Süddeutsche Zeitung

Flut in Libyen:Bewältigung der Katastrophe kann "viele Monate oder Jahre" dauern

In der Küstenstadt Derna ist die Zerstörung durch die Überschwemmungen extrem. Etwa ein Drittel der Stadt könnte verwüstet sein. Immerhin läuft die Hilfe jetzt an - und es gibt Geschichten, die optimistisch stimmen.

Von Oliver Klasen

Es gibt zwei Dimensionen, um die Katastrophe zu erfassen, die über Libyen und speziell über die libysche Küstenstadt Derna hereingebrochen ist: Zahlen, die ausdrücken, wie verheerend sich die Überschwemmungen ausgewirkt haben, und Einschätzungen von Menschen, die die Zerstörungen mit eigenen Augen gesehen haben.

Zuerst die Zahlen.

884 000 Menschen, das sagt das Nothilfebüro der Vereinten Nationen in Genf, abgekürzt OCHA, leben im Katastrophengebiet. Mindestens 250 000 dieser Menschen seien dringend auf Hilfe angewiesen.

18 000 bis 20 000 Menschen, diese Zahl nannte Bürgermeister Abdulmenam al-Ghaithi bereits am Mittwoch im Fernsehen, sollen alleine in Derna zu Tode gekommen sein. 10 000 Menschen gelten seit Montag als vermisst, wie viele davon tot sind oder inzwischen lebend gefunden wurden, ist unklar.

Sieben Meter hoch war die Flutwelle

Mehr als 2200 Gebäude, so die Schätzung des OCHA, dürften durch die Überschwemmungen zerstört oder in Mitleidenschaft gezogen worden sein. 30 000 Menschen sind infolge der Flut obdachlos geworden, schätzt die Internationale Organisation für Migration.

Fast 70 Millionen Euro Soforthilfe sind laut UN nötig, sie würden für drei Monate Überstützung reichen. Gerade die wohlhabenden westlichen Staaten sollten doch schnell Geld zur Verfügung stellen, bitten die Vereinten Nationen.

Sieben Meter hoch war die Flutwelle, die Derna erfasste. In den Bergen oberhalb der Stadt waren zwei Staudämme gebrochen. Sie waren in den 1970er-Jahren konstruiert worden und sollen marode gewesen sein.

"Diese Katastrophe war heftig und brutal", sagt Yann Fridez, der Leiter der Libyen-Delegation beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK). Große Teile der Infrastruktur seien zerstört. Das ist eine nüchterne Umschreibung für das, was in Derna passiert ist. Die Flutwelle riss auf ihrem Weg von den Bergen bis zur Küste alles mit, was ihr im Weg stand. Autos, Bäume, Straßen, Brücken, Strommasten, Häuser, ja ganze Straßenzüge.

Die Lage wäre auch so schon schwierig. Aber in Libyen kommt die politische Situation hinzu

"Ganze Wohnviertel sind von der Karte verschwunden", sagt UN-Nothilfekoordinator Martin Griffiths. Satellitenbilder ließen darauf schließen, dass die Stadt womöglich zu einem Drittel zerstört sei. Es könne, so vermutet IKRK-Experte Fridez, "viele Monate, vielleicht Jahre" dauern, bis die Stadt sich wieder erholt hat von der Katastrophe.

Anwohner berichten, die Stadt sei noch immer "voller Leichen". Viele durch die Flut ins Meer fortgerissene Menschen wurden tot an Land angespült. An einigen Orten warten Anwohner immer noch auf Häuserdächern darauf, dass sie in Sicherheit gebracht werden. Die Rettungsarbeiten wären auch unter normalen Bedingungen schon kompliziert, weil viele Straßenverbindungen weggeschwemmt und Kommunikationsverbindungen komplett abgerissen sind.

Doch in Libyen kommt noch die politische Situation erschwerend hinzu. Das Land ist de facto geteilt, zwei rivalisierende Regierungen im Osten und im Westen bekämpfen sich seit Jahren - und es zeigt sich jetzt im Angesicht der Katastrophe, wie verheerend sich diese Spaltung für die Menschen im Land auswirkt.

Knapp 72 Stunden könnten Menschen in den Trümmern überleben. Normalerweise

Andere Staaten, die Vereinten Nationen, die EU, versuchen so schnell es geht zu helfen. Vom Technischen Hilfswerk sind aus Deutschland 100 Zelte, 1000 Feldbetten, 1000 Decken, 1000 Isomatten, 1000 Wasserfilter und 80 Stromgeneratoren in Libyen angekommen. Das Welternährungsprogramm (WFP) hat begonnen, dringend benötigte Nahrungsmittelhilfe für mehr als 5000 Familien bereitzustellen. Aber es wird dauern, bis diese Hilfe in Derna ankommt. Weil viele Straßen zerstört sind, plädieren die libyschen Behörden dafür, eine Seebrücke für die Anlieferung von Hilfe und die Evakuierung von Verletzten einzurichten.

Auf 72 Stunden taxierten Rettungsexperten normalerweise die Zeit, die ein Mensch ohne Wasser auskommen kann, also möglicherweise auch verletzt und bewegungsunfähig unter Trümmern liegend, überleben kann, irgendwie.

Doch bei jeder Naturkatastrophen gibt es diese Fälle, die nicht "normal" sind. Am Donnerstag meldete das libysche Fernsehen, dass ein 20-Jähriger lebend aus Trümmern gerettet wurde - nach 96 Stunden.

(Mit Material der Nachrichtenagenturen)

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