Süddeutsche Zeitung

"Treffpunkt Wendeltreppe":Minxchen, Moppel und Adolf

Ein Abend voller offener Fragen zur Zeitgeschichte in der evangelischen Petruskirche Geretsried

Der Satz steht im Raum. Und niemand schreit auf. Niemand ordnet das Gesagte ein. "Meine einzige Hoffnung ist, dass die Völker Europas und vielleicht auch Amerika die Grundideen Adolf Hitlers begreifen werden und seinen Kampf gegen das Judentum fortsetzen." Das schreibt ein braver Familienvater in den letzten Kriegstagen 1945 an seine Liebsten daheim. Ein Soldat der Wehrmacht, ein Mittvierziger, der "Moppel" genannt wird, an seine Frau, das "liebe, gute Minxchen". Seit einem Dreivierteljahr sind die Briefe hin und her gegangen. Voller Sehnsucht und Busserl, voller Liebe und scheinbarer Normalität inmitten des gigantischen Folterns und millionenfachen Mordens, das die Nazis über Europa gebracht haben. Davon natürlich in der Korrespondenz kein Wort. Nur ab uns zu ein vermutlich respektlos gemeintes "Adolf" oder eine Bemerkung über die "beschissene" Lage - womit freilich die eigene, die deutsche, gemeint ist.

Mit großer Hingabe hat einer der vier Söhne dieser Familie, ein Rentner in den Siebzigern, die Korrespondenz der Eltern vom August 1944 bis zur Befreiung 1945 abgetippt. Und nun trägt er eineinhalb Stunden lang Auszüge daraus vor: beim "Treffpunkt Wendeltreppe" der evangelischen Petruskirche Geretsried.

Der Mann - nennen wir ihn einfach "Sohn", denn Namen sind in Geschichten wie dieser austauschbar - hat sich über diese Briefe in die Vergangenheit seiner Familie eingelesen, in die Beziehung der Eltern und die Haltung eines Onkels, der ein strammer NS-General war. Er hat die Wege seines Vaters, der sich im August 1944 freiwillig zur Wehrmacht gemeldet hatte, akribisch nachgezeichnet und auf Landkarten markiert, die er bei der "Wendeltreppe" an die Wand beamt: vom polnischen Sorau nach Böhmen und dort geradezu sinnlos hin und her; diverse Lehrgänge liegen dazwischen, mal muss der Vater 144 000 Zigaretten bewachen, mal ist er als Kraftfahrer im Einsatz.

Man möge beim Zuhören immer bedenken, dass es Texte "aus der Zeit damals" seien, so hat der Sohn eingangs gesagt. Und betont: Seine Eltern seien keine Nazis gewesen. Später - der Satz vom Kampf im Sinne Hitlerscher Ideologie hängt noch im Raum - wird er die Persilscheine des Vaters und der Mutter als Anschauungsmaterial herumreichen. Und erklären, die Eltern hätten "schon eine etwas tief sitzende Abneigung gegen das Judentum" gehabt. Aber: "Mein Vater ist kein Judenfresser gewesen."

Vom "Heldentod" und vom "Iwan"

Die Zuhörer sind zuvor mit Eckdaten und Porträtfotos in die Familie samt ihren Kosenamen eingeführt worden. Die Mutter war Schneiderin, der Vater Regierungsrat im Reichspatentamt. Was da wohl patentiert wurde? In der Nazi-Zeit. Mitten im Krieg. Hierzu wie zu allem anderen keine Frage aus dem Publikum. Man hört zu und schweigt. Hört auch etliches aus Briefen des General-Onkels, der "dem Iwan den Durchbruch nach Riga verweigert"; vom "großen Weltanschauungskampf" schwärmt und angesichts des Todes seines eigenen Sohns vom "Heldentod" schwadroniert, weil ein Granatsplitter den Jungen "mitten ins Herz" getroffen habe. Am Grab noch will er nicht bei persönlicher Trauer verweilen, weil doch eins über allem steht: "das Schicksal eines Volkes und Vaterlandes".

Die Mutter daheim fällt zwar vom Glauben an den deutschen Sieg ab, sieht ihr Land "einem großen Wasserfall entgegentreiben" und von einem "anstürmenden Asien" bedroht. Sie hält aber wacker die Stellung einer guten deutschen Frau, die weiß, dass für sie und die Kinder nun alles "von meiner allerhöchstpersönlichen Standhaftigkeit abhängt". Der Vater schreibt Appelle zurück: Falls man sich nicht mehr sehen werde, möge die Mutter den Buben "einschärfen, dass sie deutsche Jungen sind und auch bleiben sollen". Die Niederlage rückt näher, die Feldpost funktioniert nicht mehr, der Vater schreibt seine Briefe wie ein Tagebuch weiter, ohne sie abzuschicken zu können: ". . . keinen Ausweg mehr für unser armes Deutschland . . . die russische Dampfwalze aufzuhalten . . . unser Haus werden wir wohl nie wiedersehen . . . Opfertod des Führers . . ." Am 5. Mai wird die Einheit des Vaters von der US-Armee befreit.

Schluss und Schlussstrich? Der Abend in der Petruskirche hat keinen Moderator, wie er auch keine inhaltliche Einleitung und keine Zusammenfassung etwaiger Erkenntnisse bietet. Fragen können gestellt werden. Es sind aber nur zwei: Eine Frau will wissen, wie lange der Sohn gebraucht habe, um alles abzuschreiben. Drei Jahre. Einer, ein einziger, gibt schließlich dem blanken Entsetzen über "das komplett Unpolitische" all dieser Impressionen Ausdruck und erinnert an die Gräueltaten der Nazis, von denen doch auch der Onkel-General in Kurland gewusst haben müsse. Er erkundigt sich, ob all dies einmal Thema in der Familie gewesen sei. Nein. Die Eltern hätten alles abgeblockt, sagt der Sohn: "Sie haben nie gesprochen mit uns." Schluss des Abends, ein Dank an den Referenten und keine Diskussion.

Wozu diese Lesung veranstaltet wurde? Warum gerade diese Korrespondenz in dieser Auswahl; was soll man daraus lernen? Kein Wort. Daher eine kleine Anregung für die nächste "Wendeltreppe": Nazis, die keine Nazis waren; Menschen, die "keine Judenfresser" waren, aber "eine etwas tief sitzende Abneigung gegen das Judentum" hatten; Väter, die sich ihre Jungs "deutsch" wünschten; Mütter, die Angst vor einer namenlosen Bedrohung aus "Asien" hatten: Waren das nicht ganz normale Deutsche in der Nazi-Zeit, die persönlich keine Schuld auf sich geladen, aber doch das gesamte wahnsinnige Verbrechen überhaupt erst möglich gemacht haben? Wäre darüber zu reflektieren nicht Sinn und Aufgabe eines öffentlichen Treffpunkts angesichts eines extrem bedrohlichen realen Rechtsrucks 74 Jahre danach?

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Quelle:
SZ vom 13.05.2019
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