Süddeutsche Zeitung

Schwimmen:Wie schützt man sich vor dem Ertrinken?

Derzeit mehren sich wieder die Unfälle an Badeseen und Stränden. Rettungsschwimmer Lukas Frehse erklärt, warum Männer typische Opfer sind - und wie sich die Corona-Folgen auch im Wasser bemerkbar machen.

Interview von Dimitri Taube

In den vergangenen Wochen gab es immer wieder Nachrichten über Badetote, zuletzt am Wochenende aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Lukas Frehse, 25, ist Polizist und Rettungsschwimmer. Er hat als Kind bei der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) schwimmen gelernt und ist an der Ostsee im Einsatz. Im Interview verrät er, wie man sich vor dem Ertrinken schützen kann - und wie man im Wasser Hilfe leistet.

SZ: Herr Frehse, was kann ich tun, wenn mich im Wasser die Kräfte verlassen?

Lukas Frehse: Das Schlimmste ist, in Panik zu geraten und durch wildes Herumfuchteln noch mehr Energie zu vergeuden. Ich sollte versuchen, ruhig und bei den normalen Schwimmbewegungen zu bleiben. Am besten eine kraftschonende Haltung einnehmen, die Rückenlage ist gut, weil ich in dieser Lage auch ein bisschen schweben kann. Dann sollte ich versuchen, mit leichten Brust- und Beinschlägen Richtung Land zu schwimmen. Und zwar immer an das Ufer, das am nächsten ist - nicht zwingend an das, von dem ich gekommen bin. Wenn man sich kaum noch über Wasser halten kann, ist auch ein Hilfeschrei erlaubt. Aber bitte nur dann.

Was kann ich tun, wenn ich sehe, dass jemand ertrinkt?

Wenn ich selbst im Wasser bin, und es befindet sich in der Nähe eine Person, die gerettet werden muss, nehme ich am besten erst einmal Kontakt auf und versuche sie zu beruhigen. Im ersten Moment ist ein Sicherheitsabstand nötig, etwa zwei Meter. In ihrer Panik könnte die Person mich umklammern - und dann sind zwei Menschen in Gefahr.

Und sobald sie sich beruhigt hat?

Dann kann ich heranschwimmen und helfen. Eventuell kann ich eine Schlepptechnik anwenden. Die andere Person kann sich an meiner Schulter festhalten. Wenn die Person panisch bleibt, darf ich nicht den Fehler machen, sie zu packen. Wir als Rettungsschwimmer haben im Einsatz immer Auftriebsmittel bei uns, zum Beispiel Gurtretter. Das ist ein Auftriebskörper aus Schaumstoff, daran kann sich die Person, die gerettet werden muss, festhalten. Rettungsring oder Rettungsweste können ebenfalls helfen.

Was soll ich machen, wenn ich am Ufer stehe und jemanden bemerke, der im Wasser ums Überleben kämpft?

Zunächst den Notruf wählen. Nie ins Wasser gehen, ohne vorher dem Rettungsdienst Bescheid zu geben. So können sich Rettungsschwimmer und Rettungswagen schon auf den Weg machen. Es gibt die Pflicht zur Hilfeleistung, für jedermann. Es ist aber wichtig zu wissen, was ich selbst leisten kann. Es bringt nichts, mich selbst in Gefahr zu bringen und jemandem zu Hilfe zu eilen, wenn ich mich gerade mal so über Wasser halten kann.

Gibt es Stellen, an denen man gar nicht erst ins Wasser gehen sollte?

Ich rate ab, im Bereich von Buhnen und Molen zu schwimmen. Da sollte man am besten immer ein paar Meter Abstand halten. Bei Wind und Wetter besteht die Gefahr, dagegen gedrückt zu werden und sich schwere Verletzungen zuzufügen. Es ist auch nicht ratsam, in der Nähe von Hafeneinfahrten zu schwimmen. Und man sollte sich immer abkühlen, bevor man ins Wasser geht. Und bitte nicht sich selbst überschätzen, vor allem im Zusammenhang mit Alkohol und hohen Temperaturen ist das wichtig. Bei 30 Grad im Schatten können schon zwei Dosen Bier so wirken, als hätte man gerade eine Flasche Wodka auf ex getrunken.

Welche Menschen sind besonders gefährdet?

Die Opfer sind vermehrt Männer, vor allem Jugendliche und junge Erwachsene. Vermutlich gerade wegen des Alkoholkonsums und der höheren Risikobereitschaft. Opfer gibt es allerdings in allen Altersklassen.

Haben Sie aktuelle Zahlen dazu?

Wir haben für dieses Jahr noch keine Statistik erhoben. Für den Abschnitt Timmendorfer Strand/Scharbeutz, wo ich Rettungsschwimmer bin, kann ich sagen: Wir hatten in den vergangenen zwei, drei Wochen vermehrt Rettungseinsätze - mehr als in den vergangenen Jahren. Das muss aber erstmal nichts heißen, das hängt immer auch vom Wetter ab.

Immer weniger Kinder können schwimmen, heißt es seit Jahren. Wie groß ist das Problem aus Ihrer Sicht?

Sehr groß. Dazu machen sich jetzt die Corona-Folgen bemerkbar. In der Pandemie konnten Kinder nicht schwimmen lernen. Und ein Kind, das nicht schwimmen lernt, ist in zehn Jahren ein Jugendlicher, der nicht schwimmen kann, und später ein Erwachsener, der nicht schwimmen kann. Solange man nicht schwimmen lernt, ist man sein Leben lang gefährdet.

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