Süddeutsche Zeitung

Loch in der A20:Ein Dorf am Abgrund

  • Seit Anfang Oktober klafft ein Loch in der A20 bei Tribsees im Landkreis Vorpommern-Rügen.
  • Inzwischen ist es über 100 Meter breit.
  • Die Gemeinde stand der Autobahn vor der Haustür immer positiv gegenüber - jetzt fragen sich die Anwohner, ob beim Bau geschludert wurde.

Hinter dem Kreuz Rostock ist die Autobahn noch in Ordnung. In sanften Kurven führt sie durch die Weite Mecklenburg-Vorpommerns, über der an diesem kalten, sonnigen Morgen ein leichter Frühnebel liegt. Die Straße ist trocken, es geht gut voran. Bäume ziehen vorbei, Windmühlen, die Ausfahrten Sanitz, Tessin, Bad Sülze. Bis Schilder eine Baustelle ankündigen. Aus zwei Spuren wird eine, die freie Fahrt ist vorbei. Bevor es Richtung Greifswald weitergeht, zwingen Signal-Baken und eine Betonleitplanke zum Einbiegen nach Langsdorf. Und dann ist man da: Im Vorhof des Lochs, das seit Oktober in der A 20 klafft. Im Albtraum von Anwohnern, die immer dachten, es sei gut für ihr Dorf, an der Autobahn zu liegen.

Die Autobahnen sind ein Heiligtum im Land der Dichter und Lenker, sie stehen für den deutschen Traum von Freiheit und Ferne. Wie Lebensadern durchziehen sie die Autofahrernation über knapp 13 000 Kilometer. Mehr Schnellstraße gibt es nur in China, den USA und Spanien. Und weil die deutschen Autobahnen die einzigen in Europa ohne generelles Tempolimit sind, gelten sie weltweit als Paradiesstrecken für die kleine Alltagsraserei. Die Autobahn ist eine deutsche Marke, das Wort versteht man auch im Ausland. Man spricht es dort anerkennend, fast schwärmerisch aus. Die Deutschen, die sonst so kontrolliert und spaßgebremst wirken, vermitteln zumindest beim Autofahren einen Eindruck von Kühnheit und ungezähmter Lebenslust.

Erste Gutachten gehen von einem "Versagen des Gründungssystems" aus

Die Wahrheit der deutschen Autobahnen hat allerdings auch viel mit Schritttempo und verengten Fahrbahnen zu tun. Das Straßennetz ist eine üppige Landschaft aus Baustellen, weil es saniert und ausgebaut gehört. Der Hang der Deutschen zum Auto zeigt sich in täglichen Staus. Und am Loch in der A 20 bei Tribsees im Landkreis Vorpommern-Rügen kann man sehen, dass die deutsche Autobahn nicht grundsätzlich hält, was sie verspricht.

Jörg Stoll, Rentner aus Nütschow bei Langsdorf, früherer Straßenbauer

"Wir haben uns damals schon gefragt, ob das hält, aber die haben gesagt, sie hätten das berechnet."

Mecklenburg-Vorpommerns Landesamt für Straßenbau und Verkehr sucht noch nach der genauen Antwort auf die Frage, warum besagter Autobahnabschnitt im Oktober knapp zwölf Jahre nach der Freigabe ohne Fremdeinwirkung wegbrach. Erste Gutachten gehen von einem "Versagen des Gründungssystems" aus. Der Moorboden, auf dem dieses Straßenstück gebaut wurde, trägt es einfach nicht mehr. Schon 2014 stellten die Experten des Landesamtes leichte Setzungen fest, Ausgleichsarbeiten hielten den Verfall nicht auf. Im Sommer 2017 wurden Standstreifen und rechte Spur gesperrt. Die Straße gab weiter nach. Bald war die gesamte Fahrbahn Richtung Rostock unpassierbar, und Anfang Oktober war das Loch dann da: 40 Meter lang, zehn Meter breit, im Durchschnitt 2,50 Meter tief. Tendenz: wachsend.

Der Bund baute ohne lange Planfeststellungsverfahren

Erst vor wenigen Tagen ist auch die Gegenfahrbahn weggebrochen. 100 Meter lang ist das Loch mittlerweile. Der Asphalt ist zerrissen, die Autobahn liegt in Scherben. Sie sieht aus, als hätte sie eine finstere Macht aus dem Torf in die Tiefe gesogen.

Die Reparatur wird Jahre dauern, es ist ja jetzt nicht mehr ganz klar, ob der Untergrund an der Stelle wirklich als solcher taugt. Mancher Anwohner fragt sich, ob man diesem traurigen Bild nicht hätte vorbeugen können. Die A 20 ist ein Produkt der deutschen Einheit, sie sollte das Hinterland der mecklenburg-vorpommerschen Ostküste mit dem Westen verbinden. Der Bund baute sie ab 1992, teilweise per Investitionsmaßnahmegesetz, ohne lange Planfeststellungsverfahren.

In der Gemeinda fand man die Autobahn prinzipiell gut

Der Abschnitt bei Tribsees wurde 2005 als einer der letzten fertig. In den umliegenden Dörfern, die seit 2004 den Gemeindeverbund Lindholz bilden, fand man die Autobahn prinzipiell gut. Allerdings kannten die Menschen auch den Moorboden im Trebeltal. Früher wurde hier Torf gestochen - jetzt sollten im Schlamm die Betonpfeiler der Autobahn wachsen? "Wir haben uns damals schon gefragt, ob das hält, aber die haben gesagt, sie hätten das berechnet", sagt Jörg Stoll, heute Rentner, früher selbst im Straßenbau tätig, "jetzt wissen sie, woran sie gespart haben. Wenn sie gleich eine vernünftige Brücke drübergebaut hätten, hätten sie das Loch nicht."

Stoll steht im leeren Gastraum der Raststätte Buchholz bei Wirtin Marion Buchholz. Vor der Tür kann man die Folgen des Lochs erleben. Der Verkehr, der sonst über die A 20 gen Osten glitt, muss vorerst über die enge Hauptstraße von Langsdorf. Es ist ein ruhiger Tag, trotzdem bricht der Strom der Autos kaum ab, ständig donnern Lastwägen an den Häusern vorbei. "Es ist eigentlich unerträglich", sagt Marion Buchholz, "aber was sollen wir machen?" Sie ist eine schmale ältere Frau, die im Grunde immer zufrieden war. Seit 20 Jahren betreibt sie die Gaststätte. "Es lief vernünftig" - auch wegen der Autobahn.

Eine Brücke über das Loch zu setzen, scheitert am Untergrund

Aber jetzt ist die Idylle dahin. "Meine Stammkunden bleiben weg", sagt Marion Buchholz. Und die anderen kommen auch nicht mehr so zahlreich wie bisher. Wer hier vorbeifährt, möchte das Nadelöhr schnell hinter sich lassen. Ortskundige Kraftfahrer wählen andere Routen. Ihre drei Gästezimmer kann sie guten Gewissens nicht mehr vermieten, weil das Risiko zu groß ist, dass dröhnende Schwertransporter die Nachtruhe stören. Und die Begehrlichkeiten der Behörden haben sie Nerven gekostet. Ein früherer Plan sah vor, dass die Umleitung über ihr Grundstück nur wenige Meter an der Terrasse der Raststätte vorbeiführt, die entsprechende Ankündigung im Schaukasten der Gemeinde war ihr entgangen: "Eines Tages stand der Vermesser in der Tür." Die Einspruchsfrist war noch nicht abgelaufen, Marion Buchholz hatte Glück. Aber die Belastung mit Lärm und Abgasen wird vorerst nicht besser - und der Sommer kommt ja erst noch, wenn Erholungssuchende in Massen ans Meer oder auf die Inseln wollen.

"Der Verkehr muss raus aus dem Ort", sagt Marion Buchholz. Eine Brücke über das Loch zu setzen, scheitert am Untergrund, das erklärt das Infrastrukturministerium des SPD-Ressortchefs Christian Pegel. Jetzt hoffen Marion Buchholz und die anderen Anrainer auf die nächste Variante: die Umleitung dorthin zu verlegen, wo zu Zeiten der A-20-Entstehung die alte Baustraße verlief. 13 von 14 Privatgrundbesitzer haben dafür Flächen verkauft oder verpachtet, auch Marion Buchholz. Aber eine schnelle Lösung ist auch das nicht. "Die ehemalige Baustraße liegt im Naturschutzgebiet, das erschwert die Planungen. "Zudem sind die Vorgaben des Vergaberechtes und nicht zuletzt auch Kostenaspekte zu berücksichtigen", erklärt das Ministerium.

Es bricht mehr zusammen als nur eine Straße, wenn eine Autobahn wegsackt. Die Landespolitik steht trotzdem unverbrüchlich zur deutschen Autobahn im Allgemeinen und zur A 20 im Besonderen. "Ist die A 20 eine Pannenautobahn?", fragt sich das Schweriner Infrastrukturministerium selbst auf seiner Homepage und antwortet: "Nein. (...) Die Autobahn ist über die Jahre gut nutzbar gewesen und in einem guten Zustand." Nur jetzt eben nicht mehr.

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SZ vom 16.02.2018/csi
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