Süddeutsche Zeitung

VW Käfer:1,5 Millionen Kilometer mit dem Herzensauto

Seit 48 Jahren ist Dieter Kuhn stolzer Besitzer des VW-Käfers "Erwin". Jeden Sonntag hat er ihn poliert, alle sechs Jahre komplett auseinandergebaut und alle Einzelteile gereinigt. Über eine Liebe, die niemals rostet.

Erwins Farbe ist nicht rot. Eher orange. Dunkelorange. Eigentlich hellrot. Mit Gelb. Also ein gelb-orangenes Fast-Rot, das keiner übersehen kann. "Clementine heißt die Farbe", sagt Dieter Kuhn, 66, und lächelt. "Ich fand das damals hübsch." Damals, 1969, als er, Mopedfahrer und junger Autoschlosser, in Voraussicht auf seinen 18. Geburtstag das Auto bestellte, das er später "Erwin" nannte: einen VW-Käfer in L-Ausführung mit gepolsterter Armatur, Aschenbecher hinten, Packtaschen in beiden Vordertüren, Schminkspiegel am Beifahrersitz. Und eben in Clementine, der Signalfarbe des erwachenden Nachkriegsdeutschlands und Ende der 60er noch immer in Mode.

Autos sind Zeugen ihrer Zeit. In ihnen steckt, was der Fortschrittsgesellschaft gerade einfällt zum Thema technisch unterstützte Fortbewegung, und deshalb ist ein Besuch bei Dieter Kuhn in Süderlügum auch eine Reise in die Vergangenheit. Denn Erwin steht immer noch in seiner Garage - fast 50 Jahre nachdem Kuhn ihn auf den Namen seines Bruders bestellte, der damals Werktätiger bei VW war, und ziemlich genau 48 Jahre nachdem er den Käfer für 4800 D-Mark vom Bruder übernahm. Vom Norddeutschen Rundfunk hat Dieter Kuhn deshalb neulich eine Urkunde als "Schleswig-Holsteins treuester Autobesitzer" bekommen.

Mann ohne Allüren

Jemand vom Radio rückte an in Kuhns nordfriesischem Idyll, außerdem ein größeres Aufgebot vom Fernsehen, zwölf Leute, vier Autos. So eilig hatten es die Medienschaffenden, dass Dieter Kuhn Erwin aus der Winterruhe reißen musste, die der Käfer mittlerweile aufgebockt und ohne Batterie genießt, damit die Federung entlastet wird. Das war ein bisschen Stress, aber Kuhn mochte die Berichte. "Und dann ruft mein Sohn an: Du stehst im Facebook drinne." Er schaute gleich nach. "Raten Sie mal, wie viele Klicks ich hatte." Zehntausend? "Über dreimal so viel."

Dieter Kuhn ist ein zufriedener Mann ohne Allüren. In seiner langen beruflichen Karriere als Autoschlosser und Arbeitssicherheitsingenieur hat er auch mal für Porsche gearbeitet und durfte sich den einen oder anderen teuren Sportwagen ausleihen. "Tolle Sache." Aber Erwin war sein Auto, robust, preiswert, leicht zu reparieren für einen Fachmechaniker wie ihn.

Deutsche Industriegeschichte

Dass Erwin heute solche Aufmerksamkeit erregt, wundert ihn gar nicht. Der Käfer ist ein prägendes Modell der deutschen Industriegeschichte, er steht für den Aufstieg VWs zum weltweiten Automobilversorger, für die Freiheit des Normalbürgers im Wirtschaftswunderland - und ehrlich gesagt auch für Anfänge in düsteren Zeiten. Die Nazis wollten einen erschwinglichen Wagen fürs Volk. Ferdinand Porsche griff bestehende Ideen auf und entwickelte bis 1938 das bucklige Gefährt, dessen Serienproduktion wegen des Krieges erst 1945 begann und bis 2003 andauerte. Erwins Statur bringt die Sehgewohnheiten von einst in die Gegenwart zurück. Käfer-Fahrer grüßen sich, wenn sie sich treffen. "Wenn Sie damit irgendwo stehen, kommen Leute auf Sie zu", sagt Kuhn.

Er lässt den Motor an. Der Käfer tuckert heiser. Kuhn fährt ihn aus der Garage. Er steigt aus und lässt die Vordertür mit einem blechernen Schlag zufallen. "Diesen Sound hat man heute doch gar nicht mehr", sagt er. Hinter Erwins Steuer ist es wie in einer Kapsel, in der vor 50 Jahren die Zeit stehen geblieben ist. Das dünne Lederlenkrad. Die schmale Armatur mit ihren Knöpfen und Zeigern. Der Tacho, auf dem bei 140 Schluss ist. "Damals war das ein Allerweltsauto", sagt Kuhn.

Erwin war sein Fahrstuhl ins Leben. Zur Arbeit ist er mit ihm gefahren, auf Dienstreisen, zum Spaßhaben, in den Urlaub. Teilweise mit sechs Leuten im engen Chassis, später mit seiner Frau und den drei Kindern. Hamburger Fischmarkt. Belgien. Südfrankreich. Er hat mal in Bayern gelebt und ist winters mit Freunden im Clementine-Käfer durch die weiße Alpenlandschaft zum Skifahren gereist. Am Riedbergpass waren sie mal eingeschneit. Erwin konnte nicht weiter, und die Freundinnen bekamen Ärger vom katholischen Elternhaus, weil sie einen Tag zu spät heimkamen. Durchs ganze Land hat Dieter Kuhn seinen Käfer gesteuert, rauf und runter, kreuz und quer. "Was schätzen Sie, wie viele Kilometer der hat?" Er verrät es mit leisem Stolz: "Eine Million fünfhunderttausend."

Das Auto als Gefährte

Ohne seine Fürsorge hätte Erwin das allerdings nicht geschafft. Alle sechs Jahre hat Dieter Kuhn ihn zerlegt und jedes seiner Teile einzeln gepflegt. Nichtrostende Schrauben hat Erwin mit der Zeit bekommen, regelmäßig einen neuen Kotflügel, frischen Lack auf die Steinschläge in der Fronthaube. Unfälle? "Ein Zusammenstoß mit einem Reh." Er war auf dem Weg zu einer Hochzeit. "Da musste ich dann mit einer Riesendelle in der Fronthaube hin." Die Haube hat Kuhn später selbst repariert. Und jeden Sonntag hat er Erwin gewaschen. "In der Morgensonne." Der Käfer war sein kostbarstes Stück, sein Herzensauto, im Grunde ein Gefährte. "Das hat lange gedauert, bis meine Frau den fahren durfte", sagt Dieter Kuhn.

Heute steht Erwin in der Garage neben einem silbergrauen, schadstoffarmen Škoda. Über die Jahre hatte Kuhn viele Autos neben Erwin, andere Käfer, Golfs, einen VW-Bus. Keiner wuchs Dieter Kuhn so ans Herz wie Erwin, auch der Škoda nicht. Wie alt der Käfer geworden ist, zeigt sich gerade in diesen Zeiten der Abgas-Debatten.

Spritztour am Sonntag

Als Erwin gebaut wurde, gab es noch keinen Diesel. Für umweltfreundliche Nachrüstungen war sein Auspuff immer zu kurz. In Süderlügums Nachbarort Ellhöft wollen die Betreiber des Bürgerwindparks ihre überschüssige erneuerbare Energie in eine Tankstelle für emissionsfreie Wasserstoffautos stecken. Wenn Dieter Kuhn mit Erwin tanken geht, muss er Blei nachfüllen, weil der Käfer das bleifreie Benzin nicht verträgt. Er hatte den Vergaser immer so eingestellt, dass Erwin nicht mehr als neun Liter Sprit auf hundert Kilometer verbrauchte.

Trotzdem, mit seinen Abgaswerten darf er in keine Innenstadt mehr. "Er ist zu dreckig, auf Deutsch gesagt", sagt Kuhn. Erwin hat ein Saisonkennzeichen, er ist nur noch von April bis Oktober zugelassen, und Dieter Kuhn fährt ihn allenfalls sonntags, für eine kleine Runde.

Früher hat er Erwin manchmal an seine Grenzen geführt. "Beim Rasen. Bergab. Kasseler Berge." Bei Tempo 140 wurde der Käfer laut, und Kuhn spürte die Straße unter den Gürtelreifen. Es waren schöne Zeiten in Clementine. Vorbei. Der Škoda ist ein gewöhnliches Komfortfahrzeug, wenn Dieter Kuhn mit dem 140 fährt, spürt er gar nichts. Ihn selbst zu reparieren, geht nicht, weil die Elektronik zu kompliziert ist.

Aber Kuhn hadert nicht. "Man muss Abstriche machen." Mit der Zeit vergeht die Kraft. Auf der Autobahn kommt Erwin nicht mehr an den Lastwagen vorbei. Und Kuhn selbst möchte sich lange Fahrten im Käfer nicht mehr zumuten. "Ich kann das gesundheitlich nicht mehr so ab." Er ist mit seinem Auto alt geworden, das ist für Dieter Kuhn ein schöner Trost.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir fälschlicherweise die Front- bzw. Kofferraumhaube des heckangetriebenen VW Käfer als Motorhaube bezeichnet.

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SZ vom 12.03.2019/cat
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