Süddeutsche Zeitung

Hamburg:Obdachlose kämpfen mit dem Kälte-Tod

Mindestens fünf Menschen haben in diesem Winter die kalten Nächte auf den Straßen der reichen Hansestadt nicht überlebt. Jetzt werden Forderungen laut, Wohnsitzlose in Hotels unterzubringen.

Von Peter Burghardt, Hamburg

Die Hamburger Tage erwachen eiskalt in diesen Wochen, für hanseatische Verhältnisse ist es ein strenger Winter. Am Dienstag obendrein Regen, die nasse Kälte kriecht draußen durch Jacken, Decken, Schlafsäcke. Und klar, ein Corona-Winter ist es auch, die Pandemie macht dieses Drama noch schlimmer.

Die meisten Hamburger steigen trotzdem aus warmen Betten, die Heizungen laufen, viele arbeiten zu Hause. Aber es gibt in der alles in allem doch sehr reichen Hansestadt ungefähr 2000 Menschen, die keine warmen Betten haben und keine Heizungen und auch kein Home-Office. Sie leben auf Gehwegen, in Fußgängerzonen oder unter Überführungen, auf Pappkartons oder alten Matratzen. Viele von ihnen kämpfen in diesen Nächten mit dem Tod.

Am vergangenen Freitag entdecken Passanten einen leblosen Mann auf dem Trottoir der Reeperbahn, die im partiellen Lockdown so leer ist wie nie, doch nach wie vor ein Ort mit zahlreichen Obdachlosen. Eine Polizeistreife von der Davidwache kam, ein Rettungswagen wurde gerufen, der Versuch der Reanimierung blieb erfolglos. 66 Jahre alt sei der Mann geworden, hieß es. "Das Sterben auf Hamburgs Straßen geht weiter", schrieb das Straßenmagazin Hinz & Kunzt. "Es ist ein weiterer vermeidbarer Todesfall, der sprachlos macht."

Sie schlafen ein und wachen nicht mehr auf. An Silvester wurde die Leiche eines 48-Jährigen an den Landungsbrücken gefunden, an Neujahr ein toter 59-Jähriger im Schanzenpark, auf einer Isomatte. Tags darauf lag der leblose Körper eines 65-Jährigen auf dem Altonaer Hauptfriedhof; er hatte dort offenbar versucht, sich in einem Zelt ein Essen zu kochen.

Zahlreiche Hamburger hatten da gerade ihre Fonduereste abgeräumt und die ausgetrunkenen Weinflaschen entsorgt nach einem Jahreswechsel, der zwar nur in kleinem Kreis begangen werden sollte und stiller war als sonst, aber für die meisten Einwohner dennoch relativ komfortabel. Dann wurde der Körper eines 45-Jährigen in Altona geborgen, unter der Überdachung eines Mehrfamilienhauses und trotzdem tödlich ungeschützt.

Fünf Todesfälle von Hamburgern ohne Unterkunft wurden 2021 bereits gemeldet. Fünf Tote, gestorben binnen zwei Wochen mitten in dieser zweitgrößten deutschen Stadt, in der mehr als 2000 Bewohner mehr als eine Million Euro im Jahr verdienen und von der es bereits 2017 hieß, es gebe hier 42 000 Millionäre und 50 000 Kinder aus Familien, die von Hartz IV leben.

Obdachlose könnten in leer stehenden Hotels untergebracht werden

Hinz & Kunzt, seit drei Jahrzehnten eine Stimme der Hamburger Obdachlosen, berichtet sogar von acht Toten in sechs Wochen. In der vergangenen Woche riefen die Zeitschrift und die Diakonie zur Mahnwache am Jungfernstieg mitten in der Hansestadt. "Open the hotels", stand auf einem Spruchband, davor Kerzen. Die Hotels stehen ja weitgehend leer, seit wegen der Viren bis auf Weiteres keine Touristen mehr beherbergt werden dürfen.

Corona habe die Lage auf der Straße noch einmal verschärft, wurde Johan Graßhof zitiert, Sozialarbeiter bei der Diakonie. Man brauche kurzfristige Lösungen, "weil die Menschen nicht in die Massenunterkünfte gehen", sie seien "verzweifelt, müde und geschwächt und suchen den ganzen Tag nach Möglichkeiten, sich auszuruhen". Stephan Karrenbauer von Hinz & Kunzt hat Sorge, dass noch mehr Menschen auf der Straße sterben. "Ich glaube, dass die Hamburger Bevölkerung auf unserer Seite ist und auch findet, dass der Senat mehr tun muss!"

Die Bürgerschaft tagte derweil im Rathaus gegenüber. CDU und Linke, die hier sonst oft Welten trennen, fordern ebenfalls Unterbringung in Hotels. Einige Bedürftige haben dank Spenden bis zum Frühling einen sicheren Schlafplatz gefunden. Auch ein privater Kältebus ist unterwegs. Doch es reicht nicht, wie die Toten zeigen.

Der rot-grüne Senat verweist auf freie Kapazitäten im städtischen Winternotprogramm mit drei Adressen. Auch die Caritas dagegen warnt, dass sich Menschen mit psychischen Erkrankungen schwerlich einlassen auf Herbergen, in denen bis zu sechs Betten im Zimmer stehen, erst recht während Corona. "Das bestehende Hilfesystem ist nicht ausreichend", so Michael Edele, Landesleiter der Caritas. Hamburg brauche eine Strategie, "bevor weitere Menschen auf unseren Straßen sterben."

"Stay at home", - das Pandemie-Motto schlechthin - ist auf einer Wand zu lesen, "is a privilege!!" Für Obdachlose klingt es wie Hohn. Es ist das Privileg aus dem geheizten Leben der anderen.

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