Süddeutsche Zeitung

Indien:Mit Spitzhacken in die Freiheit

Nach 17 Tagen sind die Rettungskräfte endlich zu den 41 Arbeitern gelangt, die in einem Tunnel in Indien eingesperrt waren. Die Männer wurden auf einer rollbaren Trage ins Freie geholt.

Von David Pfeifer, Bangkok

Als alles andere nichts mehr half, kamen tatsächlich Arbeiter mit Spitzhacken, um die 41 Verschütteten aus dem Silkyara-Tunnel zu retten. Man sah sie, von Fernsehkameras aus der Ferne eingefangen, wie sie im Gänsemarsch in den Tunnel marschierten. Kameras hatte die Regierung aus dem unmittelbaren Eingangsbereich verbannt, weil sie die Bergungsarbeiten, die 17 Tage andauerten, behinderten.

Als die Arbeiter die Eingesperrten schließlich am Dienstagabend Ortszeit erreichten, war es schon dunkel und die Temperaturen im Himalaja-Gebirge auf 14 Grad gefallen. Dann musste noch das Evakuierungsrohr durchgestoßen und von Trümmern befreit werden, bevor die Rettungskräfte hindurchkriechen konnten.

Mitarbeiter der "National Disaster Response Force" waren zuerst in das Rohr eingestiegen, um den Zustand der Eingeschlossenen zu beurteilen und ihnen die komplizierte Rettungsaktion zu erklären. Jeder Arbeiter wurde auf eine Trage geschnallt, die dann von Hand durch das 90 Zentimeter breite Rohr 60 Meter weit durch Gestein und Trümmer nach oben gezogen wurde. Alle fünf bis sieben Minuten einer.

Die Befreiten könnten an "Schlaflosigkeit, schlechten Träumen und Angstzuständen" leiden, sagte ein Arzt

Draußen standen Krankenwagen und Helikopter bereit, um sie in ein Krankenhaus zu bringen. Den Männern gehe es den Umständen entsprechend gut, sagte ein Mitarbeiter des Katastrophenschutzes. Ein betreuender Arzt sagte dem Nachrichtensender ND-TV, die Befreiten könnten an "Schlaflosigkeit, schlechten Träumen und Angstzuständen" leiden. Vor dem Tunnel warteten ihre Familien, die seit Tagen auf diesen Moment gehofft hatten.

Mehr als 400 Stunden waren die Männer in dem viereinhalb Kilometer langen Tunnel im indischen Bundesstaat Uttarakhand eingesperrt gewesen. Eine lange Zeit, auch wenn sie seit einigen Tagen durch eine kleine Bohrung mit Nahrung und Medikamenten versorgt werden konnten. Die Versuche, sich mit schweren Maschinen horizontal durch Geröll und Schutt zu den Eingesperrten durchzubohren, scheiterten zunächst, da die Gerätschaften im Dauereinsatz kaputtgingen. Auch der Versuch, von oben zu den Arbeitern zu gelangen, wurde wenige Meter vor dem Durchbruch eingestellt. Seit Montag setzten die Behörden "Rat Miner" ein.

Der sogenannte Rattenbergbau ist eine einfache und ziemlich gefährliche Methode, um Kohlevorkommen durch enge Gänge abzubauen. Der Name leitet sich von der Fähigkeit der Ratten ab, sich schnell durch enge Löcher zu wühlen. Sechs Spezialisten aus Zentralindien trieben auf diese Art horizontal das Rohr Meter für Meter durch die Trümmer. "Wir gehen zu dritt in den Tunnel, einer bohrt, der andere sammelt den Schlamm ein, und der dritte transportiert ihn mit einem Wagen nach hinten ab" erklärte Rakesh Rajput, einer der Bergarbeiter, der Nachrichtenagentur Reuters.

"Indien verursacht zu viele Katastrophen im Himalaja."

Der Tunnel ist Teil des 1,5 Milliarden US-Dollar teuren "Char Dham National Highway" - eines der ehrgeizigsten Projekte von Premierminister Narendra Modi und seiner regierenden Bharatiya Janata Party (BJP). Er soll vier hinduistische Pilgerstätten durch ein 890 Kilometer langes Straßennetz verbinden. Doch je länger die Bergungsarbeiten dauerten, umso lauter wurden die Stimmen, die den Sinn des Tunnelbaus hinterfragten. Hemant Soren, Regierungschef des armen Bundesstaates Jharkhand, aus dem 15 der 41 Männer stammen, kritisierte die BJP-Regierung am Montag: "Sie nehmen Arbeiter aus armen und rückständigen Staaten für solche riskanten Projekte, und wenn ihnen dort etwas passiert, wen kümmert das?" Soren konkurriert seit Jahren mit der BJP.

Die Regierung hat bis heute keine Angaben dazu gemacht, was den Einsturz ausgelöst hat. Doch die Himalaja-Region, in der der Tunnel gebohrt wurde, ist anfällig für Erdrutsche, Erdbeben und Überschwemmungen. "Indien verursacht zu viele Katastrophen im Himalaja" titelte das Wirtschaftsmagazin Bloomberg Ende vergangener Woche. "Die zunehmende Eile der Regierung, in großer Höhe zu bauen, gefährdet Leben und ein unersetzliches Ökosystem." Doch der Wahlkampf läuft, und Premier Modi möchte sich mit Erfolgsmeldungen zu einer dritten Amtszeit verhelfen.

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