Süddeutsche Zeitung

Die Museen des Reinhold Messner:Über allen Gipfeln ist Ruhm

Der Einzelgänger Reinhold Messner arbeitet schon lange an seiner Legende. Fünf Museen hat er bereits, nun eröffnet er in Südtirol sein bisher spektakulärstes Haus: Zu Besuch bei einem monumentalen Bergmenschen.

Die Kassen an der Talstation Reischach, vor denen sich sonst Skifahrer und Snowboarder mit ihrer bunten Ausrüstung drängen: geschlossen. Die Lokale, auch die Pizzeria, in deren Fenster große Fotos von einer kräftig schwitzenden Menge beim Après-Ski hängen: verriegelt. Wer nach oben blickt, sieht nur Pisten. Leuchtend grün heben sie sich vom Dunkel der Baumkronen ab; wie Autobahnen fräsen sie sich ihren Weg zum Gipfel. Im Sommer sieht ein Winterzirkus ziemlich traurig aus.

"Wer die Natur sucht, der geht nicht hierher", sagt Andrea del Frari, Direktor des Verbunds Skirama Kronplatz, eines der größten Skigebiete der Dolomiten. Auf knapp 2300 Metern ist zu sehen, was die Wintertouristen zurückgelassen haben - drei Seilbahnstationen, die statt 5000 Skifahrern in der Stunde nun ein paar Familien mit kleinen Kindern und Senioren in Wanderstiefeln transportieren. Für die Sommergäste gibt es ein spezielles Angebot. Bisher sind das eine Big-Ben-große Eisenglocke und ein Indianerdorf, das aus exakt drei Tipis und drei Zwergziegen besteht.

"Genau nicht meine Welt"

Die neueste Attraktion dürfte das spielend übertreffen. Mit federndem Schritt steuert del Frari auf die Baustelle zu, die gleich hinter dem Indianerdorf liegt und gerade von zwei gelben Baggern umkreist wird. Hier entsteht das Messner Mountain Corones, ein Museum für Reinhold Messner, den bekanntesten Bergsteiger der Welt, entworfen von Zaha Hadid, der bekanntesten Architektin der Welt. Mehr Superlativ geht nicht.

"Der Kronplatz ist genau nicht meine Welt", sagt Reinhold Messner einen Tag später. Wie auch? Er hat sich stets als Solokämpfer inszeniert. Ob bei seinen Extremtouren, in seinen Büchern oder Vorträgen, seit einigen Jahren nun auch in seinen eigenen Museen. Genau das hat ihn zu einem Bergsteigerhelden gemacht, den es so nicht mehr gibt. Typ Abenteurer unterwegs zu den weißen Flecken der Erde. Auf Postern und Autogrammkarten lässt Messner sich gerne wie ein Dolomitenbergmassiv aufnehmen. Von unten fotografiert, kantig schroff, fest mit dem Boden verwurzelt. Nix irrlichternder Globalismus. Reinste Südtiroler Erdverbundenheit. Hat er jetzt die Haftung verloren? Der Kronplatz ist so etwas wie das Paradebeispiel für die Eventisierung der Berge.

Unnötige Rundungen

Auf dem Gipfelplateau selbst ist von dem Museum erst einmal kaum etwas zu sehen. Der Bau gräbt sich tief in den Berg hinein, nur der Eingang bleibt sichtbar. Trotzdem ist hier nichts zurückhaltend. Was auf der Computerzeichnung noch so ausgesehen hatte, als würde ein gezackter Bumerang die Bergspitze skalpieren, wirkt jetzt im Inneren wie eine unterirdische Rodelbahn, die mit rasend schneller Geschwindigkeit durch den Stein kurvt. Keine Wand ist hier gerade, jeder Treppenlauf zieht eine Schlaufe. Die Architektur beschleunigt den Blick, sodass der im dritten Untergeschoss über drei Stollen in jeweils eine andere Richtung nach draußen katapultiert wird. Ein Museum wie eine Sprungschanze fürs Auge - mitten hinein in Reinhold Messners Leben: Hinter dem Peitlerkofel ist er geboren. Am Heiligkreuzkofel hat er seine schwierigste Dolomitentour geklettert. Der Ortler ist der höchste Berg Südtirols, auch dort steht eines von seinen Museen. "Ich hätte all die Rundungen nicht gebraucht", sagt der Initiator zu den schwungvollen Kurven.

Ein Besuch in seinem Anwesen, dem Schloss Juval, gut 120 Kilometer von Reischach entfernt. Das Schloss trohnt wie eine Räuberburg hoch überm Tal, auf rot zerklüfteten Felsen. Tibetische Gebetsfahnen flattern im Wind. Wer zu ihm will, muss mit dem Auto absurd steile Serpentinen zurücklegen und zwei Burg-Innenhöfe durchqueren, bis der ehemalige Extrembergsteiger einen freundlich an der Holztür empfängt. Drahtig klein, mit festem Händedruck, schwarzer Hose, schwarzem Hemd, nur seine Filzpantoffeln sind grau.

Der Hausherr bittet in die Bibliothek, gemeinsam steigt man stumm das weiße Treppenhaus empor, durchquert einen großen Speisesaal und betritt einen holzvertäfelten Raum. Alpinliteratur bis zur Decke, mehrere Regalmeter hat Reinhold Messner davon selbst verfasst. Er sieht, während er auf einem durchsichtigen Plexiglassessel südtirolgebräunt und mehr schwarz als grau gelockt Platz nimmt, deutlich jünger aus als die 70 Jahre, die er am 17. September wird. Genau an diesem Tag sollte auch sein Museum auf dem Kronplatz eröffnen. Die neue Hauptattraktion im Zirkus.

Den Ort bestimmt der Geldgeber

Messner hat den Ort nicht ausgewählt. Auch die Architektin Zaha Hadid nicht. Das hat der Verband Skirama Kronplatz getan, der auch die Baukosten von knapp drei Millionen Euro komplett bezahlt hat. Doch als Messner das Angebot bekam, hier ein Museum einzurichten, hat er offenbar nicht gezögert. Es ist sein sechstes, sein letztes, wie er betont - das hat er aber auch schon bei seinem fünften gesagt. "Die Krone meiner Museen" nennt er das Gebäude.

Aber wie passt das alles zusammen? Zaha Hadid ist die Königin im internationalen Wettbewerb um die spektakulärsten Gebäude. Seit Jahren verteilt sie ihre Bauten großzügig über den Globus. Um was es sich dabei handelt - Museum, Universität, Opernhaus - ist dabei weniger gut zu erkennen als ihre dynamisch geschwungene Handschrift. Genau die lässt Marketing-Broschüren glänzen und Bürgermeisteraugen gleich mit, verspricht sie doch hohe Besucherzahlen. Auf der Baustelle am Kronplatz war die irakisch-britische Architektin kein einziges Mal. Und obwohl das Museum so gut wie fertig ist, wird es wohl nicht zu Messners Geburtstag eröffnen können. Hadid ist da in China. Während des Baus reicht ihre Unterschrift, doch für die Eröffnung muss sie leibhaftig anwesend sein. Dann werden die Fotos geschossen, die es braucht, um die Werbetrommel zu drehen.

Messner lebt autark

Das Schloss Juval ist das genaue Gegenteil von Show-Architektur. Behutsam hat Messner im alten Gemäuer ein Museum eingerichtet, das die Öffentlichkeit im Frühjahr und Herbst besuchen kann. Der herrliche Bauernhof unterhalb des Schlosses, der ihm ebenfalls gehört, produziert alles, was er und seine Familie zum Leben brauchen, wenn sie hier im Sommer wohnen. Jeder kann sehen: Der Mann ist autark. "Und was Nachhaltigkeit angeht, lass ich mir von keinem etwas sagen", schießt Messner auf die Frage zurück, ob ein Museum auf dem Kronplatz denn zu seinem Leben, seinen Überzeugungen passe.

Reinhold Messner ist ein phantastischer Erzähler, seine großen Hände wühlen sich durch die Luft, während er davon spricht, wie ihn ein vererbter Hammer des 1913 verunglückten Paul Preuß - ein jüdischer Bergsteiger, den die Nazis aus ihrer Alpengeschichte tilgten - überhaupt auf die Idee gebracht hat, Museen zu gründen. Doch so hastig er assoziativ von einem Thema zum nächsten springt, so schnell nimmt er auch die Angriffsposition ein. Hat er Angst, sich mit dem Projekt auf dem Kronplatz zu verkaufen? Nein! Auf einem unverbauten Berg hätte er dem Projekt nie zugestimmt, versichert er mit ruhiger Stimme, aber dennoch leicht erregt. Für das Museum wurde kein Kubikmeter Erde verhoben. Wasser und Strom gab es dort oben längst. Und überhaupt: "Ich mache genau das Gegenteil von dem, was die anderen machen!"

Das ist seine Grundhaltung: sich abgrenzen. Wer länger mit Reinhold Messner spricht, erlebt jemanden, der für sich selbst ein klares Wertesystem entwickelt hat, der genau zu wissen glaubt, was richtig und was falsch ist. Didaktische Ansprüche im Museum? "Halte ich für Unsinn." Heldengeschichte? "Kein Hero ist interessant, ich dreh das alles um." Öffentlicher Anspruch von Museen? "Ich mach das alles für mich. So wie ich früher auf die Berge gegangen bin." Die klassische Solotour also auch im Museum, nur dass man hier seine Fährte aufnehmen kann, anders als quer durch die Wüste Gobi oder in der Antarktis.

Leicht macht es Reinhold Messner dem Besucher auch in seiner Heimat nicht. Kein Museum, das nicht über steile Serpentinen erklommen werden muss, fast immer thronen sie auf einem Felsen. Der Blick nach draußen ist damit vorbestimmt, hinaus auf die schroffen Zacken der Dolomiten, die schöner nicht sein könnten. Runter in enge Täler, deren alte Höfe ihre Dächer tief nach unten gezogen haben, zum Schutz vor dem Wetter hier, vielleicht auch vor etwas anderem. Die Kruzifixe an den Hauswänden sind jedenfalls größer als anderswo.

Was also erzählen Messners Ausstellungshäuser über ihn? Schon allein die Zahl ist ja erstaunlich. Es dürfte kaum eine Privatperson geben, die fünf Museen betreibt. Er finanziert sie, er ist die treibende Kraft dahinter. Er ist aber auch der Magnet, der all die Besucher, überwiegend Touristen, anlockt. Der Heldenstatus zieht. Schon haben zwei Skigebiete gefragt, ob Messner nicht auch bei ihnen ein Museum eröffnen will. Will er nicht. Corones soll sein letztes sein. Er sieht in seinen Häusern Satelliten, die um das größte Museum kreisen. Doch vor allem kreisen sie um ihn selbst, nicht nur jetzt, da alle Häuser Sonderschauen zu seinem 70. Geburtstag zeigen.

Erkundungsreise durch sechs Museen

Also auf zu all seinen sechs Museen, zu einer Erkundungsreise des Messnerismus. Es ist eine Tour de Force, die durch ganz Südtirol führt und bis ins Veneto reicht. Unzählige Serpentinen, viele, viele Höhenmeter und einige Gipfel liegen dazwischen.

Zuerst das Schloss Juval. Es fußt auf Messners Expeditionskeller. Der Schlitten, mit dem er das Eis durchquert hat, seine Steigeisen und Eispickel: alles hier, im Felsenkeller. Von der Decke hängen Seile wie bunte Lianen im Urwald. Seine Abenteuer füllen den Raum randvoll aus, da braucht es gar keine Sockel und Vitrinen. Hier manifestiert sich ein Titan der Bergwelt.

Leben im vertikalen Dauermarathon

200 Kilometer von Messners Sommersitz entfernt, auf dem Gipfel des Monte Rite auf 2181 Metern Höhe, wo es selbst im August empfindlich kühl ist, hat er ein altes Fort in ein karges, schönes Museum umgebaut. Wer hier hoch will, muss zwei Stunden stramm gehen oder sich in Minibussen scharf am Abgrund hochchauffieren lassen. Durch den 80 Meter langen weißen Gang der historischen Kriegsfestung dröhnt Mozarts Requiem. Der Mittelraum zeigt "Die großen Wände des Reinhold Messners". Ein DIN-A4-Blatt listet alle Touren, Expeditionen und Museen von "R.M." auf. Nur weil die Schriftgröße so winzig ist, passt das alles aufs Papier. Ein Leben im Dauermarathon, vertikal die Wand hoch.

In Sulden dann, diesmal nur auf 1900 Metern, dafür am Fuße des Ortlers, wo die Berggipfel mythisch durch die Wolken brechen, imitiert Messners kleiner Museumsbau eine eisige Gletscherspalte. Das Herzstück hier: ein Vorführungsraum, der aktuell einen Film zu seiner Grönlandexpedition zeigt. Gleich daneben dreht sich, hinter Betonstäben wie in einem Käfig, ein ausgestopfter Bär, der Yeti. Das Tier hat Messner viel Spott eingebracht. "Exklusivinterview mit dem Yeti über den sagenhaften Messner" schrieb die FAZ 1987. Nun haben Genetiker Messners Vermutung, dass es sich bei dem Yeti um ein Hybrid aus Braunbär und Eisbär handelt, recht gegeben. Er war der Erste, der sie hatte. Es muss ihm wichtig sein, so oft, wie er Sätze mit "Ich war der Erste" beginnt.

In Schloss Sigmundskron, dem mit Abstand größten Museum in Sichtweite von Bozen, hängen im zentralen Ausstellungsraum all seine Achttausender in Öl. Es sind mächtige Gemälde von gigantischen Bergen, gerne zwei Meter breit. Spätestens hier fragt man sich: Was macht das mit einem, wenn einen die eigenen Heldentaten ständig umgeben? In Farbe, gedruckt auf Papier, unter Glas oder in Form einer dieser unzähligen Pseudoreliquien, die überall in leuchtenden Signaltönen aufgebaut sind: das Zelt, in dem er schlief; den Schlitten, den er zog; den Schneeanzug, den er auf dem Mount Everest trug.

Die Besucher lieben es

Was soll von Ihnen bleiben, Herr Messner? "Nichts", kontert er souverän. Und dann, ein paar Sätze später, doch: "Das Ganze soll überleben, das ist ja klar." Seine Museen sind sein Vermächtnis. Stärker noch als seine Bücher erzählen sie seine Geschichten, in 3D. Da passt es, dass er sich in Zukunft mit Film beschäftigen will.

Die Ausstellungen machen aber auch ein Koordinatensystem sichtbar, das sich Messner in all den Jahren zugelegt hat. Mit Milarepa, einem tibetischen Yogi und Asketen, "der mit der Besteigung des heiligen Berges Kailash ohne Hilfsmittel die Überlegenheit seiner Lebenshaltung bewies", ein Art tibetischer Vorgänger also. Dem Bergsteiger Paul Preuß, dem "Philosophen des Freikletterns". Und dann natürlich ihm selbst. Wie in seinen Büchern und Bildbänden liest man auf den Museumswänden fortwährend Messner Zitate. "Ich wollte einmal hoch hinaufsteigen, um tief in mich hinab zu blicken."

Die Besucher scheinen die Museen zu lieben, hymnisch verewigen sie sich in den Besucherbüchern. Die Einheimischen sehen die Sache oft deutlich kritischer.

Die fünf Häuser zeigen aber auch, wie sehr Messner Südtiroler ist, wie stark er geprägt ist von diesem Flecken Erde. Ausgerechnet er, der so oft mit Donnergottmentalität seine Heimat kritisiert hat. Selbst auswandern wollte er mal. Doch egal wie viel Heiligenfiguren er in die Nischen stellt und Gebetsfahnen um die Zinnen wehen lässt: Burgen gehören zu Südtirol wie die Dolomiten. Deren harte Struktur greift Messner in der Architektur seiner Häuser wieder auf. Da gibt es kein Zuviel, in Monte Rite nicht mal eine Heizung. Schroffe Bergsachlichkeit könnte man das nennen. Oder Konzentration auf das Nötigste.

Im Skizirkus fehl am Platz?

Ist es Zufall, dass das Museum in Bruneck sein schönstes ist? Hier erzählt er die Geschichte der Bergvölker, die er auf all seinen Reisen traf. Zeigt ihr Wesen, ihre Traditionen, ihre große Naturverbundenheit.

Doch auch seine Touren, die er in Dutzenden Büchern und auf Vorträgen vermarktet hat, haben den Run auf die Berge befeuert. Das, was er am meisten kritisiert, den Ausverkauf der Bergwelt, in gewisser Weise hat auch er ihn betrieben. "Ich lass' mir von niemanden vorwerfen, dass ich etwas erfunden habe. Ich hab immer genau das Gegenteil gemacht, auf dem Berg, in meinen Büchern, jetzt in meinen Museen. Ich bin der Einzige, der allein auf den Everest gestiegen ist." Da ist sie wieder, seine Verteidigungshaltung, die mehr ein Angriff ist. Sie ist für ihn Motor und Kompass in einem. Sein ganzes Leben lang hat er sie trainiert. Jetzt ist sie so ausgeprägt, dass er damit augenblicklich Kritik parieren kann.

Auf dem Kronplatz will er den "großen Unterschied zwischen Skifahren und Alpinismus" erzählen. Aber will man das dort oben wirklich hören? Mitten im Herzen des Skizirkus, in einem Gebäude, das überall stehen könnte, so wie dort am glatten Beton jede Ortsfärbung abperlt.

Sogar einer wie Messner könnte daran abrutschen.

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Quelle:
SZ vom 30.08.2014/tam
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