Süddeutsche Zeitung

Chaos am Kabuler Flughafen:US-Luftwaffe ermittelt wegen Leichenteilen in Militärmaschine

Hunderte Afghanen umringten verzweifelt eine US-Militärmaschine - diese startete trotzdem. Nun wurden "menschliche Überreste" im Fahrwerkschacht gefunden.

Es waren dramatische Szenen, die am vergangenen Montag vom Kabuler Flughafen aus um die Welt gingen: Eine US-Militärmaschine setzt sich in Bewegung, umringt von Hunderten afghanischen Zivilisten. Die Menschen rennen dem Flugzeug hinterher, als es an Fahrt aufnimmt, klammern sich verzweifelt daran.

Die Maschine fliegt weiter nach Katar, dort sollen nach der Landung Leichenteile in der Maschine gefunden worden sein. Die US-amerikanische Luftwaffe hat deshalb nun eine Untersuchung zu dem tödlichen Chaos rund um den Abflug in Kabul eingeleitet. Es seien "menschliche Überreste" im Fahrwerkschacht des Flugzeuges entdeckt worden, teilte die US-Luftwaffe mit. Die Maschine bleibe vorerst zu weiteren Untersuchungen am Boden, hieß es weiter.

Es kursiert viel Bildmaterial, aber noch ist unklar, was sich tatsächlich kurz vor und bei dem Start des Flugzeugs abgespielt hat. Nach Angaben der US-Luftwaffe war die Maschine vom Typ C-17 am Montag auf dem Flughafen der afghanischen Hauptstadt gelandet, um Ausrüstung für die dortigen Evakuierungsaktionen zu liefern. Bevor die Besatzung das Material habe entladen können, sei der Flieger jedoch von Hunderten Afghanen umringt gewesen, die die Sicherheitsabsperrungen durchbrochen hätten. Angesichts der sich rapide verschlechternden Sicherheitslage habe die Crew entschieden, wieder zu starten.

Die Maschine rollte wegen der Menschen zunächst aber nur langsam, heißt es in einem Bericht der New York Times. Mit Militärfahrzeugen und Hubschraubern hätte die US-Armee versucht, die Menschen zu vertreiben. In der Luft habe die Flugzeug-Crew dann bemerkt, dass sich das Fahrwerk nicht mehr vollständig einfahren lässt. Durch eine Luke habe die Crew Leichenteile von Menschen sehen können, die sich offenbar als blinde Passagiere in einem Rad versteckt hatten.

"Die Bilder der letzten Tage vom Flughafen waren herzzerreißend", sagte Jake Sullivan, der Nationale Sicherheitsberater der USA, dazu. Auch Videos und Beiträge aus sozialen Medien würden in die Nachforschungen einbezogen, teilte die US-Luftwaffe mit. Für besonderes Entsetzen hatten Aufnahmen gesorgt, die zeigen sollen, wie Menschen aus großer Höhe aus dem Militärflugzeug fielen. Die Air Force machte in ihrer Stellungnahme keine Angaben dazu, ob tatsächlich Menschen herabgestürzt waren, erwähnte die Videos aber explizit und betonte, alle verfügbaren Informationen würden geprüft.

Weiterhin harren Hunderte Menschen rund um den Flughafen in Kabul aus. In der Stadt kursieren Gerüchte, wonach alle, die es auf den Flughafen schaffen, auch ausgeflogen werden.

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SZ/dpa/Reuters/dayk/rroi
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