Süddeutsche Zeitung

Rückverfolgung von Lebensmitteln:Dem Erdbeerjoghurt auf der Spur

Welche Wege haben Milch, Obst und Zucker hinter sich, wenn sie im Fruchtjoghurt landen? Verbraucher werden mit der Frage nach dem Ursprung von Lebensmitteln meist alleine gelassen. Eine Suche nach der Herkunft des Erdbeerjoghurts.

Milch, Erdbeeren, Zucker, färbendes Konzentrat, Aroma - was die Zutaten angeht, sind die Angaben auf Fruchtjoghurtbechern sehr genau. Auch die enthaltenen Nährstoffe werden aufgeführt, der empfohlene Bedarf eines erwachsenen Menschen, die Nummer einer Kundenhotline und diverse Werbesprüche. Doch woher kommen die Milch, der Zucker, die Erdbeeren?

Eine Frage, auf die man als Verbraucher nicht so leicht Antworten findet, auch nicht im Rahmen einer journalistischen Recherche. Von acht Herstellern reagieren vier gar nicht auf die Anfrage von Süddeutsche.de, zwei schicken Absagen, einer bittet um Aufschub. Am Ende erklärt sich ein einziges Unternehmen bereit, Informationen bereitzustellen und Einblick in den Produktionsprozess zu gewähren.

Herkunftsangabe nur für wenige Lebensmittel verpflichtend

Mit dem Joghurt ist es wie mit den meisten Produkten, die dem hungrigen Menschen im Supermarkt angeboten werden. Ganz gleich, ob Wurst oder Käse, Marmelade oder Tiefkühlpizza: Woher die Dinge stammen, die ihm da präsentiert werden, erfährt der Kunde nicht. Das fängt schon bei der Frage nach dem Hersteller an. Auf der Verpackung muss zwar ein Firmenname inklusive Anschrift angegeben sein, dieser verweist jedoch nicht zwangsläufig auf das herstellende Unternehmen. Stattdessen kann die Adresse auch zur Firma des Verpackers oder Verkäufers gehören.

Die EU schreibt lediglich die interne Rückverfolgbarkeit von Lebensmitteln vor. Das heißt, die Produzenten müssen ihre Wareneingänge und -ausgänge dokumentieren, damit Lieferketten im Krisenfall - etwa bei der Entdeckung von Pferdefleisch in Rinderlasagne - schnell erfasst und Waren aus dem Verkehr gezogen werden können. Dass auch der Kunde informiert wird, ist dagegen nur in wenigen Fällen vorgeschrieben: Die Herkunft muss nur bei Obst und Gemüse angegeben werden, eine unmissverständliche Kennzeichnungspflicht durch Zahlen- und Buchstabnecodes gilt außerdem für Eier und unverarbeitetes Rindfleisch.

Ortstermin in Ochsenfurt

Drei Wochen nach dem ersten Telefonat geht es mit dem Zug nach Ochsenfurt, in die größte deutsche Danone-Molkerei. Am Fenster ziehen Bauernhöfe vorbei, viele kleine und einige sehr große. "Wir beziehen unsere Milch von 300 Landwirten im Umkreis von 80 Kilometern", sagt Pressesprecherin Susanne Knittel. Durchschnittlich stehen bei jedem Bauern 35 Kühe im Stall. Mit Lastwagen wird die Milch ins Werk nach Ochsenfurt transportiert - zwischen 250.000 und 300.000 Liter täglich.

180 Menschen arbeiten in der Molkerei, es gibt ein Schichtsystem, die Produktion läuft Tag und Nacht von Montagmorgen bis Freitagabend. In dem vierstöckigen Gebäude stehen zahlreiche Tanks in unterschiedlichen Größen, die durch vielfach verzweigte Metallrohre verbunden sind. Es ist warm und brummt, wie man es sich in einer Fabrik eben vorstellt. Männer und Frauen in weißen Kitteln mit Haarnetzen eilen durch die Hallen.

Die erste Zutat, die zur Milch gegeben wird, sind die Kulturen. "Das ist das wichtigste, quasi unser Schatz", sagt Kogut. Der Schatz wird in Dänemark gezüchtet und eingefroren. In Ochsenfurt werden die zu Plättchen gefrorenen Kulturen in die heiße Milch geworfen, in einem riesigen Metall-Tank muss das Gemisch mehrere Stunden bei 40 Grad "brüten", wodurch es fermentiert und fest wird.

"Es herrscht absolute Intransparenz"

Sobald natürliche Lebensmittel wie Milch oder Erdbeeren verarbeitet werden, wird die Sache mit der Herkunft besonders undurchsichtig. "Woher die einzelnen Zutaten stammen, müssen die Hersteller nicht angeben", sagt Sophie Herr vom Verbraucherzentrale-Bundesverband. "Es herrscht eine große Intransparenz, obwohl es hier um die Nahrung geht, die wir jeden Tag zu uns nehmen."

Verbraucherschützer kritisieren diesen Mangel an Information seit Jahren. Gleichzeitig wollen immer mehr Menschen wissen, woher ihre Lebensmittel stammen. In einer aktuellen Verbraucherumfrage haben 51 Prozent der Befragten angegeben, die Produktherkunft sei für ihren Kauf ausschlaggebend, Tendenz steigend. Andere Studien bestätigen diesen Trend.

Was die Dürre in Marokko mit den Angaben auf dem Joghurt zu tun hat

Nach dem Brüten im Tank wird der Ochsenfurter Joghurt abgekühlt und mit der Fruchtzubereitung verrührt, womit wir bei den restlichen Zutaten wären: Die neun Prozent Erdbeeren, die sich laut Packungsangabe im Joghurt befinden, stammen zurzeit aus Spanien und Marokko. Insgesamt bezieht das Unternehmen 70 Prozent der verarbeiteten Früchte aus Europa und dem Mittelmeerraum. Danone kauft die Erdbeeren, der Lieferant erntet, wäscht, zerkleinert und gefriert das Obst am Ort, dann geht es an einen "deutschen Hersteller von Fruchtzubereitung", dessen Name nicht öffentlich genannt werden soll. Dort werden die Erdbeeren - und an dieser Stelle wird es noch einmal international - mit Zucker aus Deutschland und Frankreich, deutschem Rote-Bete-Saft und Erdbeer-Aroma aus der Schweiz gemischt.

Ist die Fruchtzubereitung unter den Joghurt gerührt, fließt das ganze in eigenproduzierte Becher, die verschlossen, in Kartons geschlichtet und auf Paletten gestapelt werden. 110.000 Tonnen Joghurt werden so jedes Jahr produziert und aus Ochsenfurt nach ganz Deutschland und in einige angrenzende EU-Länder geliefert.

Die Führung durch die Molkerei ist aufschlussreich, auch wenn man nicht besonders viel sieht - das meiste spielt sich nun mal in Tanks und Rohren ab. Interessant ist, was Molkereileiter Johannes Kogut berichtet. "Ich könnte Ihnen innerhalb von 24 Stunden sagen, wo die Zutaten eines jeden hier produzierten Lebensmittels herkommen", sagt er.

Alles machbar, nur viel Aufwand

Bleibt die Frage, warum das Wissen offenbar vorhanden ist, gleichzeitig aber kaum nach außen dringt. Warum wird die Herkunft der einzelnen Zutaten nicht auf die Joghurtbecher gedruckt, wie Sophie Herr und andere Verbraucherschützer fordern? "Das würde uns weniger flexibel machen", sagt Kogut. Wenn es in Marokko eine Dürre oder in Spanien Eisregen gäbe, müsse das Unternehmen schnell auf andere Erdbeer-Zulieferer ausweichen, dann kämen die Früchte vielleicht für ein paar Wochen aus Italien. Die Etiketten müssten anders bedruckt werden, oft seien diese aber schon weit im voraus fertig. Eine Kennzeichnung auf dem Becher sei daher nicht praktikabel. Das bestätigen auch andere Lebensmittelproduzenten.

Aber warum werden die Infos dann nicht ins Internet gestellt, wie es bei manchen Bio-Anbietern der Fall ist? Das sei denkbar, sagt Danone-Sprecherin Knittel, die betont, dass ihr Unternehmen seit etwa anderthalb Jahren daran arbeite, den Kunden Einblick in die Produktionsprozesse zu gewähren. "Dann brauchen wir zusätzliche Arbeitskraft, die sich für sämtliche Produktlinien nur darum kümmert, die Zutateninformationen online zu stellen und aktuell zu halten. Das ist alles machbar, es ist nur viel Aufwand."

Ein Aufwand, der aufgrund der niedrigen Nachfrage noch nicht als notwendig erachtet wird. Von den jährlich 40 000 Anfragen, die bei der Kundenhotline eingehen, bezögen sich nur sehr wenige auf die Herkunft der Zutaten, sagt Knittel.

Spreewälder Gurken, die nicht aus dem Spreewald stammen

Auch wenn in Umfragen viele Verbraucher angeben, sich für die Herkunft ihrer Lebensmittel interessieren - einen Anruf scheint ihnen die Auskunft nicht wert zu sein. Doch das ist nur eine Lesart. Die andere ist, dass sich die Verbraucher an die mangelnde Transparenz gewöhnt haben. Daran, dass sie essen, was auf den Tisch oder ins Supermarktregal kommt, ohne viel zu fragen. Zumal Fragen allein selten ausreichen, um die gewünschten Informationen zu bekommen, wie diese Recherche gezeigt hat.

"Wir hoffen, dass sich das ändert", sagt Sophie Herr. Ein mündiger Verbraucher benötige ausreichend Informationen, um bewusste Entscheidungen treffen zu können. Stattdessen werde er viel zu oft im Unklaren gelassen - oder im Extremfall sogar in die Irre geführt. Wie etwa bei "Spreewaldgurken", die nicht aus dem Spreewald stammen, oder "Schwarzwälder Schinken", für den das betreffende Schwein nie im Schwarzwald gewesen sein muss. Beide Lebensmittel tragen zwar das Siegel der "geschützten geografischen Angabe", doch dafür muss nur ein Teil des Herstellungsprozesses in der Region stattgefunden haben. Es reicht zum Beispiel, wenn der Schinken im Schwarzwald geräuchert wurde.

Vor diesem Hintergrund verwundert ein weiteres Ergebnis der bereits zitierten Verbraucherstudie nicht: Demnach fehlt vielen Verbrauchern beim Einkauf die Orientierung. 80 Prozent der Befragten ärgern sich über Verpackungsangaben, 50 Prozent glauben, dass sie irreführend sind. Damit haben die Verbraucher vielleicht nicht in allen Fällen recht - aber in vielen.

Was den Joghurt angeht, war der Besuch in Ochsenfurt am Ende durchaus erkenntnisreich. Er hat gezeigt, dass auch multinationale Konzerne den Überblick behalten können, woher die Zutaten ihrer Produkte stammen. Jetzt müssen die Infos nur noch bei den Verbrauchern ankommen.

Linktipps:

Die Verbraucherzentrale zeigt, was die Kennzeichnungen auf der Verpackung bedeuten.

Redakteure der "Zeit" haben die Spur einer Pizza aufgenommen.

Wie die Gesetzeslage im Bereich der Lebensmittel-Rückverfolgung aussieht, hat der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e.V. zusammengetragen.

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