Süddeutsche Zeitung

Vergewaltigungen in Indien:Wo Frauen nichts wert sind

Und wieder schockiert die Meldung von einer Gruppenvergewaltigung in Indien. Die Aktivistin Rita Banerji hat wenig Hoffnung, dass die Männer in ihrem Land sich besinnen - weil der Staat die Täter nicht konsequent verfolge.

Von Karin Steinberger

Das Unbegreifliche ist: Es hört einfach nicht auf. Am Montag soll eine Deutsche in einem fahrenden Zug vergewaltigt worden sein. Dann eine Dänin in Delhi. Die 51 Jahre alte Frau wurde von mehreren Männern vergewaltigt, als sie nach dem Weg zu ihrem Hotel fragte.

Hier nur ein winziger Ausschnitt aus der indischen Realität: Im April 2013 war es eine Fünfjährige in Madhya Pradesh, die von zwei Männern 48 Stunden lang missbraucht wurde, sie starb am 18. April. Im August wurde eine Siebenjährige tagelang in einer Zugtoilette vergewaltigt, kurz danach machten sich fünf Männer über eine 22 Jahre alte Fotografin in Mumbai her. Im Oktober wurde eine 16-Jährige von einer Gruppe Männer vergewaltigt, sie erstattete Anzeige, wurde aus Rache von derselben Gruppe noch einmal vergewaltigt, ging wieder zur Polizei. Am 23. Dezember zündeten zwei der Täter das Mädchen an.

Das Mädchen starb fast genau ein Jahr nach der 23-Jährigen, die im Dezember 2012 von sechs Männern in einem fahrenden Bus in Delhi vergewaltigt und gepfählt wurde, bis nichts mehr in ihrem Inneren dort war, wo es hingehörte. Als die junge Frau an ihren Verletzungen starb, war Indien erst im Schock. Dann voller Wut.

Tausende gingen auf die Straßen. Es gab Men-Say-No-Blogathons, Stop-Rape-Now-Petitionen und Delhi-Gang-Rape-Rap-Songs, in Busse wurden Sicherheitskameras eingebaut, die staatliche Waffenschmiede entwarf einen leichten Damenrevolver, der in Erinnerung an das Opfer in Delhi "Nirbheek" heißen soll - furchtlos. Studenten, Juristen, Aktivisten, Dalits, Brahmanen, Hausfrauen und Frauenrechtlerinnen gingen gemeinsam auf die Straße und forderten härtere Gesetze und die Todesstrafe für Vergewaltiger.

Es war, als wäre Indien aufgewacht. Als hätten die Menschen endlich verstanden.

Im September wurden unter enormen Sicherheitsvorkehrungen und vor den Augen der Welt vier der Vergewaltiger aus Delhi in einem Schnellverfahren und mit großem Bohei zum Tod verurteilt. Der Vater des Opfers sagte: "Wir sind sehr glücklich."

Nie zuvor war eines ihrer Opfer zur Polizei gegangen

Einen Monat später saßen in einem fast leeren Gerichtssaal in Mumbai die Vergewaltiger der Fotografin und schienen nicht zu verstehen. Die Angeklagten folgten der Debatte mit leeren Gesichtern, als hätten sie gar nicht begriffen, weswegen sie hier sind. Sie machten den Eindruck, als würde der Prozess in einer fremden Sprache geführt. Ein Zeuge sagte: "Sie waren wie ein paar Kinder, die einen Hund gefunden hatten, dem sie ein paar Feuerwerkskörper an den Schwanz gebunden haben, nur um zu sehen, was passiert."

Nie davor sei eines ihrer Opfer zur Polizei gegangen, sagten die Vergewaltiger. Warum also dieses?

Rita Banerji ist politische Aktivistin und eine der bekannten Frauenrechtlerinnen Indiens. Wenn man sie fragt, warum die Vergewaltigungsfälle in Indien nach den Todesurteilen nicht weniger werden, meint man ihr Lachen zu hören. Warum? "Mehr als 30 Prozent der Regierungsangestellten in Indien haben einen kriminellen Hintergrund, Vergewaltigung, Mord, Diebstahl. Wenn Kriminelle regieren, werden sie nicht das System aufräumen."

Rita Banerji ist vieles: Umweltschützerin, Autorin, Fotografin, Frauenrechtlerin. Sie war 18, als sie in die USA ging, und 30, als sie nach Indien zurückkam. Ihr war sofort klar, dass sich etwas ändern muss für die Frauen, die seit Jahrtausenden tun, was eine Frau zu tun hat: Als Kind gehorcht sie dem Vater, als Ehefrau dem Ehemann, als Mutter dem Sohn. Demütig wie die Göttin Sita. 2006 gründet Rita Banerji die "50 Million Missing Campaign". Für sie ist die systematische Auslöschung von Frauen und Mädchen in Indien ein Genozid gemäß der UN-Konvention zum Völkermord. Sie kämpft dafür, dass die UN diesen Genozid offiziell anerkennen. Sie macht sich damit nicht nur Freunde.

Mehr als 50 Millionen Frauen sollen in den letzten drei Generationen in Indien getötet worden sein, eine Million weibliche Föten werden jedes Jahr abgetrieben und Tausende Mädchen gleich nach der Geburt stranguliert oder ausgesetzt; Mädchen unter fünf Jahren haben eine 75 Prozent höhere Sterblichkeitsrate als Jungen in dem Alter. Abtreibung, Kindstötung, Vernachlässigung, Mitgiftmord, sogenannte Ehrenmorde, Gewalt. Es gibt viele Arten, eine Frau loszuwerden.

In manchen Bundesstaaten in Indien gibt es mittlerweile so wenige Frauen, dass die Eltern für ihre Söhne aus ärmeren Bundesstaaten oder aus anderen Ländern Bräute kaufen. Es sind Frauen für den Allgemeingebrauch, von vielen Männern benutzt, Durchschnittspreis: 40.000 Rupien, 500 Euro. Manche sagen, man könne auch schon für 1000 Rupien eine Frau bekommen - für zwölf Euro.

"Der Bodensatz für solche Zustände ist die kriminelle Politik in diesem Land, in dem sich Kriminelle wohler fühlen als normale Bürger", sagt Rita Banerji. "Da wird Vergewaltigung vom Gesetz oft nicht mal als Vergewaltigung anerkannt. Bride-trafficking zum Beispiel, diese Frauen werden von zahllosen Männern missbraucht und vergewaltigt, aber die Polizei zuckt nur die Schultern und sagt, sie sind verheiratet." Vergewaltigung in der Ehe ist keine Vergewaltigung.

Dann erzählt Banerji von dem kleinen Dorf Sutia in Westbengalen, in dem die Kriminellen eines Tages damit anfingen, Vergewaltigungen als Druckmittel zu nutzen, um die Menschen zum Schweigen zu bringen. Von 2000 bis 2002 wurden in diesem einen kleinen Dorf 33 Frauen vergewaltigt und 13 Menschen getötet. Alle hatten Angst, alle kuschten, bis eines Tages der junge Lehrer Barun Biswas öffentlich sagte: "Wenn uns der Mut fehlt, uns gegen die Vergewaltiger zu wehren, dann haben wir eine härtere Strafe verdient als sie."

Am 5. Juli 2012 wurde er auf offener Straße von hinten erschossen. Keiner der Passanten half, ihn ins Auto zu heben oder ihn ins Krankenhaus zu bringen.

"Kriminelle in Indien haben keine Angst"

Aber in den großen Städten lassen sich die Leute nicht mehr so leicht einschüchtern seit der brutalen Gruppenvergewaltigung in Delhi Ende 2012. Viele tragen seitdem Buttons, auf denen steht: "I respect women". Und nach jeder Vergewaltigung gehen sie wieder auf die Straße, sie tragen Kerzen durch die Nacht und schreien ihre Wut in die Gesichter der Polizisten. Sie tragen Schilder vor sich wie Waffen: "Wer ist der Wilde? Die Polizei. Die Regierung. Oder der Vergewaltiger?"

Die Kluft zwischen den Menschen und den Institutionen, zwischen den Bürgern und den Politikern wird immer größer. Sie ist zu einer riesigen Schlucht aufgerissen. Rita Banerji mag die Dinge etwas brutaler sagen als andere, aber im Grunde sehen es viele so wie sie.

Der Bruder der getöteten Studentin in Delhi sagte zum einjährigen Todestag: "Wir denken, dass die Gesellschaft als Ganzes ihre Haltung ändern muss."

Rita Banerji fragt: Wie soll eine Gesellschaft ihre Haltung ändern, wenn ein hoher Politiker, der wegen Vergewaltigung vor Gericht steht, weiter Politiker sein darf? Wenn ein Richter ein Kind, das von mehr als 40 Männern vergewaltigt wurde, eine "Kinderprostituierte" nennen darf. Es sei doch so, dass die Wahrscheinlichkeit, in Indien für eine Vergewaltigung bestraft zu werden, noch immer so gering ist, dass es keinen Täter abschrecke. "Kriminelle in Indien haben keine Angst. Ich glaube sogar, dass es einen Anstieg von Gruppenvergewaltigungen und Morden an Frauen gibt."

Immerhin gehen jetzt immer mehr Opfer zur Polizei und zeigen die Täter an. Das ist neu. Früher wurden sie dort oft gleich noch einmal vergewaltigt. Auch wenn keiner weiß, wie viele Frauen noch immer schweigen, wie viele sich aus Scham selbst töten. Und natürlich, wenn wie jetzt Ausländerinnen vergewaltigt werden, arbeite die Polizei schnell und vorbildlich. Wenn es eine Inderin ist, noch dazu eine arme, passiere oft nichts, sagt Banerji. "Es gibt Verbesserungen, aber die sind eher kosmetisch."

Die Inderinnen kennen die Angst, sie haben ihr Leben so eingerichtet, dass sie nicht mehr alleine unterwegs sind. Sie lassen sich abholen, sagen Termine ab, wechseln ihre Jobs. Wenn sie es sich leisten können, fahren sie mit dem Taxi nach Hause. Dann telefonieren sie mit ihren Müttern, die ganze Fahrt lang, bis sie der Taxifahrer absetzt. Rita Banerji hat nach den zwei neuen Fällen auch Sicherheitstipps für Ausländerinnen auf ihre Webseite gestellt: "Die glauben ja oft, dass die Medien übertreiben. Aber sie übertreiben nicht."

Rita Banerji ist eine starke Frau, aber manchmal auch eine müde. Die Menschen seien einfach hilflos, sagt sie. "Es ist das Gefühl, in einer Anarchie zu leben."

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SZ vom 16.01.2014/dato
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