Süddeutsche Zeitung

NRW:Warum kamen an Silvester wieder viele Nordafrikaner nach Köln?

Die Behörden suchen nach einer Erklärung - und sind bisher ratlos. Zumindest lässt sich erklären, weshalb in NRW Tausende Marokkaner und Algerier leben, die es zum Feiern in die Großstadt zieht.

Silvester in Köln verlief in diesem Jahr weitgehend friedlich. Trotzdem löste der Jahreswechsel erneut Diskussionen aus. Über Racial Profiling, den Polizeieinsatz und die Verwendung des Begriffes "Nafri" und darüber, warum es erneut so viele Nordafrikaner nach Köln gezogen hatte.

Im vergangenen Jahr waren auf der Domplatte mehrere hundert Frauen Opfer sexueller Übergriffe geworden. Die Täter sollen vorwiegend Nordafrikaner gewesen sein, die Polizei nicht ausreichend präsent. In der Flüchtlingsfrage gilt Köln inzwischen als Wendepunkt - aus dem "Wir schaffen das" wurde ein Generalverdacht, dem seither viele Migranten ausgesetzt sind. Kein Wunder also, dass die Polizei ein zweites Köln in diesem Jahr verhindern wollte. Die Vermutung lag nahe, dass auch viele Nordafrikaner die Domplatte lieber meiden würden. Allein, um den Vorverurteilungen zu entgehen und den angekündigten verstärkten Kontrollen der Polizei.

Und trotzdem: Am 31.12.2016 kontrolliert die Polizei in Köln mehr als 1000 Männer. Viele von ihnen stammen aus Nordafrika. Auch in Essen, Dortmund, Düsseldorf und Münster beobachtet die Polizei große Gruppen nordafrikanischer Männer, stellt in mehreren hundert Fällen ebenfalls die Identitäten der Personen fest. Seither fragen sich viele: Warum besuchten erneut so viele Marokkaner und Algerier am Silvesterabend die Kölner Innenstadt? Haben sie sich bewusst verabredet? Oder wussten einige vielleicht nichts von den Ereignissen des vergangenen Jahres? Oder haben sie die Ereignisse nur anders wahrgenommen? War es einfach der Reiz der Großstadt?

Die Rückführung von Nordafrikanern ist schwierig

Eine mögliche Erklärung ist simpel: In Nordrhein-Westfalen wohnen schlicht mehr nordafrikanische Asylsuchende als in anderen Bundesländern. Die Kompetenzen für die Bearbeitung von Asylanträgen von Antragstellern aus bestimmten Herkunftsländern, wie etwa Dolmetscher, werden in einzelnen Bundesländern konzentriert - das erleichtert die Organisation. Der Schwerpunkt von NRW liegt bei den Ländern Marokko und Algerien. Im Jahr 2015 kamen etwa 10 000 Marokkaner nach Deutschland, von denen 6500 nach NRW geschickt wurden, heißt es beim dortigen Innenministerium.

In den ersten neun Monaten des Jahres 2016 wurden von den ankommenden 3400 Marokkanern 2200 über das Bundesland verteilt. Bei Asylantragsstellern aus Algerien ist es ähnlich: In einigen Monaten des Jahres 2015 seien mehr als 50 Prozent der ankommenden Algerier nach NRW geschickt worden, im Jahr 2016 seien es noch immer 33 Prozent gewesen. Seit Mitte des vergangenen Jahres gilt allerdings auch für Personen aus diesen Herkunftsländern ein Verteilungsschlüssel, nach dem das Bundesland 21,14 Prozent der Asylantragssteller aufnehmen muss.

Noch immer halten sich viele marokkanische und algerische Asylantragssteller in NRW auf - auch wenn ihre Asylanträge kaum eine Chance auf einen positiven Entscheid haben. Der Bundestag hat die Einstufung dieser Länder als sichere Herkunftsländer bereits beschlossen. "Die Rückführung ist trotzdem mehr als schwierig", sagt ein Sprecher des nordrhein-westfälischen Innenministeriums. Die Vereinbarungen sehen vor, dass etwa Marokkaner nur auf Linienflügen zurückgeführt werden dürfen. Die Fluggesellschaften akzeptieren aber meist nur ein bis zwei dieser Personen pro Flug.

Auch die Polizei war überrascht

Im Vergleich zu anderen Bundesländern wohnen also nach wie vor sehr viele Nordafrikaner in NRW, und damit auch viele Nordafrikaner, die, wie viele andere Menschen auch, den Jahreswechsel in einer Großstadt feiern wollen. Die Frage warum Köln, bleibt. Eine nicht repräsentative Umfrage auf der Domplatte am Silvesterabend bringt wenig überraschende Erkenntnisse.

Der Marokkaner Azzedine El Montaser erzählt, er wolle in Köln einfach nur das Feuerwerk am Rhein anschauen, dann feiern gehen. So wie es offensichtlich auch bei Flüchtlingen aus anderen Regionen war: Drei Iraker antworten auf die Frage, warum Köln ihre Wahl für Silvester gewesen sei: "Warum denn nicht? Köln ist doch schön." Klingt weniger nach dem Geheimtipp unter Asylsuchenden, mehr nach dem Offensichtlichen: Köln ist in NRW mit etwa einer Million Einwohnern die größte Stadt, gilt eher als bodenständig denn als abgehoben, als offene, lebendige Metropole. Mit öffentlichen Plätzen, auf denen sich jeder aufhalten kann.

Auch die Organisationen und Vereine für Flüchtlinge und Asylsuchende in NRW suchen noch nach einer Erklärung. Eine Mitarbeiterin, die weder ihren Namen noch den ihres Vereins in der Presse stehen haben will, sagt: "Viele Asylsuchende aus dem Umland fahren gerne nach Köln, auch wenn sie dort nicht wohnen. Als Begründung sagen sie, weil sie dort Freunde oder Familie besuchen - nicht, weil sie feiern wollen. Aber vielleicht würden sie mir das auch nicht sagen."

Den Verdacht, dass einige Nordafrikaner sich im Vorhinein via WhatsApp möglicherweise verabredet hätten, weist die Bundespolizei zurück. Zunächst wurde berichtet, der Präsident der für NRW zuständigen Bundespolizeibehörde in Sankt Augustin, Wolfgang Wurm, habe gesagt: "Aufgrund von Smartphone-Chats haben wir herausgefunden, dass sich Gruppen von fahndungsrelevanten Personen abgesprochen haben, dass sie sich in Köln zu Silvester treffen wollen." Von dieser Aussage will die Behörde nun nichts mehr wissen - der Polizeipräsident Jürgen Mathies habe sich lediglich an Neujahr dazu geäußert, dass man Erkenntnisse aus den sozialen Medien gesammelt, mit einer derart hohen Zahl von Nordafrikanern dennoch nicht gerechnet habe.

Die große Zahl von Nordafrikanern in Köln an Silvester überraschte selbst die Polizei, auch wenn sie in diesem Jahr besser vorbereitet war als in der vergangenen Silvesternacht. Wie es dazu kam, dass sich am 31. Dezember so viele Männer erneut in die Züge nach Köln setzten, kann noch niemand erklären. "Diese Frage ist weiterhin Gegenstand der gemeinsamen Ermittlung von Landes- und Bundespolizei", erklärt ein Sprecher der Bundespolizei.

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