Süddeutsche Zeitung

Waldbrände in der Türkei:Ein Glas Tee aus dem Feuerlöscher

Das Krisenmanagement Recep Tayyip Erdoğans und dessen Gebaren an den Brandorten rufen harte Kritik hervor. Dass es noch schlimmer geht, zeigen andere türkische Politiker.

Von Tomas Avenarius, Istanbul

Überraschung, Überraschung! Jeder wusste, wen der Rapper Şehinşah meinte, als er bei seinem Konzert zur großen Geste ansetzte und rief: "Ich habe eine Überraschung für euch, Freunde! Ich hoffe, sie gefällt euch!" Anschließend warf er unter dem Gejohle der Fans Teepäckchen ins Publikum. Imitiert von dem Musiker mit dem Bühnennamen "König der Könige" wurde - standesgerecht - kein anderer als der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Im Gegensatz zum Rapper hatte der Präsident kurz zuvor nicht den richtigen Ton getroffen. Der Staatschef war am Wochenende in die Waldbrandgebiete in der Südtürkei gereist, hatte die brennenden Dörfer aber nicht wirklich besucht. Er hatte sich das Desaster vom Hubschrauber aus angesehen und nach einer Rede in der Stadt Marmaris Päckchen mit Schwarztee in die Menge geworfen.

Das mit dem Tee fanden viele Türken geschmacklos angesichts der Not der Menschen im Katastrophengebiet. "Nimm deinen Tee und hau ab", hieß es im Netz. Ayşenur Arslan, eine bekannte TV-Moderatorin, twitterte: "Ich konnte es nicht glauben. Soll ich lachen oder weinen? Schade um dieses Land."

Denn im Katastrophengebiet bleibt die Verzweiflung weiter groß. Mindestens acht Menschen sind schon tot, ungezählte Häuser abgebrannt, riesige Wälder, Felder und Viehbestände vernichtet, der Tourismus ist bedroht. Die Feuerwehr kommt längst an ihre Grenzen, auch wenn die Regierung betont, wie viele Wald- und Buschfeuer schon unter Kontrolle seien. Dass inzwischen das Militär mit 400 Mann sowie eigenen Helikoptern und Löschwagen in den auch als Touristenregionen bekannten Küstengebieten eingesetzt werden muss, zeigt, dass die Situation kritisch bleibt. Die Tageszeitung Hürriyet schrieb über die Zerstörung vor Ort: "Es sieht aus wie in Hiroshima."

In sechs Provinzen an Mittelmeer und Ägäis brannte es am Dienstag noch: in Antalya, Adana, Mugla, Izmir, Isparta und in Denizli. Von 132 Großfeuern seien inzwischen zwar 125 eingehegt worden, so die Regierung. Besonders stark betroffen aber blieb die Mittelmeer-Urlaubshochburg Antalya. Bürgermeister Muhittin Böcek twitterte am Montag: "Das Feuer hat die Stadt erreicht. Ich appelliere an die Behörden, schickt Flugzeuge und Hubschrauber. Die Menschen brennen."

"Habt ihr kein Schamgefühl?"

Wie schlecht Erdoğans Nummer mit dem Tee angesichts solch verheerender Zustände ankam, zeigte nicht nur die Einlage des Rappers Şehinşah, der ein ohnehin wenig geliebter Bekannter des Staatschefs ist. Der Musiker war einst wegen "Präsidentenbeleidigung" festgenommen worden: Angeblich hatte er in einem inzwischen gelöschten Tweet über Erdoğan - mit einem dezenten Seitenhieb auf den offenbar von ihm ebenso wenig geschätzten kanadischen Sänger Justin Bieber - geschrieben: "Ich möchte ein Haar an deinem Arsch sein, Justin Tayyip."

Aber es geht bei der Sache mit dem Tee und der Kritik an der Regierung um mehr als um rüden Rapper-Humor. Auch der bekannte Schauspieler Emre Kınay, Unterstützer der von der Regierung als "unpatriotisch" kritisierten privaten Netzkampagne "HelpTurkey", geißelte den Staat und seine Vertreter in Sachen mangelhafter Katastrophenhilfe. "Habt ihr kein Schamgefühl? Der gesamte Süden brennt!"

Kınay ließ nichts aus. Weder die türkischen Löschflugzeuge, die nicht vom Boden abheben können, weil der Staat sie jahrelang nicht mehr gewartet hat, und die nun durch im Ausland geliehene Maschinen ersetzt werden müssen. Noch Erdoğans Versprechen, den Menschen ihre niedergebrannten Wohnhäuser und Ställe rasch durch Neubauten zu ersetzen. Die Menschen sollen, wie später nachgeschoben wurde, diese Neubauten kaufen und für die staatliche Hilfe 20 Jahre lang Raten abzahlen.

Der Gipfel in Sachen schlechter Krisen-PR

Das Resümee des Schauspielers war entsprechend bitter: "Wer hier ein echter Patriot ist und wer nicht, das verstehen die Leute jetzt ganz von selbst." Kınay spielte auf den nicht nur in oppositionellen Kreisen verhassten "Kommunikationsdirektor" der Regierung, Fahrettin Altun, an. Der hatte die Netzaktion "HelpTurkey" und ihre prominenten Unterstützer in die Ecke von Vaterlandsverrätern gerückt, weil sie das Ausland um Hilfe baten.

Den Vogel in Sachen schlechter Katastrophen-PR dürfte Mehmet Özeren abgeschossen haben, ein eher unbekannter Ortsvorsteher und Vertreter der Regierungspartei AKP im Süden der Provinz Antalya. Er gab den verzweifelten Opfern des Großfeuers in einem TV-Interview Folgendes mit: Die Besitzer der Häuser, die nicht niedergebrannt seien, würden sich angesichts der Qualität der vom Staat versprochenen neuen Häuser bald etwas ganz Unerhörtes denken: "Wären unsere Häuser doch bloß auch abgebrannt."

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