Süddeutsche Zeitung

Heiligsprechung durch den Vatikan:Was Wunder sind

Nur unerklärliche Heilungen von Schwerkranken erkennt der Vatikan noch als Wunder an. Dazu kommt es immer seltener. Auch bei den anerkannten Fällen sind viele Fragen offen.

Von Markus C. Schulte von Drach

Es ist sehr schwer geworden, an Wunder zu glauben. Zumindest an solche, bei denen eine höhere Macht ihre Hand im Spiel gehabt haben soll. Denn vieles, was die Menschen in der Vergangenheit in ungläubiges - oder besser gesagt, gläubiges - Erstaunen versetzt hat, lässt sich heute wissenschaftlich erklären.

So sind auch die Maßstäbe, die der Vatikan an möglicherweise wundersame Ereignisse anlegt, recht hoch. Anerkannt werden Wunder vom Heiligen Stuhl heute vor allem noch im Rahmen der Selig- oder Heiligsprechungsprozesse. Zwar wurden in den vergangenen Jahrzehnten besonders viele Menschen heiliggesprochen. Allerdings erfüllten diese zum ganz überwiegenden Teil nicht die dazu notwendige Voraussetzung, ein Wunder bewirkt zu haben, sondern eine andere Bedingung.

Es handelte sich um Märtyrer aus vergangenen Jahrhunderten, die häufig auf einen Schlag zu Dutzenden oder sogar Hunderten heiliggesprochen wurden. Erst im vergangenen Jahr ernannte Papst Franziskus 800 "Märtyrer von Otranto" - Opfer eines Massakers türkischer Eroberer der Stadt im 15. Jahrhundert - zu Heiligen.

Dabei hatte Johannes Paul II. die Hürden für die Selig- und Heiligsprechung bereits deutlich gesenkt. Früher waren dazu je zwei bis vier Wunder notwendig. Seit 1983 reicht je eines. Trotzdem fällt es dem Vatikan schwer, Ereignisse zu bestätigen, die sich erstens mit wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht erklären lassen. Und die zweitens mit Gebeten in Verbindung stehen, die an eine bestimmte verstorbene Person gerichtet wurden.

Letztlich entscheiden Theologen

Bei den Wundern, die Experten im Auftrag des Vatikans untersuchen, handelt es sich eigentlich nur noch um Fälle vollständiger Heilung von Schwerkranken, die Ärzte medizinisch nicht erklären können. Mehrere Mediziner müssen zu diesem Schluss kommen, bevor dann letztlich die Theologen im Vatikan eine Entscheidung treffen.

Doch auch die Skepsis diesen Fällen gegenüber wächst. Selbst wer an die Existenz eines außerweltlichen Reiches glaubt, an ein Jenseits, in dem sich die Verstorbenen aufgrund von Gebeten der Lebenden an Gott wenden und ihn bitten können, einzugreifen, muss ein Wunder erst einmal nachweisen. Womöglich mithilfe von Zeugen?

Die Glaubwürdigkeit von Zeugen aber hatte schon der schottische Philosoph David Hume im 18. Jahrhundert als gering eingeschätzt: Er hatte geschlossen, "dass kein Zeugnis genügt, um ein Wunder zu konstatieren, es sei denn, das Zeugnis sei solcher Art, dass seine Falschheit wunderbarer wäre als die Tatsache, die es zu konstatieren trachtet". Deshalb wird heute möglichst auch moderne medizinische Technik zur Prüfung herangezogen.

Doch es gibt ein grundsätzliches Problem. Ein Wunder zu beweisen, bei dem die Naturgesetze überschritten wurden, ist und bleibt schwierig, solange wir die Naturgesetze noch nicht vollständig kennen oder verstanden haben. Dinge nicht erklären zu können, bedeutet nicht unbedingt, dass es keine Erklärung gibt. Es kann auch sein, dass wir sie nur noch nicht kennen.

Wunderliches in Lourdes

Das zeigt zum Beispiel jener Ort, der für seine Wunderheilungen weltberühmt ist: der Wallfahrtsort Lourdes in Frankreich. Dort hatte 1858 ein vierzehnjähriges Mädchen berichtet, ihm sei 18 Mal die Heilige Jungfrau Maria erschienen, habe sie zu einer Grotte mit einer Quelle geführt und gefordert, hier eine Kapelle zu errichten.

Noch im selben Jahr kam es an der Quelle oder durch ihr Wasser zu sieben wunderbaren Heilungen. Bis zu Beginn des 20. Jahrhundert folgten weitere 18. Bis heute wurden etwa 7000 Heilungen berichtet, von denen die zuständigen Bischöfe 69 als Wunder anerkannt haben.

Es scheint demnach, als würde sehr streng geprüft, bevor offiziell ein göttlicher Eingriff bestätigt wird. Doch selbst bei den anerkannten Fällen sind viele Fragen offen.

Zum einen sind in Lourdes bislang nur Krankheiten geheilt worden, die in der Vergangenheit schwierig zu diagnostizieren waren - etwa Multiple Sklerose - oder für die auch Spontanheilungen denkbar sind. Dagegen sind noch nie genetisch bedingte Leiden verschwunden, kein Rückenmark wurde wieder zusammengefügt, keine amputierten Gliedmaßen sind nachgewachsen.

Dafür litten von den in Lourdes wundersam geheilten Patienten vor dem Zweiten Weltkrieg immerhin 21 offiziell unter einer Form der Tuberkulose. Nach dem Krieg waren es noch vier, die letzte wundersame Heilung fand 1958 statt. Ist es Zufall, dass die unerklärlichen Heilungen von Tuberkulose sehr schnell aufhörten, nachdem Medizinern bessere Untersuchungsmethoden zur Verfügung standen und seit 1954 ein großes, internationales Ärztegremium die Fälle überprüft?

Es liegt der Verdacht nahe, dass es sich bei den angeblichen Fällen unheilbarer Tuberkulose gar nicht um Infektionen mit dem tödlichen TB-Bakterium handelte. Vermutlich rührten die Symptome von einer anderen Krankheit. Offen ist auch, welche Rolle bei den Heilungen psychosomatische Faktoren wie etwa der Plazeboeffekt gespielt haben.

Besonders irritierend ist die Lage bei den Krebspatienten. Mediziner schätzen, dass auf etwa 100 000 bis eine Million von ihnen ein Fall von sogenannter Spontanremission kommt - ein unerklärlicher Rückgang von Tumoren und Metastasen.

Nun wurden in Lourdes in den vergangenen 150 Jahren vier Fälle von wundersamer Heilung von Krebs gezählt. Insgesamt pilgern jedes Jahr fünf bis sechs Millionen Menschen zu dem Wallfahrtsort. Mehrere Hundert Millionen Besucher waren es bisher insgesamt. Nun ist Krebs eine der Haupttodesursachen und lässt sich häufig schwer behandeln. Viele Betroffene werden nach jedem rettenden Strohhalm greifen wollen - und deshalb auf ein Wunder hoffen.

Geht man von einer zurückhaltenden Schätzung von insgesamt 200 Millionen Besuchern in Lourdes und einem eher kleinen Anteil von Krebspatienten von fünf Prozent aus, so kommt man auf zehn Millionen Betroffene. Die Anzahl von Fällen von Spontanheilungen unter diesen müsste demnach statistisch betrachtet bei zehn bis 100 liegen.

Und selbst wenn diese Zahlen zu hoch liegen: Wenn von den zweihundert Millionen Besuchern tatsächlich 69 (oder weniger) durch ein Wunder geheilt wurden, dann ist diese Rate jedenfalls deutlich schlechter als die ohnehin ziemlich niedrige Zahl von Spontanheilungen bei Krebs allgemein.

Entsprechend äußerte sich etwa der Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven (jetzt an der Universität Erlangen-Nürnberg) 2008 im österreichischen Magazin Profil: "Die äußerst seltenen Heilungen ließen sich auch als Spontanheilungen deuten, die in der medizinischen Weltliteratur in den vergangenen Jahren übrigens wesentlich häufiger beobachtet werden als Heilungen in Lourdes."

Der US-Astronom und Skeptiker Carl Sagan war anhand der Zahlen aus dem Wallfahrtsort in den 90er Jahren sogar zu dem Schluss gekommen, dass die Aussichten auf eine spontane Heilung größer sei, wenn man Lourdes fernbleibe.

Natürlich kann man auch Spontanheilungen als "Wunder" bezeichnen. Wenn man den Begriff so verwendet wie ein Experte für Spontanremissionen, Herbert Kappauf von der Klinik Starnberg, es in einem Interview mit der Stiftung Warentest tat: "Ein nicht oder kaum für möglich gehaltenes Ereignis ist eingetreten." Und inzwischen gibt es seriöse Überlegungen, wie es etwa zur spontanen Rückbildung von Tumoren kommen kann. So wird etwa eine Rolle des Immunsystems diskutiert.

Das alles aber hat nichts damit zu tun, dass jemand einen bislang noch nicht selig- oder heiliggesprochenen Gottesdiener um Fürsprache bei Gott gebeten hat.

Die Kritik, die die angeblichen Heilerfolge von Lourdes auf sich gezogen haben, gilt im Prinzip auch für die jüngsten Wunder, die die Selig- oder Heiligsprechung von Verstorbenen durch den Vatikan rechtfertigen sollen. Jeder einzelne dieser prominenten Fälle ist umstritten oder wird angezweifelt - von dem Wunder, das Mutter Teresa verübt haben soll bis hin zu denen, die angeblich auf Papst Johannes Paul II. zurückgehen.

Auf dessen Fürsprache bei Gott führen die Gläubigen etwa die Genesung einer Nonne von Parkinson zurück. Eines Morgens sei sie gesund aufgewacht, berichtet sie selbst. Ein zweites Wunder, für das Karol Wojtyla verantwortlich sein soll, war die Heilung einer Frau in Costa Rica von einem Aneurysma im Gehirn. Das ist sicher weniger überzeugend als etwa das Sonnenwunder von Fátima in Portugal. Im Oktober 1917 hatten sich dort 30 000 Menschen in Erwartung eines von drei Kindern angekündigten Wunders versammelt und gesehen, wie die Sonne ihre normale Bahn verließ.

Eine plötzliche Veränderung der Sonnen- oder der Erdbahn ohne astronomische Ursache - das wäre tatsächlich ein Wunder, welches auch Skeptiker überzeugen könnte. Leider war das Phänomen einige Kilometer vom Versammlungsort entfernt schon nicht mehr zu beobachten. Auch beobachtete kein einziger Astronom weltweit eine entsprechende Veränderung der Himmelskonstellationen. Eine wahrscheinlichere Ursache ist deshalb eine Massenhysterie, eine Wolke von stratosphärischem Staub, eine Nebensonne oder ähnliche meteorologische Phänomene in Kombination mit der gespannten Erwartung eines Wunders.

Der bereits selige Papst Johannes XXIII. übrigens wird zugleich mit Johannes Paul II. heiliggesprochen, ganz ohne ein weiteres Wunder gewirkt zu haben. Das hat Papst Franziskus so bestimmt, weil Johannes XXIII. mit seinem Leben und Vorbild die Geschichte der Kirche auf unauslöschliche Weise geprägt hat. Das Wirken dieses Papstes, der das berühmte Zweite Vatikanische Konzil einberufen hat, käme demnach gewissermaßen einem Wunder gleich.

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