Süddeutsche Zeitung

Streit um Bierbikes:Ballermann auf Rädern

Fahrende Spaßkanonen oder gefährliche Verkehrsteilnehmer? Bierbikes sind derzeit stark umstritten. Zwier und Henk van Laar lässt die Diskussion kalt: Die niederländischen Erfinder können die Nachfrage kaum bedienen. Ein Besuch.

Die Wiege der Spaßkultur liegt irgendwo zwischen Amersfoort und Apeldoorn. Hier in der Mitte der Niederlande, wo viele Menschen Calvinisten sind und sich ihr Plätzlein im Himmel durch Schufterei zu sichern erhoffen, steht Henk van Laar in einer Lagerhalle im Dorf Kootwijkerbroek und schweißt Metallstrebe um Metallstrebe aneinander. Funken fliegen, er macht seit Stunden, seit Tagen nichts anderes. Minneapolis wartet.

Ein Großauftrag, wieder einer für Henk und seinen Bruder Zwier, diesmal aus den USA, für 14 Bierbikes. Das sind die Spaßmobile, auf denen bis zu 16 Menschen rund um eine Theke auf Rädern sitzen und sich mittels Muskelkraft zu Bier und Stimmungsmusik fortbewegen, gerne bei Junggesellenabschieden.

Wenn eines vorfährt, ist das, als wenn ein Ufo landet: Eigentümliche Wesen machen außerirdischen Lärm auf einem befremdlichen Gefährt. Die Umwelt reagiert mit Schockstarre, Koller, Zurückwinken, was die oben freut. Schließlich machen die Reaktionen auf das Mobil den wesentlichen Teil des Spaßes aus.

In Akten steht etwas von "pedalbetriebener Abnormität"

Sechs Kilometer schafft es pro Stunde, 2,30 Meter ist es breit. Eine Tankstelle auf Rädern, die auch ohne volltrunkene Besatzung schnell zum Verkehrshindernis wird.

Man kann verstehen, dass es Menschen gibt, die das Bierbike lieben. Man kann ebenso verstehen, dass es Menschen gibt, die es hassen. Man muss sich aber wirklich sehr anstrengen zu verstehen, dass ausgerechnet die soliden Brüder aus dem bible belt der Niederlande dafür zuständig sind.

In Deutschland beschäftigen sich mehrere Gerichte mit dem Bierbike, in Akten steht etwas von "pedalbetriebener Abnormität".

Henk van Laar, 44, ist Landmaschinenmechaniker, sein Bruder Zwier, 42, Lkw-Fahrer. Zusammen haben sie das Bierbike erfunden. "Keine große Sache", da müsse man nicht viel zu reden, winkt Zwier ab, während in der Halle wieder Funken fliegen. Die Brüder kennt selbst in den Niederlanden kaum einer, es ist ihre Erfindung, die weltweit für Gerede sorgt. Gerade einmal 120 Bikes haben ihre Werkstatt bisher verlassen, eigentlich keine große Sache, sollte man meinen. Doch die Mischung aus Melkstand und Oldtimer ist mitunter in Metropolen wie Berlin, Tel Aviv, New York, Shanghai oder Budapest im Einsatz, und sie verfehlt ihre Wirkung so gut wie nie.

Ein Kneipier bat die Brüder, die im Dorf als Tüftler bekannt sind, ihm einen Wagen für den Umzug am Königinnentag zu bauen. Zwölf Jahre ist es her, da hatte die Theke auf Rädern ihre Jungfernfahrt, und Königin Beatrix war so etwas wie die inoffizielle Patin. Die Brüder nannten ihre Schöpfung "Fietscafé" und sahen, dass sie gut war. Das Gefährt erregte Aufsehen, sie bauten weitere, und seit Touristen sie in Amsterdam gesehen haben, brummt der Laden.

Auf den Schrottplätzen kennen sie die Brüder

Die Van Laars vermieten 27 Mobile in ihrer Heimat, der Rest geht in alle Welt, nach Deutschland als Bierbike, in die USA und nach Großbritannien als Pedal Pub.

Im Frühjahr sind sie in die Lagerhalle gezogen, in der alle Zutaten für den Planwagen 2.0 stehen: Räder, Farbtöpfe, Zapfhähne, Ketten. Halb fertige Mobile sind aufgereiht, ein vom Wetter gebeuteltes Bierbike aus Hamburg soll gewartet werden. Zwier van Laar blickt traurig, als er daran vorbeigeht. "Das muss man doch nachts unterstellen", brummt er. Auf den Schrottplätzen hier kennen sie die Brüder und legen allerlei für sie zurück: Hinterachsen, Kardanwellen, Felgen. Eines der Gefährte für Minneapolis ziert ein Steuer mit Opel-Blitz.

Zwier van Laar ist stolz darauf, wie sie die Sache technisch angehen. Anschlüsse für MP3-Player gibt es nun, früher hätten sich auch die Pedale weitergedreht, wenn keiner getreten hätte. Heute haben alle Bierbikes Freiläufer. Das sei knifflig gewesen in der Umsetzung, sei aber sicherer.

"Wenn der Gaul nicht will, kann der Reiter nix machen"

Die Sicherheit. München, Köln, Düsseldorf und Frankfurt verbannen die Partybikes inzwischen von den Straßen, sie seien zu gefährlich, sagen manche. Der Fahrer, der nur über Lenker und Bremse gebiete, habe keine Handhabe, wenn die an den Pedalen den Dienst versagten, auf einem Bahnübergang etwa. Immerhin wiege das Ding eine Tonne - ohne Passagiere. Zwier van Laar, ein Mann von großem Pragmatismus, sagt: "Wenn der Gaul nicht will, kann der Reiter nix machen."

In Frankfurt hat ein Auto ein Bierbike angefahren, in Köln soll ein Betrunkener heruntergekippt sein. Ernsthaft wurde noch keiner verletzt.

Henk schweißt, Zwier redet. In Deutschland und in den Niederlanden gehe es viel um Bier, meist säßen dort Männer auf dem Partymobil, sagt Zwier. In den USA aber, da buchten zu 70 Prozent Frauen, die tränken auch keinen Alkohol. "Da gilt das als Workout", sagt er, und lacht dabei, als würde ihn diese Idee selbst befremden. Platz ist auf dem Bierbike für ein 50-Liter-Fass.

80.000 Euro pro Bike

In diesem Jahr schaffen sie 50 Bikes. Angestellte haben sie nicht, sie machen alles allein in Handarbeit, nur die Theke und das Dach lassen sie schreinern. Pro Bike nehmen sie 80.000 Euro. Allein in Deutschland fahren die Spaßräder in 34 Städten, in den USA sind 20 in Betrieb, in den Niederlanden 27. Der Rest kurvt sonstwo in der Welt herum. Da solch eine Geschäftsidee kaum zu schützen ist, gibt es bereits Plagiate. Zwier van Laar macht das zwar wütend, aber ändern lasse sich das ja eh nicht. "Wir leben gut mit der Erfindung", sagt er.

Während die Brüder in Kootwijkerbroek rackern, kümmert sich Udo Klemt in Köln um die großen Linien. Er hat einen "Bierbike-Kodex" erfunden, in dem steht, dass man während der Fahrt nicht pinkeln und pöbeln darf, und dass der Fahrer vom Verleiher kommt und nüchtern ist. Klemt vergibt in Deutschland die Lizenzen für das Bierbike. Er arbeitet als Strafverteidiger, Verkehrsrecht ist sein Steckenpferd.

Gerade wartet Klemt auf Post aus Leipzig. Dort befasst sich das Bundesverwaltungsgericht mit der Frage, ob man mit dem Bierbike einfach so auf der Straße fahren darf, oder ob man eine Erlaubnis dafür braucht. Das Oberverwaltungsgericht in Münster hatte so entschieden. Hauptzweck sei das Feiern, nicht die Teilnahme am Verkehr, fanden die Richter. Nun prüft Leipzig, ob die Revision zugelassen wird, sagt der Sprecher namens Dr. Bier. Wird Klemts Begehr abgewiesen, wird es eng für die rollende Theke: Viele Kommunen wollen die ungeliebten Ballermänner auf Rädern sowieso am liebsten ausbremsen.

"Saufen und Fahren, das geht doch zusammen"

Er sei keine Spaßbremse, sagt Rainer Wendt von der Gewerkschaft der Deutschen Polizei. Aber indem die Dinger mitten in den Städten herumführen, würde signalisiert: "Saufen und Fahren, das geht doch zusammen." Volltrunkene hätten zudem im Verkehr nichts zu suchen. Er fordert ein bundesweites Verbot. Der Verkehrsgerichtstag in Goslar hatte im Januar Ähnliches angeregt.

Im Bundesverkehrsministerium sei man sich des Problems bewusst, sagt ein Sprecher. "Reguläre Verkehrsteilnehmer" seien Bierbikes nicht, also bräuchten sie eine Genehmigung. Wie genau die aussehen soll, dazu würden sich Bund und Länder dann noch austauschen.

Henk und Zwier van Laar verfolgen die Querelen in Deutschland aufmerksam, aber nicht zu aufgeregt. Als Amsterdam ihnen das Fietscafé verbieten wollte, weil es zu breit war, schweißten sie einfach schnell eine schlankere Version. In Amsterdam fahren nun Bikes, die statt 2,30 Meter nur 1,50 breit sind. Gezecht wird weiter.

Überhaupt sollten sich die Politiker und Richter nicht so haben, sagt Zwier van Laar. Einer, der ganz viel Spaß auf dem Gefährt in voller Breite hatte, sei ein Amsterdamer Stadtrat gewesen. Und aus Deutschland wüsste er, dass Richter und Polizisten dort privat gerne das Bierbike buchten.

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SZ vom 05.09.2012/jobr/rus
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