Süddeutsche Zeitung

Starkbierfest:Rippenstöße und Sticheleien

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Der Bürgermeister wird zur "Mimose" und die Nachbarstädte sollen sich ärgern: Bruder Barnabas alias Ludwig Schmid teilt in seiner Geretsrieder Fastenpredigt kräftig aus

Von Felicitas Amler

So viel Wolfratshausen war nie. Die Nachbarstadt hat zwar noch in jeder Fastenpredigt von Bruder Barnabas (Ludwig Schmid) in Geretsried eine Rolle gespielt; diesmal aber war's eine tragende. An mehr als einem Dutzend Stellen bekamen die Wolfratshauser und ihr Bürgermeister Klaus Heilinglechner eins zwischen die Rippen. Die Stoßrichtung: "Typisch Wolfratshausen - kein Inhalt, aber Mordsbrimborium." Die Themen: Hallenbad-Abstimmung, Parkplatz-Visionen, Christbaum-Verschwinden, Wolfratshauser Starkbierfest und .... Überhaupt: "Wolfratshausen - mehr Realsatire geht net."

Bruder Barnabas trat beim Starkbierfest in den Ratsstuben wie stets am Freitag und am Samstag auf, beim zweiten Mal mit viel Lokalprominenz. Der Erste Bürgermeister, Michael Müller (CSU), bekam den Beinamen "Mimose" verpasst, weil er auf Kritik allzu dünnhäutig reagiere; der Zweite, Hans Hopfner (SPD), durfte sich anhören, dass man als SPD-ler zurzeit nicht viel zu können brauche: "Da glangt's, wenn man 'Martin Schulz' sagt."

Für das Hauptthema der Geretsrieder Lokalpolitik - die siebenstöckige Bebauung und urbane Gestaltung des Karl-Lederer-Platzes - hatte sich Schmid ein pfiffiges Bild ausgedacht: Wo sonst bei Gewissensfragen ein Teufel auf der einen Schulter desjenigen sitzt, der sich entscheiden muss, und ein Engel auf der anderen, saßen bei ihm einerseits Stadtrat Volker Reeh als einziger, aber deutlicher CSU-Kritiker der Pläne und andererseits Reinhold Krämmel als Bauherr. "Vo beide Seitn plärrns ma da in meine Ohren!", klagte der Mann in der Mönchskutte. Und verstieg sich dann dazu, das Publikum über die Zentrumspläne abstimmen zu lassen. Denn: "Mir ham doch an Haufen Leut im Saal herin" - das stimmte, es waren mehr als 400 Zuschauer; "und vermutlich aa an ganz guadn Querschnitt durch die Bevölkerung" - das blieb unbewiesen.

Die Abstimmung ging wie in dieser durch starkes Bier und starke Worte aufgeheizten Atmosphäre zu erwarten gegen die Neugestaltung des Platzes aus. Wobei auch zu beobachten war, dass der ein oder andere, der zögerte, die Hand zu heben, vom Nachbarn angetrieben wurde: "Mia müssen dagegen sein!"

Ein demokratisch abgewogenes Pro und Kontra ist halt nicht das Thema einer Fastenpredigt. Bruder Barnabas setzte schließlich noch eins drauf und sagte, er persönlich sei ja gar nicht gegen den "Krämmel-Klotz". Im Gegenteil: Der sei nur viel zu klein und am falschen Platz. Auf der Böhmwiese müsste er stehen, hundert, ach was, 150 Meter hoch: "So hoch, dass man vo Tölz aus no sieht." Mit einem blinkenden Geretsrieder Stadtwappen obendrauf: "Dass in Tölz in der Friah beim Aufstehn scho speim kannten vor lauter Ärger." Es scheint, als sei das Verhältnis Geretsrieds zu Wolfratshausen im Vergleich mit dem zu Bad Tölz geradezu liebevoll.

Ein kommunenübergreifendes Thema hatte Barnabas im Trinkwasser ausgemacht, das hier und dort - Geretsried und Königsdorf - nun endlich nicht mehr gechlort werden muss; in Eurasburg aber mangels eigenen Brunnens bald ganz zu versiegen scheint: "Immer dieses gschissene Wasser."

Und schließlich gelang dem Fastenprediger ein Ringschluss vom gescheiterten Geretsrieder Geothermieprojekt zum viel diskutierten örtlichen Grundwasserproblem. In Gelting habe man "Tausende Meter tief" gebohrt, dabei hätte man doch am Karl-Lederer-Platz schon in fünf Metern Tiefe reichlich Wasser finden können. "Und wenn jetzt so a Schlaumeier sagt: Ja, aber die brauchen ja heißes Wasser!, dann fragts amoi unsern Bürgermeister: Unser Grundwasser is a ganz a heiße Gschicht."

Neben den herkömmlichen Einlagen wie dem Pfund-Sägen und Auftritten der Gartenberger Bunkerblasmusik mit ihrem Leiter Roland Hammerschmied gab es noch eine Neuerung: die Kür eines "Geretsrieder Originals". Als solches soll künftig regelmäßig jemand ausgezeichnet werden. Diesmal durfte die Großmutter des Fastenpredigers die Trophäe - einen angeblichen Bunkerstein mit Messing-Plakette - nach Hause tragen. Anna Schmid, 87, zeigte sich gerührt ("Vergelt's Gott für den Applaus") und froh darüber, dass sie sich am Vortag "eine neue Joppe" gekauft hatte, in der sie nun die Bühne betrat.

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Quelle:
SZ vom 27.03.2017
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