: Die Region sei erdbebengefährdet, die Technik teilweise veraltet, und Teheran auf Unfälle unzureichend vorbereitet.

Paul-Anton Krüger

Iran hat laut der amtlichen Nachrichtenagentur Irna am Sonntag das Atomkraftwerk Buschir vom Netz genommen, um umfangreiche Inspektionen vorzunehmen. Der Reaktor war Anfang September angefahren worden und hatte eine Reihe von Tests durchlaufen. Dabei erreichte er mit mehr als 450 Megawatt knapp die Hälfte seiner Nennleistung von 1000 Megawatt.

Nach einer Überprüfung der Systeme solle das Kraftwerk Mitte November wieder ans Netz gehen und bis Jahresende seine volle Leistung in das nationale Stromnetz einspeisen, berichteten iranische Medien. Laut westlichen Experten ist eine Revision nach der Inbetriebnahme normal und lässt nicht auf technische Probleme schließen.

Nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima Mitte März waren allerdings neue Zweifel an der Sicherheit des Druckwasserreaktors vom russischen Typ WWER-1000 aufgekommen. Die Sorge, dass Kraftwerk könne einem Erdbeben nicht standhalten, hält der Greenpeace-Experte Jan Haverkamp durchaus für berechtigt, der sich seit Jahren mit dem auch in Osteuropa verbreiteten Reaktortyp befasst. Vor allem die Hochdruckleitungen, Bestandteil des Kühlkreislaufs, seien verwundbar, sagte er der Süddeutschen Zeitung. Nach Angaben des russischen Konsortiums Rosatom, das den Meiler erbaut hat, ist er darauf ausgelegt, ein Beben der Stärke 8,0 auf der Richter-Skala auszuhalten - was ebenso dem Standard westlicher Kernkraftwerke entspricht wie die Abschirmung durch einen Sicherheitsbehälter.

Zum Teil 30 Jahre alte Technik

Die Provinz Buschir am Persischen Golf wurde im Jahr 2002 von Erdstößen der Stärke 4,4 erschüttert, ein weiteres Beben im Juli 2010 erreichte den Wert 3,2, was aber laut Geologen keinesfalls ausschließt, dass es zu schwereren Beben kommen kann. In Japan hatten sich die Reaktoren nach den Erschütterungen der Stärke 9,0 noch notabgeschaltet, obwohl dieser Wert ihre Auslegung überstieg. Ein Tsunami hatte dann aber die Kühlsysteme lahmgelegt, was zur Folge hatte, dass in drei Blöcken die Reaktorkerne zumindest teilweise schmolzen.

Zudem haben die russischen Ingenieure auf Dringen Irans etwa 58.000 Teile in dem Kraftwerk verbaut, die noch aus deutschen Lieferungen stammen, wie eine Studie des Center for Energy and Security Studies in Moskau ergab. Die deutsche Kraftwerk Union hatte 1975 begonnen, in Buschir zwei Kraftwerksblöcke zu errichten, baugleich mit Biblis.

Nach der islamischen Revolution 1979 und dem Iran-Irak-Krieg nahmen die Deutschen die Arbeiten nicht wieder auf. Iran verpflichtete daraufhin 1995 Russland mit dem Weiterbau. Warnungen, dass die Integration der 30 Jahre alten deutschen Technik erhebliche Risiken bergen könne, erhielten neue Nahrung, als im Februar eine Kühlpumpe eines deutschen Herstellers bei Tests versagte. Die Betreiber mussten die Brennelemente nochmals aus dem Kern entfernen, um zu verhindern, dass sie durch Metallspäne im primären Kühlkreislauf beschädigt werden.

Sorgen der Golfanrainer

Vor allem die Golfanrainer befürchten, dass die iranische Regierung auf mögliche Unfälle nicht ausreichend vorbereitet ist. Die Bedenken wurden durch eine jüngst bekannt gewordene Entscheidung der Regierung in Teheran von Ende Mai noch bestärkt, einen eigens eingerichteten Notfallfonds über umgerechnet mehr als 6,25 Milliarden Euro aufzulösen, wie ein Vertreter eines westlichen Landes sagte. Nach seinen Angaben protestierten hochrangige Wissenschaftler der Iranischen Atomenergieorganisation in einem Brief an ihren Chef Fereydoun Abbasi-Davani gegen die vom Geistlichen Führer Ayatollah Ali Chamenei gebilligte Entscheidung.

Sie sollen Rückendeckung von mehreren Ministern und dem einflussreichen Parlamentsabgeordneten Hamed Rasay erhalten haben. Etliche Staaten der Region sind für ihre Wasserversorgung von Entsalzungsanlagen am Golf abhängig, der bei einem Unglück wie in Fukushima radioaktiv verseucht werden könnte.

Westliche Diplomaten am Sitz der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien haben zudem kritisiert, dass Iran als einziger Kernkraftbetreiber bislang der Konvention über nukleare Sicherheit (CNS) nicht beigetreten ist - ein Schritt, den Abbasi-Davani im Juni in Aussicht gestellt hat.

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SZ vom 18.10.2011/fran/olkl
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