Süddeutsche Zeitung

Anschlag in Manchester:Private Handyvideos - Fluch und Segen für die Polizeiarbeit

Nach dem Anschlag in Manchester hat die Polizei ein Portal eingerichtet, über das Augenzeugen Fotos und Videos hochladen können. Das BKA betreibt eine ähnliche Plattform, die regelmäßig wichtige Hinweise liefert.

Ein paar junge Frauen sitzen auf Klappstühlen und unterhalten sich, im Hintergrund dudelt leise Musik. Plötzlich ein dumpfer Knall, der die Frauen erschrocken aufblicken lässt, gefolgt von lauter werdendem Kreischen. Das Video, das die Engländerin Ellie Cheetham auf Twitter veröffentlicht hat, zeigt den Moment, in dem die Manchester Arena am Montagabend von einem Bombenanschlag erschüttert wurde. Mehrere ähnliche Aufnahmen kursieren aktuell im Netz. Auch solche, die das Chaos nach der Explosion abbilden: Rauch, rennende Teenager, angstverzerrte Gesichter.

Man könnte sich fragen, wie verrückt man sein muss, um im Moment größter Bedrohung sein Telefon zu zücken und zu filmen. Die Antwort aber liegt nahe: Gerade für die jüngere Generation gehört es heute dazu, das Leben über das Netz zu teilen. Der Griff zum Smartphone ist zum Reflex geworden.

Zu einem Reflex, der für die Polizei Fluch und Segen zugleich ist. Ein Fluch ist er zum Beispiel, wenn Videos von laufenden Polizeieinsätzen gedreht und ins Netz gestellt werden. Das war etwa nach dem Amoklauf im Münchner Olympia-Einkaufszentrum im vergangenen Sommer der Fall. Die Polizei bat eindringlich, keine entsprechenden Aufnahmen mehr zu veröffentlichen, da sonst die Ermittlungen gefährdet würden. Auch mögliche Attentäter - zu dem Zeitpunkt war noch nicht klar, dass es sich um einen Einzeltäter handelte, der sich selbst getötet hatte - nutzen schließlich das Internet.

Auf der anderen Seite können Handyvideos für die Ermittler durchaus hilfreich sein. Nach dem Anschlag auf die Manchester Arena hat die Polizei in der Nacht zum Dienstag ein Portal eingerichtet, über das Augenzeugen Fotos und Videos hochladen können. In Deutschland stellt das Bundeskriminalamt ein entsprechendes Hinweisportal temporär zur Verfügung. Polizeidienstellen können die technische Infrastruktur bei Bedarf anfordern und übernehmen in der Regel auch die Auswertung des eingehenden Materials.

Die Idee für das Portal ist nach dem Anschlag auf den Boston-Marathon im Jahr 2013 entstanden. Drei Menschen wurden getötet, mehrere Hundert durch Nägel und Splitter verletzt, als die Brüder Dschochar und Tamerlan Zarnajew zwei Sprengsätze in der Nähe des Zieleinlaufs zündeten. "Damals haben sehr viele Menschen mit ihren Smartphones Aufnahmen von einer schweren Straftat gemacht", sagt eine BKA-Sprecherin. Die Bostoner Polizei habe sich einer riesigen Datenmenge gegenüber gesehen - und in Deutschland sei die Frage aufgekommen, wie man mit einer ähnlichen Situation umgehen würde.

Das Hinweisportal wird seitdem regelmäßig genutzt. Zuletzt etwa nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz im Dezember. Die Pressestelle des Generalbundesanwalts teilt auf Nachfrage mit, dass bis zur Abschaltung nach einem Monat etwa 1000 Bilddateien und 200 Videos eingegangen seien.

Wo Menschen sind, werden Handyvideos gemacht

"Im Idealfall bekommt man über die Handyvideos den entscheidenden Hinweis, der zum Täter oder zu einem Komplizen führt", sagt die BKA-Sprecherin. In jedem Fall könne man die Aufnahmen mit den Beobachtungen potenzieller Augenzeugen abgleichen und dadurch weitere Informationen zum Tatgeschehen erlangen.

So lässt sich möglicherweise erkennen, was der Täter anhatte, in welche Richtung er geflohen ist oder, wenn er sich wie in Manchester selbst getötet hat, ob er zuvor womöglich mit jemandem gesprochen oder telefoniert hat. Jeder Hinweis könne wichtig sein, sagt die Sprecherin. Und: Handyvideos würden fast überall gemacht, wo Menschen sind, während Überwachungskameras von Land zu Land und von Stadt zu Stadt unterschiedlich häufig vorzufinden seien.

Das Hinweisportal des BKA ist seit seiner Einführung schon mehrfach eingesetzt worden, nicht nur im Zusammenhang mit Terrorismus. Nach den Übergriffen auf Hunderte Frauen in Köln in der vorvergangenen Silvesternacht sammelte die Polizei auf diese Art Hinweise zum Tatgeschehen. Auch wenn es bei Fußballspielen zu Ausschreitungen unter den Fans kommt, schalten die Beamten bisweilen eine entsprechende Seite frei, um einzelne Personen zu identifizieren und nachzuvollziehen, wer welche Straftat begangen hat.

In dem Material, das nach dem Anschlag in Berlin eingegangen ist, haben die Beamten unbekannte Lichtbilder des Attentäters Anis Amri gefunden. Die übersandten Videodateien seien hilfreich gewesen "bei der Rekonstruktion der Vortatphase und der Bewertung der Nachtatphase". Ob die Videos aus Manchester eine ähnliche Rolle bei der Aufklärung der Tat spielen werden, bleibt abzuwarten.

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