Süddeutsche Zeitung

Waldram:Ein Badehaus mit Gedächtnis

Sybille Krafft wirbt dafür, das Wolfratshauser Archiv im historischen Umfeld anzusiedeln. Bürgermeister Forster zeigt sich genervt von der "Rumrederei".

Felicitas Amler

Die meisten Besucher des Ortstermins sind überrascht, wie viel Platz das frühere jüdische Badehaus am Waldramer Kolpingplatz bietet - hier noch eine Tür in einen langen Gang, dort ums Eck noch ein Raum. Keller, Erdgeschoss und erster Stock: Etwa 600 Quadratmeter Fläche, so hat der Historische Verein Wolfratshausen errechnet, lassen sich in dem ehemaligen Nazi-Bau sinnvoll erschließen. Und die Ehrenamtlichen um die Vorsitzende, die Historikerin und Journalistin Sybille Krafft, wüssten auch schon, wie sie das geschichtsträchtige Gebäude nutzen würden. Krafft erläutert es am Sonntagnachmittag bei einer Besichtigung, zu der sie die Stadträte eingeladen hat.

Vieles sei geradezu ideal: Zwei Fluchtwege seien quasi schon vorhanden, auch genügend Toiletten, unten könne man sich ein kleines Café vorstellen mit der Möglichkeit, bei schönem Wetter auch auf dem Kolpingplatz aufzutischen; im ersten Stock würden der Historische Verein und die Siedlungsgemeinschaft Waldram gern ihre geplante Dokumentationsstätte einrichten mit eigenen Räumen für die einzelnen Etappen der Föhrenwalder und Waldramer Geschichte: die der Zwangsarbeiter im NS-Rüstungsapparat, die der Displaced Persons in der Zeit nach der Befreiung und die der Waldramer Nachkriegssiedler. Auch für die Dokumentation des Todesmarsches der Dachauer KZ-Häftlinge Richtung Alpen wäre Platz. Erdgeschoss und Keller aber sähen die Vereine gern von der Stadt Wolfratshausen genutzt - mit dem Stadtarchiv.

Das ist der Grund für den Ortstermin, der im wörtlichen und im übertragenen Sinn Türen öffnen soll. Denn es sind nicht alle Repräsentanten der Stadt begeistert von der Idee, das Stadtarchiv hier anzusiedeln. Bürgermeister Helmut Forster (BVW) zeigt sich am Sonntag geradezu gereizt. "Für dieses Haus hat sich fünfzig Jahre lang kein Mensch interessiert", sagt er einmal, "seit zehn Monaten reden wir jetzt da rum", ein andermal. Mit der "Rumrederei" meint der Bürgermeister die anhaltend strittige Diskussion über das neue Stadtarchiv. Forster pocht auf den ursprünglichen Beschluss im städtischen Bauausschuss, dieses direkt an der Loisach neu zu bauen.

Im Stadtrat aber und in der Bürgerschaft gibt es eine Gegenbewegung. Die Idee des Historischen Vereins und der Siedlungsgemeinschaft, am Kolpingplatz "das Gedächtnis der Stadt" zu etablieren und dafür das Loisachufer von weiterer Bebauung frei zuhalten, hat für viele einen Reiz. Wolfgang Saal, Vorsitzender der Waldramer Siedler, nennt dies den "Königsweg". Krafft wirbt bei Forster um Zustimmung: "Wir könnten hier was Gescheites machen - miteinander. Warum wollen wir es dann nicht miteinander anpacken?"

Forster hat bautechnische Einwände, die Krafft zu entkräften versucht. Der Leitende Direktor des Staatsarchivs München hat ihr schriftlich bestätigt, dass er das Gebäude vom Ende der 1930er Jahre für geeignet hält, um das Stadtarchiv darin unterzubringen. Und Forsters Argument, für den Neubau gebe es Geld aus der Städtebauförderung, halten Krafft und Saal nicht für schlagend: Für einen gemeinsamen Dokumentations- und Archivstandort seien mehrere Fördertöpfe, wie "Leader plus", der Gedenkstättenfonds und auch die Städtebauförderung, denkbar.

Worum die beiden Vereinsvorsitzenden vor allem werben, sind Bedenkzeit und eine solide Entscheidungsgrundlage. Die müsse aber erst erstellt werden, betont Saal: "Wir haben wirklich den Eindruck, dass diese Vorarbeit noch fehlt." Im Stadtrat jedenfalls steht der Punkt "Stadtarchiv" am heutigen Dienstag auf der Tagesordnung. Und wenn es nach Forster geht, gibt es da nichts Neues "rumzureden". Seine Fachleute aus der Verwaltung hätten alles gründlich geprüft, sagt er, und kritisiert die Gegenseite: "Ihr zweifelt's die alle an!" Unter den Stadträten, die an der Besichtigung am Sonntag teilnehmen, lässt allenfalls Peter Plößl (CSU) die Hoffnung auf eine neuerliche Grundsatzerwägung aufkommen: "So was muss man halt mal durchrechnen", sagt er.

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SZ vom 10.07.2012
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