Süddeutsche Zeitung

Leipziger Zoo:"Ein Happs und es ist weg"

Nachdem eine Löwin im Leipziger Zoo ihre beiden Jungen aufgefressen hat, sind viele Fragen offen. Ein Zoologe erklärt, warum Tiermütter so etwas tun.

Traurige Nachricht aus dem Leipziger Zoo: Die erst vergangenen Freitag geborenen Löwenbabys sind tot. Mutter Kigali hatte sie am Montagabend nach der Fellpflege vollständig gefressen. Eine Löwin, die ihre Jungen auffrisst? Für manche klingt das befremdlich - für Zoologen ist das Teil der Evolution. Joachim Scholz vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum in Frankfurt am Main ist eigentlich Meereszoologe, hat sich aber schon früh mit Löwen beschäftigt und einige Publikationen über die Großkatzen veröffentlicht. Seit 20 Jahren hält der 58-jährige Wissenschaftler Vorlesungen über die Tiere. Dafür informiert er sich auch immer wieder in Zoos und Zirkussen. Im Interview erklärt Scholz, warum Mütter auch mal ihren eigenen Nachwuchs töten.

SZ: Herr Scholz, warum frisst eine Löwin ihre eigenen Jungen?

Joachim Scholz: So etwas ist an sich nicht ungewöhnlich. Die Hälfte der Löwenbabys stirbt in der Savanne ohnehin bereits in den ersten Wochen. Das klingt brutal, doch die Löwin reproduziert sich nur, wenn es sich für sie lohnt. Löwinnen werfen im Schnitt zwei bis drei Junge. Wenn sie riechen, dass mit den Jungen nach der Geburt etwas nicht in Ordnung ist oder diese krank sind, kommt es vor, dass sie sie auffressen, um Energie für die Aufzucht zu sparen und zu recyceln.

Gibt es weitere Gründe für ein Verhalten, wie es die Löwin im Leipziger Zoo gezeigt hat?

Womöglich war die Mutter unerfahren. Die Zunge eines Löwen ist mit Widerhaken versehen und dadurch sehr rau. Da kann es passieren, dass die Mutter während der Fellpflege zu fest vorgeht. Möglicherweise hat daraufhin eines der Jungen etwas geblutet und deswegen hat sie angefangen, zu fressen. Zudem war es ihr erster Wurf, da ist das Risiko sowieso viel größer - der erste Wurf ist für viele Tiere zum Üben da. Für uns Menschen klingt das befremdlich. Aber nach den Regeln der Evolution ist es ein natürliches Verhalten. Tiere müssen mehr Energie einnehmen als sie verbrauchen. Wenn eine Mutter ihr Junges frisst, wird ein Teil der Nährstoffe, die in den Nachwuchs geflossen sind, wieder aufgenommen.

Erinnern Sie sich an einen ähnlichen Fall?

Vor einigen Jahren hat eine Lippenbärin in einem Zoo in Washington versucht, ihre Jungen zu fressen. Die Revierpfleger konnten allerdings noch rechtzeitig eingreifen und eines retten, die anderen landeten in ihrem Bauch. Das überlebende Bärenjunge wurde mit der Hand hochgepäppelt und brauchte erst einmal Antibiotika. Die Mutter hatte also eine schwere Infektion gewittert.

Sollten Pfleger Ihrer Meinung nach eingreifen oder der Natur freien Lauf lassen?

Das kommt darauf an. Normalerweise versucht man im Zoo schon, die Jungen zu retten - gerade bei Arten, die vom Aussterben bedroht sind. Allerdings sind die Kleinen bei der Geburt kaum schwerer als ein Hausmeerschweinchen. Das ist ein Happs und es ist weg. So schnell können die Pfleger meist gar nicht handeln.

Passiert so etwas nur bei Tieren in Gefangenschaft?

Nein, das kommt auch bei Grizzlybären in der freien Wildbahn vor. Im Übrigen fressen nicht nur Raubtiere ihre Jungen. Dieses Verhalten existiert selbst bei Zierfischen, wie etwa den Guppys, vor allem im Falle einer Überbevölkerung. Dann fressen Mütter manchmal ihre Jungen, wenn diese ihnen vors Maul schwimmen.

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