Süddeutsche Zeitung

Radikalisierung:"Wir müssen die Jugendlichen erreichen, bevor die Salafisten es tun"

Lesezeit: 4 min

In Frankreich leistet der Staat kaum Präventionsarbeit, um Jugendliche vor Radikalisierung zu schützen. In Deutschland ist das anders.

Von Felicitas Kock und Benedikt Peters

Was waren das für Leute, die in Paris mordeten? Woher kamen sie und woher nahmen sie den Hass, der sie zu ihren Taten verleitete? Je mehr über die Attentäter von Paris herauskommt, umso klarer wird, dass es sich bei ihnen um Einheimische handelte, die irgendwann auf die schiefe Bahn gerieten. Um junge Männer aus Frankreich und Belgien, die erst Kleinkriminelle waren und sich dann radikalisierten - ohne dass jemand etwas dagegen unternahm.

Dschihadismus-Forscher Asiem El Difraoui überrascht die Herkunft der Attentäter nicht. Frankreich habe sich nach Anschlägen in den 1990er Jahren (1994 entführten islamistische Terroristen ein französisches Flugzeug, zuvor wurden in Paris mehrere französische Diplomaten ermordet) stark auf den Sicherheitsaspekt konzentriert. Strengere Gesetze wurden erlassen, Überwachungsmaßnahmen ausgebaut. Die Strategie schien aufzugehen, in den Nullerjahren des 21. Jahrhunderts blieb Frankreich vom Terror weitgehend verschont.

"Die Regierung ging vor allem unter Nicolas Sarkozy davon aus, die Sicherheitsbehörden hätten alles im Griff", sagt El Difraoui. Eine andere Form der Terrorismusbekämpfung sei deshalb lange vernachlässigt worden: Präventivarbeit in gefährdeten islamischen Milieus.

Das habe auch mit dem politischen System zu tun: Im laizistischen Frankreich werden Kirche und Staat strikt getrennt. Religion ist Privatsache. An staatlichen Schulen gibt es deshalb in der Regel keinen Religionsunterricht. Das führt dazu, dass sich andere berufen fühlen, die Auslegung des Glaubens zu übernehmen. "Wenn es Religionskunde gäbe, könnte man dort extremistische Ansichten widerlegen", sagt El Difraoui. "So ließe sich den jungen Leuten zeigen: Dschihadisten haben kein Anrecht auf den Islam." Auch die Imam-Ausbildung staatlich zu regeln, wie es inzwischen in Deutschland der Fall ist, wäre eine Maßnahme. Aber auch das ist in Frankreich schwierig.

Eine Chance sieht El Difraoui in Langzeitprogrammen für junge Menschen mit Radikalisierungstendenzen. Staatliche Programme, die sich mit dem Thema beschäftigen, gibt es in Frankreich nicht, zivilgesellschaftliche Vereine viel zu selten - dabei wäre dieses Engagement essenziell wichtig, wie der Blick nach Deutschland zeigt.

Präventionsarbeit in Deutschland - den Salafisten zuvorkommen

In der Bundesrepublik wurde der Bedarf an Präventionsangeboten erkannt. Anfang 2012 hat das Bundesamt für Migration (Bamf) die Beratungsstelle Radikalisierung eingerichtet. Vier etablierte Organisationen, darunter "Hayat" aus Bonn und das "Violence Prevention Network" aus Berlin, kümmern sich in Kooperation mit der Beratungsstelle um radikalisierte Jugendliche - und darum, dass es im Idealfall gar nicht erst zu einer Radikalisierung kommt. Die vorbeugende Arbeit sei das effektivste Mittel, sagt Terrorismusexperte Ahmad Mansour, der bei Hayat als Familienberater tätig ist: "Wir müssen die Jugendlichen erreichen, bevor die Salafisten es tun."

Die jungen Leute, von denen Mansour spricht, stammen aus den unterschiedlichsten Milieus - aus prekären aber auch aus intakten Verhältnissen, aus muslimischen aber auch aus christlichen Familien. Die Lehrertochter kann genauso in Gefahr sein wie der Sohn arbeitsloser Eltern mit Migrationshintergrund. Auch die Gründe, warum Jugendliche auf die Anwerbeversuche radikaler Islamisten eingehen, sind vielfältig. "Sie können in der Radikalität eine Identität suchen oder eine Vaterfigur - oder auch nur etwas, das ihren Alltag strukturiert", sagt Mansour.

Die meisten verbinde, dass sie vorher unzufrieden waren - und die Ideologie ihnen auf den ersten Blick die Möglichkeit bietet, sich zu befreien und neu anzufangen. Viele seien außerdem "Religionsanfänger", haben also wenig Ahnung vom Islam.

Auf dem Lehrplan: Analyse von Propagandavideos

Die Anwerbung findet mal übers Netz statt, mal von Angesicht zu Angesicht. Das Schema ist fast immer identisch. Es beginne meist harmlos, sagt Thomas Mücke, Gründer des "Violence Prevention Networks". Jugendliche werden von Einzelpersonen oder Gruppen angesprochen. Man freundet sich an, der Neuling findet Geborgenheit in der Gruppe, findet Leute, mit denen er sprechen kann, die für ihn da sind. Dann beginnt die Gehirnwäsche. Die neuen "Freunde" fangen an, den Jugendlichen in den Islam einzuführen - oder in das, was sie für den Islam halten.

Sobald der Jugendliche tief genug in der neuen Gedankenwelt verstrickt ist, kommt der nächste Schritt. "Wie kannst du hier in diesem Land bleiben? Wie kannst du abends unter deiner warmen Decke schlafen, während anderswo Glaubensbrüder angegriffen, muslimische Frauen vergewaltigt und Kinder getötet werden", gibt Mücke die typischen Sätze wieder, mit denen radikalisierte Jugendliche nach Syrien getrieben werden.

Mehr als 700 Personen sind in den vergangenen Jahren von Deutschland aus nach Syrien und in den Irak gereist, um sich dschihadistischen Kampfgruppen anzuschließen. Dort geht die Gehirnwäsche weiter. "Den Leuten wird das eigenständige Denken abtrainiert, es gibt eine streng vorgegebene Sichtweise für jeden Aspekt des Lebens", sagt Mücke.

Bei den Rückkehrern unterscheiden die Experten zwischen denen, die mit tiefem Hass auf die deutsche Gesellschaft nach Syrien gegangen sind und diesen Hass auch wieder mit zurückbringen. Und den anderen, die sich verirrt haben, die in Syrien oft einen Realitätsschock erlitten haben und tief verunsichert zu ihren Familien zurückkehren. Mit beiden Gruppen versucht Thomas Mücke zu arbeiten. Das wichtigste sei, sagt er, dass die Jugendlichen Vertrauen aufbauen zu den Mitarbeitern der Organisation, zu ihren Eltern, zum sozialen Umfeld, in das sie sich wieder integrieren sollen. Und: "Sie müssen lernen, wieder selbst zu denken." Dann würden manche von alleine anfangen, das Weltbild der Islamisten in Frage zu stellen.

Anwerbeversuche erkennen lernen

Die Radikalisierung geht oft schnell, die Deradikalisierung dagegen ist ein langwieriger Prozess, der in vielen Fällen überflüssig wäre, wenn es flächendeckende Präventionsmaßnahmen gäbe. Denn ausreichend vorgesorgt wird auch in Deutschland noch nicht. 100 junge Männer und Frauen hat allein das "Violence Prevention Network" in den vergangenen 16 Monaten direkt beraten. Die Islamistenszene wächst, während die Beratungsangebote sich noch im Ausbau befinden und sich bislang auf soziale Brennpunkte konzentrieren.

Ahmad Mansour und Thomas Mücke sind mit ihren Organisationen nicht nur Ansprechpartner für radikalisierte Jugendliche und verunsicherte Eltern. Sie klären auch in Schulen über den Islam auf. Sie sprechen mit Schulklassen über Religionen, Menschenrechte und die Würde des Menschen. "Wir schauen mit Schülern auch Propagandavideos", sagt Thomas Mücke. Dann werde Schritt für Schritt analysiert, mit welchen Mitteln die Extremisten arbeiten, um junge Leute in ihren Bann zu ziehen.

"Wir müssen die Jugendlichen für das Thema sensibilisieren, damit sie merken, wenn jemand versucht, sie auf seine Seite zu ziehen", sagt Mücke. Denn nur wer einen Anwerbeversuch erkennt, kann sich auch dagegen wehren.

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