Süddeutsche Zeitung

Swissair-Absturz vor Kanada:Doku nährt Zweifel an Unfalltheorie

Der Absturz einer Swissair-Maschine im September 1998 kostete 229 Menschenleben. Ein Dokumentarfilm zieht nun die offizielle Absturzursache in Zweifel. Der Chef-Forensiker der damaligen Untersuchung sagt, es gab deutliche Hinweise auf einen Brandsatz - die er nicht weiterverfolgen durfte.

"Es hätte eine Morduntersuchung geben sollen, aber dazu kam es nie." Mit diesem Satz zweifelt Tom Juby die offizielle Version über die Ursache des Absturzes einer Swissair-Maschine am 2. September 1998 in der Nähe der Stadt Halifax an. Alle 229 Passagiere und Besatzungsmitglieder kamen damals ums Leben.

Juby behauptet, es habe deutliche Hinweise auf einen möglichen Brandsatz gegeben, der das Flugzeug vor Peggy's Cove abstürzen ließ. Brisant an der Sache ist, dass Juby immerhin der Chefforensiker der damaligen Untersuchung war. Nun steht er im Zentrum eines Dokumentarfilms des kanadischen Fernsehens CBC, der am Freitagabend ausgestrahlt wurde und prompt Aufregung verursachte.

Offizielle Absturzursache: Defekt im Bordunterhaltungssystem

Er sei von der kanadischen Transportsicherheitsbehörde TSB angehalten worden, starken Indizien für ein Verbrechen nicht nachzugehen, sagte der ehemalige Chefforensiker. Zudem sei ihm befohlen worden, jegliche Hinweise auf einen Anschlag aus seinen Protokollen zu entfernen, was in Kanada ein krimineller Akt sei.

Die TSB, die den Absturz der MD 11 vor Kanadas Ostküste untersuchte, sprach immer von einem Unfall. Als offizielle Brandursache gilt ein Defekt im Bordunterhaltungssystem: Das Feuer sei wahrscheinlich von einem Kurzschluss in der Decke des Cockpits ausgelöst worden, der Isoliermaterial in Brand steckte. Die Kernaussage des CBC-Films aber ist: Ein Kurzschluss hätte niemals das vorliegende Ausmaß an Zerstörung und Hitze verursachen können. Sogar Aluminium sei geschmolzen. Der von den Ermittlern beauftragte Metallexperte Jim Brown habe damals Elemente an Bord gefunden, die es dort nicht hätte geben dürfen. Vor allem habe es rund zehnmal mehr Magnesium gegeben, sagte Brown. Magnesium hätte für einen Brandsatz verwendet werden können, aber das sei nie untersucht worden.

Die TSB äußert sich nicht zu den Vorwürfen. Das Schweizer Fernsehen will den CBC-Film nicht ausstrahlen, weil "die Ergebnisse nicht über Indizien und Spekulationen" hinausgingen, so die Begründung. Kommentatoren bemängeln, dass der Film vor allem auf den Aussagen eines einzigen Mannes, Tom Juby, beruhe. Die Online-Ausgabe der Neuen Zürcher Zeitung nennt Juby einen "verbitterten Mann", der sein Schweigen jetzt medienwirksam gebrochen habe, und titelt: "Ein Einzelkämpfer will keine Ruhe geben".

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SZ vom 19.09.2011/grc
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