Süddeutsche Zeitung

Flughafen Berlin:Bloß nicht abheben

Ja, am 31. Oktober soll er tatsächlich doch noch eröffnen: der skandalumwitterte neue Airport Berlins. Die große Feier ist diesmal jedoch nicht geplant.

Von Martin Zips

Zwei Maschinen landen. 80 Fluggäste steigen aus, natürlich mit Mund-Nasen-Schutz. Sie werden vom Bundesverkehrsminister begrüßt, vom Ministerpräsidenten, vom Regierenden Bürgermeister von Berlin und vom Airport-Chef. Dann haut irgendjemand auf einen roten Knopf. Es gehen Partylichter an. Das erste Terminal des BER ist eröffnet. So lautet der nüchterne Ablaufplan für den 31. Oktober 2020.

Was war noch für eine imposante Feier geplant, zum 24. Mai 2012. Ein monumentales Fest sollte es werden, mit 40 000 Gästen auf dem Gelände des neuen Hauptstadtflughafens. 500 Journalisten und Journalistinnen aus aller Welt hatten sich akkreditiert, 50 Reporter, 15 Moderatoren und fünf Übertragungswagen sollten den Umzug von Tegel und Alt-Schönefeld zum neuen Flughafen begleiten. Mehr als 50 Fernsehbeiträge waren vorproduziert. Die Deutsche Bahn wollte im neuen Airport-Bahnhof erstmals ihren ICE 3 präsentieren, das Showprogramm mit 300 Mitwirkenden: fertig! Auf einer LED-Wand, die fast siebenmal größer gewesen wäre als die auf der Berliner Fanmeile zur Fußballweltmeisterschaft 2006, hätten am Vorfeld all jene Arbeitskräfte gewürdigt werden sollen, die dieses Prestigeprojekt über Jahre hinweg umgesetzt hatten. Und dann wurde alles, nur wenige Stunden vor Beginn, einfach abgesagt.

Von einem "Super-GAU" sprach damals der Mann, der die Feier bis ins letzte Detail geplant hatte. In der DDR hatte Gerald Ponesky einst die Konzerte seiner Jugendband organisiert, seine Diplomarbeit im Fach Philosophie schrieb er über "Neofaschismus in Italien", heute tritt er mit verschiedenen Aktionen für die Demokratie und gegen Neonazis ein. Im Auftrag der DDR-Jugendorganisation FDJ plante er 1988 das berühmte Depeche-Mode-Konzert in Berlin, und nach der Wiedervereinigung gingen Großveranstaltungen wie eben die Fanmeile zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006, diverse Mauerfall-Gedenkveranstaltungen und - zur WM 2014 - das Bring-dein-Sofa-Public-Viewing in einem Berliner Fußballstadion auf sein Konto. 2012 aber habe er sich gefühlt wie ein Bräutigam auf einer Riesenhochzeit, dem im letzten Moment seine Braut weggerannt sei, so Ponesky.

Ein Trara mit Dschingis Khan und der Bigband der Bundespolizei

Nun, fast achteinhalb Jahre später, ist Gerald Ponesky mit 67 Jahren längst im Rentenalter. Seine Eventagentur leitet er immer noch, auch die für den 31. Oktober vorgesehene, nun ja, "Feier" plant er. Wird wenigstens der Song zu hören sein, den Paul van Dyk im Jahr 2012 für den mittlerweile sechs Milliarden Euro teuren Skandalflughafen schrieb? "Nee, nee", sagt Ponesky. "Jede größere Feier wäre doch höchst unanständig. Das würde niemand verstehen."

Aber es gibt doch eine Feier: am 30. Oktober auf dem Messegelände nebenan. Mit Dschingis Khan und der Bigband der Bundespolizei. "Die Agentur, die diesen Mist veranstaltet", sagt Ponesky, "kennt in Berlin kein Mensch. Pure Abzockerei." Freut er sich wenigstens ein bisschen auf den Moment, in dem der rote Knopf gedrückt wird? "Es ist doch längst nicht gesagt, dass das tatsächlich alles stattfindet", meint er. "Berlin ist Risikogebiet. Und gegen den Horror, den meine Branche in Corona-Tagen so erlebt, war 2012 ohnehin eine Kinderkrankheit." Im Notfall gilt halt: verschieben.

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Quelle:
SZ vom 12.10.2020
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