Süddeutsche Zeitung

Türkei:Evolutionsleugner Adnan Oktar erneut angeklagt

  • Die Anklage spricht unter anderem von Spionage, Kindesmisshandlung und Bildung einer kriminellen Vereinigung.
  • Zu den Opfern Oktars soll auch eine minderjährige Schweizerin gehören, die von ihrer Mutter in die Istanbuler Villa des Sektenführers gebracht wurde.

Der Reinigung durch das Fasten folgt im Ramadan das Fastenbrechen, alles nach festen Regeln. Aber es geht auch schrill. Mai 2018, in einem der teuersten Istanbuler Hotels: Im Festsaal ist für ein paar Hundert Gäste gedeckt. Vorspeise, Hauptgericht, Nachspeise sind vom Feinsten. Die Männer tragen Anzüge, die Frauen, und da wird es schräg, sind überwiegend platinblond, puppenhafte Wesen aus der Kunstwelt türkischer Schönheitschirurgen, mit aufgespritzten, grell geschminkten Lippen. Am Ende des Dinners stellen sich die Gäste geduldig an vor Adnan "Hodscha", Meister Adnan, bürgerlich Adnan Oktar. Der Guru mit akkurat gezwirkeltem Kinnbart nimmt die Huldigungen mit schlaffem Händedruck entgegen.

Seit Dienstag steht dieser Adnan Oktar, Buchautor, Kreationist, also einer, der die Evolution leugnet, vor Gericht. Mit ihm angeklagt sind 225 seiner angeblichen Anhänger, die meisten von ihnen sind in Untersuchungshaft. Die Anklageschrift umfasst fast 4000 Seiten. Die Vorwürfe lauten: Bildung einer kriminellen Vereinigung, sexuelle Übergriffe, Kindesmisshandlung, Entführung, Erpressung, Spionage. Der Prozess findet im Gerichtssaal des Hochsicherheitsgefängnisses von Silivri statt, 70 Kilometer von Istanbul entfernt.

Oktar fand Anhänger von Amerika bis Asien

Im Juli 2018, wenige Wochen nach dem feinen Fastenbrechen, war Oktar verhaftet worden, nicht zum ersten Mal. In früheren Prozessen, mit ähnlichen Vorwürfen, wurde er stets freigesprochen, zuletzt 2007 "aus Mangel an Beweisen", oder er landete für ein paar Monate in der Psychiatrie. Schon damals hieß es, der Prediger mit der Vorliebe für weiße Rohseidenanzüge habe es auf reiche junge Frauen abgesehen, vor allem auf ihr Geld. Von "Abhängigkeiten" wurde berichtet, von Erpressung mit anzüglichem Bildmaterial. Aussteigerinnen sagten das, und sie sagten auch, Abtrünnige würden bedroht. Sektenkenner fühlten sich an Scientology erinnert.

Aber Oktar predigte und schrieb weiter, auch unter dem Namen Harun Yahya (nach Aaron und Johannes dem Täufer), beide Propheten im Islam. Er fand Anhänger von Amerika bis Asien und für seine Bücher Übersetzer für Urdu ebenso wie für Deutsch. Darin nannte er die Evolutionslehre Urgrund allen Übels, vom Kommunismus bis zum Terrorismus. 2011 schuf er den Onlinesender A9, in seiner Show tanzte er mit Frauen im Barbie-Look, nannte sie "Kätzchen". Und sie sagten in die Kamera "Mashallah" und "Inshallah", also Ja und Amen.

Was das mit Religion zu tun hatte? Frauen müssten kein Kopftuch tragen, "ein Bikini genügt", sagte der Produzent der Show, Oktar Babuna. Feministinnen fanden das Ganze unmöglich, die staatliche Religionsbehörde diagnostizierte "geistige Verwirrung". Der Guru aber lebte weiterhin gut vom Image des Enfant terrible.

Kreationismus war und ist in der Türkei bei Konservativen in Mode. Darwins Evolutionstheorie sei für Schüler zu kompliziert, stellte das türkische Bildungsministerium 2017 fest. Im Biologieunterricht der neunten Klassen sollte das Kapitel daher durch "Lebewesen und ihre Umwelt" ersetzt werden. Die Evolutionstheorie könne später an der Universität gelehrt werden.

Er sagt, er genieße nur das Leben und möge "schöne Menschen"

Die Türkei ist laut Verfassung ein laizistischer Staat, ein Erbe von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk (1881-1938), der auch die Kulte und die Scheichs aus dem öffentlichen Leben verbannte. Aber die religiösen Orden blieben weiter aktiv, nur lange im Untergrund. Heute sind sie wieder zu sehen, die traditionellen wie die neuen. Darunter gibt es auch seltsame Blüten. Jüngst sind gleich mehrere türkische Bücher erschienen, die vor den Gefahren eines ungezügelten Sektenwesens warnen.

Zu den Opfern Oktars soll auch eine minderjährige Schweizerin gehören, die von ihrer Mutter in die Istanbuler Villa des Sektenführers gebracht wurde. Die 15-Jährige erzählte türkischen Zeitungen, Oktar habe zu ihr gesagt: "Flüstere mir ins Ohr" und "sag mir, dass du mich willst".

Oktar, 63 Jahre alt, sagte im Gerichtssaal: "Ich bin kein Hodscha." Er genieße nur das Leben, möge "schöne Menschen". Und ja, ein Macho sei er auch, "der gern wild feiert". Von religiöser Erbauung war nicht die Rede.

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SZ vom 18.09.2019/jael
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