Süddeutsche Zeitung

50 Jahre Unabhängigkeit von Singapur:Nation im Steigflug

Ein Stadtstaat ohne eigene Bodenschätze - geht das gut? Im Fall von Singapur ist es sogar eine 50-jährige Erfolgsgeschichte. Aber auch hier wird nun viel über Wandel nachgedacht.

Am Anfang war die Sorge groß. Wie sollte das kleine Singapur überleben? Am 9.August 1965 war der Stadtstaat unabhängig geworden, aber nicht so, wie es sich Staatsgründer Lee Kuan Yew erhofft hatte. Er hatte lange auf eine Zukunft innerhalb der Föderation Malaysia gesetzt, doch daraus wurde nichts. Die fragile Union hielt nur zwei Jahre, und 1965 trennten sich die Wege der früheren britischen Kolonialgebiete in Südostasien.

"Singapur ist draußen", titelte damals die Straits Times. Ein qualvoller Moment war das, wie Premierminister Lee notierte. Er musste weinen. "Wir steuerten in eine düstere Zukunft", schrieb er später in seinen Memoiren. Seiner Heimat Singapur fehlte ein rohstoffreiches Hinterland, wie es für ein Überleben junger Staaten damals unverzichtbar erschien.

Doch Singapur hat es auch ohne eigene Bodenschätze geschafft. 50 Jahre nach seiner Unabhängigkeit feiert die asiatische Metropole einen Aufstieg, der noch immer viele staunen lässt. Überall ragen die glitzernden Türme in den Himmel. Singapur ist, pro Kopf gerechnet, eines der reichsten Länder der Welt. Eine Stadt, die sich ganz nach oben gearbeitet hat. Fleiß, Disziplin, eine strenge Ordnung und ein ausgeprägter Sinn für nützliche Ideen haben dabei mitgeholfen. Und das Goldene Jubiläum will nun gefeiert werden.

6000 Singapurer haben mehr als 2700 Stunden geprobt

Die Stadt liebt den Superlativ. Unter dem Logo "SG 50" platzt die Metropole in diesen Tagen schon fast vor Veranstaltungen. Im Mittelpunkt steht eine aufwändige Nationalparade, die alle vorangegangenen noch in den Schatten stellen dürfte. 6000 Singapurer haben dafür mehr als 2700 Stunden geprobt. Die jüngsten sind sechs, die ältesten über 80 Jahre alt. Von den Pionieren der Aufbaugeneration bis zu den Erstklässlern, die Singapur einmal weitertragen sollen - alle sind sie vertreten.

Kapitel für Kapitel erzählen sie an diesem Tag szenisch die Geschichte Singapurs. Eine goldene Dschunke auf Rädern und Kaufleute in historischen Gewändern machen den Anfang, später drängt viel militärisches Gerät in den Vordergrund, es dröhnt und donnert, was wie die strategische Selbstversicherung einer kleinen Nation wirkt, die sich zwischen sehr großen Nachbarn behaupten oder mit ihnen arrangieren muss.

Schon Stunden vor der großen Parade drängen sich die Massen rund um die Bucht am Singapur River, ein Meer aus Rot und Weiß, Tausende Besucher tragen die nationalen Farben am Leib. Die Show vermischt Multimedia, historische Filme, farbenfrohen Tanz und martialische Aufmärsche auf sehr eigene Weise. Und immer wieder erklingen sanfte Pop-Lieder für die Herzen: "Ein Volk, ein Staat, ein Singapur", so singen die Massen, als gelte es, die Nation noch einmal zusammenzuschweißen. Dabei schwenken auf den Rängen viele unermüdlich ihre Fähnchen.

Vier Minuten später schießen dann die "Black Knights" über den Himmel, die waghalsigen Manöver der heimischen Kunstflugstaffel sind legendär. Wenn die Piloten in ihren F-16 kreuz und quer über die Skyline rasen, halten unten viele die Luft an. Deren Botschaft ist nicht zu überhören und nicht zu übersehen: donnernde Präzision, eine Nation im Steigflug. Um 18 Uhr und 49 Minuten zeichnen sie eine 50 in den Himmel und liegen damit genau im Plan. Alles andere hätte auch überrascht.

Einheit und Vielfalt soll die große Show demonstrieren, was zur Botschaft von Premier Lee Hsien Loong an diesem Tag passt. Er ist der Sohn des Gründers Lee Kuan Yew und preist Singapur als einen harmonischen Vielvölkerstaat, in dem die Ethnien - überwiegend Chinesen, Inder und Malaien - in Frieden und Wohlstand zusammenleben. "Wir werden uns am Erfolg der letzten fünf Jahrzehnte erfreuen und uns darauf verpflichten, als vereintes Volk weiterzuarbeiten."

Der Staat pflegt seinen Ruf als Hüter von Einheit und Ordnung

Diese Vision ist eine der wichtigsten Botschaften. Die älteren Singapurer haben es noch nicht vergessen, dass es in der Endphase der Kolonialzeit zu blutigen Rassenunruhen und Chaos kam. Wer heute abfällig über eine andere Volksgruppe in Singapur spricht, muss mit harten Konsequenzen rechnen. Der Staat pflegt seinen Ruf als Hüter von Einheit und Ordnung.

Die Party ist überall durchdrungen vom nationalen Stolz, sie feiern ihren eigenen Weg, die Singapore Story, wie das hier heißt. Diese Geschichte ist auch eine vom starken Staat, er ist bei diesen Feierlichkeiten die treibende Kraft - doch es ist weit mehr als verordnete Begeisterung, die in der Stadt nun zu beobachten ist. Die Singapurer zeigen gerne ihren Stolz auf das, was sie in harter Arbeit geschaffen haben.

Bürgerrechte sind eingeschränkt

Es ist ein Modell des Aufschwungs, das kapitalistischen Prinzipien folgt, ohne dabei den westlichen Freiheitsidealen zu folgen. Bürgerrechte wie Presse- und Demonstrationsfreiheit sind eingeschränkt, der Staat duldet Kritik nur in Grenzen. Das wurde kürzlich wieder sichtbar, als die Justiz einem 16-jährigen Blogger den Prozess machte und zu einer vierwöchigen Gefängnisstrafe verurteilte, weil er sich unter anderem abfällig über das Christentum geäußert hatte. Religiöse Gefühle zu verletzten, wird in Singapur strikt geahndet. Auch verhöhnte Amos Yee den Staatsgründer Lee Kuan Yew kurz nach dessen Tod und provozierte damit breiten Ärger in der Bevölkerung. Für den 16-Jährigen ging niemand auf die Straße: Solche Demonstrationen sind verboten und würden vermutlich umgehend aufgelöst.

Gleichwohl zeigt der Fall, dass sich in der jüngeren Generation Singapurs vielleicht mehr rebellischer Drang und Unzufriedenheit aufstaut, als offen erkennbar ist. Manche fragen sich, ob Amos Yee ein Einzelfall ist oder doch auf eine breitere unterdrückte Aufmüpfigkeit in der Jugend hinweist.

Das goldene Jubiläum ist nicht nur der Moment, in dem die Nation zurückblickt. Es hat auch eine breite, vom Staat gelenkte Nabelschau angestoßen, in der heute zumindest etwas mehr Kritik zugelassen wird als früher. Sofern sie nicht auf religiöse oder ethnische Zugehörigkeit abzielt. Alles dreht sich um die Frage: Wie muss sich Singapur wandeln, um die Errungenschaften der fünf vergangene Jahrzehnte für die Zukunft zu sichern?

In der strebsamen Welt Singapurs werden zu wenige Kinder geboren

Der Stadtstaat ist nicht ohne Probleme. In der strebsamen Welt Singapurs werden zu wenige Kinder geboren, die Gesellschaft wird älter und muss Wege finden, damit fertig zu werden. Der starke Zustrom von Ausländern hat zu Abwehrreflexen in der Bevölkerung geführt, der Staat drosselt seither den Zuzug von außen. Doch Singapur ist gleichzeitig angewiesen auf Offenheit und internationale Vernetzung, um sich als Wirtschaftsmetropole zu behaupten und weiterzuentwickeln.

Die regierende Peoples Action Party (PAP) beherrscht die Politik seit mehr als 50 Jahren, sie strebt bei den kommenden Wahlen einen erneuten Sieg an. Die Opposition ist zwar stärker geworden, doch gewann die PAP 2011 noch immer 81 von 87 Sitzen. Ihr nützt das Mehrheitswahlrecht, das an das britische System angelehnt ist. Die Wahlen müssen vor Januar 2017 abgehalten werden - wenn sie noch in diesem Jahr angesetzt werden, könnte die PAP von der nationalen Euphorie profitieren, die durch die Feierlichkeiten zum 9. August entfacht wurde.

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