Süddeutsche Zeitung

Wolfratshauser Politik:Neben der Spur

Ob der Radstreifen an der Sauerlacher Straße in Wolfratshausen bestehen bleibt, muss sich zeigen. Die einstigen Parkplätze am Straßenrand sind jedoch in jedem Fall Geschichte.

Von Konstantin Kaip

Der Fahrradstreifen, der seit Mitte August in Wolfratshausen auf der Sauerlacher Straße zwischen Bahnhof und Schießstättstraße stadtauswärts führt, ist ein Pilotprojekt. Der bislang in Bayern nicht erlaubte einseitige Schutzstreifen wurde als Teil eines Forschungsprojekts der Technischen Hochschule Nürnberg installiert, die ihn parallel auch in Erlangen, Fürstenfeldbruck, Wörthsee und Unterschleißheim in Bezug auf Sicherheit und Verkehrsfluss testet. Konflikte mit Autofahrern gab es dort allerdings bisher weniger im fließenden, als vielmehr im ruhenden Verkehr: Wegen nun nicht mehr vorhandener Parkplätze am Straßenrand gab es zahlreiche Beschwerden.

Die aber sind unbegründet, wie Bauamtsleiterin Susanne Leonhard in der jüngsten Stadtratssitzung deutlich machte. Auf eine entsprechende Anfrage von Stadtrat Manfred Fleischer (Wolfratshauser Liste) gab sie eine Antwort, die sie nach eigener Aussage schon vielen Bürgern gegeben hat: Unabhängig vom Erfolg des Pilotprojekts - egal also, ob der Radstreifen bleibt oder doch wieder weg muss - werde es die Parkplätze nicht mehr geben, sagte sie. Die ersten vier Stellplätze zwischen Schienen und Mossbauerweg hätten im Staubereich der Schranke gelegen und seien daher nicht zulässig, mindestens zwei weitere müssten laut Regierung entfallen, um die Sicht an der Kreuzung, die sich zum Unfallschwerpunkt entwickle, zu verbessern. Dazu komme erstens, dass der gesetzlich geforderte "Sicherheitstrennstreifen" zwischen den Parkplätzen und der Radspur von 50 Zentimetern derzeit nicht eingehalten werden könne. Und zweitens, dass bei der im Bebauungsplan beschlossenen und fürs kommende Frühjahr anvisierten Aufweitung der Sauerlacher Straße der Platz für die Linksabbiegerspur Richtung Kraft-Areal benötigte werde.

Der Fall ist demnach nicht zu vergleichen mit den zahlreichen sogenannten Pop-Up-Radwegen, die es aufgrund der Corona-Pandemie etwa in München auf einstigen Fahrspuren und Parkflächen gibt. Fleischer hatte das Wort in seiner Anfrage benutzt, wenn er es auch in Bezug auf den Wolfratshauser Schutzstreifen relativiert hatte: Der Radstreifen sei gleichwohl im Sommer "für viele überraschend aufgepoppt", sagte er. Auf den Einwurf von Hans Schmidt (Grüne), die Stadt hätte die anliegenden Geschäfte im Vorfeld besser zu diesem Thema informieren sollen, entgegnete Leonhard leicht genervt, dass alle Anlieger schriftlich informiert worden seien, und sie zudem regelmäßig im Radlbericht der Stadt über die mehrfach verschobene Maßnahme des Nürnberger Modellversuchs berichtet habe.

Das Pilotprojekt zum einseitigen Radstreifen soll laut Leonhard klären, ob diese Lösung auf Fahrbahnen wie der Sauerlacher Straße, die für zwei Streifen zu eng ist, praktikabel ist. Die Nürnberger TH werte in den Modellgemeinden aus, wie stark die Streifen genutzt werden, und ob die Autofahrer den geforderten Abstand zu den Radlern einhalten. Zudem gebe es eine stichpunktmäßige Befragung unter den Fahrradfahrern der Kommunen. "Man will sehen, ob das wirklich gefährlich ist oder nicht", sagt Leonhard. Bisher gebe es nicht nur Befürchtungen in Bezug auf die Autofahrer, sondern auch, ob Radler in Unkenntnis die Streifen in der falschen Richtung nutzen. "Das ist aber schwer vorstellbar", sagt die Bauamtsleiterin, die selbst passionierte Radfahrerin ist.

Wie lange der Modellversuch läuft und wann das Ergebnis vorliegt, hängt von der Uni ab. Die verkehrsrechtliche Genehmigung der Stadt für den Streifen geht bis zum 30. Oktober und soll laut Leonhard danach verlängert werden. Wenn das Projekt erfolgreich ist, wird die Situation für Radler auf der Sauerlacher Straße mittelfristig nicht nur einseitig verbessert: Bei der Erweiterung der Straße soll in dem Abschnitt auch auf der anderen Seite für die Radler stadteinwärts eine "anständige Anbindung" entstehen, sagt Leonhard.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5035289
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 18.09.2020/aip
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.