Süddeutsche Zeitung

Penzberg:"Hier hat jeder seinen Spaß"

In den "Freizeitgärten Breitfilz" ist längst wieder das Leben eingekehrt - und unter den neuen Pächtern sind viele junge Menschen. Was reizt sie an Schrebergärten?

Von Celine Chorus, Penzberg

Sobald man die Penzberger Gartenanlage betritt, ist es auch ein bisschen so, als würde man in eine andere Welt eintauchen. Pächter Ömer Yerli, 32, führt zu einer Lücke zwischen zwei Hecken, dann geht es über einen kleinen Trampelpfad - und schon steht man vor einem runden Schild mit rotem Rand: "Durchfahrt verboten". Wie mit einem Lineal gezogen, erstrecken sich dahinter die einzelnen Parzellen. Es sind so viele, dass man aufpassen muss, welche Abzweigung man nimmt.

Ein hohe Hecke schützt Yerlis Garten vor neugierigen Blicken. Er öffnet die braune Holztüre, in der Ecke stehen eine Rutsche und ein Trampolin. Was bewegt junge Menschen wie ihn, sich in einem Kleingartenverein zu engagieren - und warum hat er sich für eine Parzelle entschieden? Schließlich galten Schrebergärten bis vor einigen Jahren noch als Inbegriff deutscher Spießigkeit.

Für Yerli ist es auch eine Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen. Er gehört zu den "Neuankömmlingen" im Breitfilz und besitzt erst seit September eine eigene Parzelle. Ursprünglich sei der Kleingarten vor allem für seine Kinder gedacht gewesen: "Hier können sie sich richtig austoben, ohne dass andere Personen gestört werden." Jetzt wird die Parzelle aber auch für Familientreffen genutzt - und Yerli kann bei der Gartenarbeit mehr Zeit mit seinem Vater Atif verbringen.

In nur einem Monat haben sie die Hütte, die ihnen vom Vorgänger überlassen wurde, komplett repariert und um einen Schuppen erweitert. Dinge, die er im Garten seiner Penzberger Wohnung eher nicht gekonnt hätte. "Hier hat jeder seinen Spaß", antwortet Yerli auf die Frage, was ihm an dem Kleingarten so gefällt. "Die Kinder können im Garten spielen, meine Frau kann Gemüse anbauen und ich kann mich handwerklich ausleben."

Es herrscht Betriebsamkeit an diesem Nachmittag: Ein Nachbar nutzt das gute Wetter, um nochmals seinen Rasen zu mähen, ehe in wenigen Tagen der Herbst einzieht. Aus einer anderen Parzelle sind entfernte Baugeräusche zu hören, zwei Männer laufen mit beladenen Schubkarren durch die Gartenanlage. In den "Freizeitgärten Breitfilz" ist seit der erzwungenen Schließung vor zwei Jahren wieder das Leben eingekehrt - und mit dem neuen, jungen Vorstand auch frischer Wind eingezogen.

Der Generalpachtvertrag mit der Stadt könnte bald stehen

Seit 2022 ist Konrad Weisheit, 38, erster Vorsitzender des Vereins "Freizeitgärten Breitfilz". Sein Vorgänger Paul Hattemer hatte gerade das Amt niedergelegt, als er von Vorstandsmitglied Marianne Fesl auf einen Kaffee eingeladen wurde. Damals habe sie zu ihm gesagt: 'Wir suchen einen neuen Vorstandsvorsitzenden - und das fällt jetzt auf dich.' Weisheit konnte also eigentlich gar nicht anders, als das Amt zu übernehmen: "Ich wollte mich aber ohnehin im Verein engagieren und dort ein bisschen bewegen und gestalten."

Zu dem Zeitpunkt hatte die Gartenanlage eine schwere Zeit hinter sich: Zwischen 2019 und 2021 durften die Pächter sie nicht mehr betreten. Das Landratsamt Weilheim-Schongau hatte die "bau-, brandschutz-, naturschutz- und wasserrechtlichen Verhältnisse" im Breitfilz geprüft und darauf mit einer Schließung der Kleingärten reagiert. Zu den größten Problemen gehörten der mangelnde Brandschutz sowie fehlende Flucht- und Rettungswege. Um die Anlage zu legalisieren, musste die Stadt Penzberg einen Bebauungsplan aufstellen - und die Pächter wurden aufgefordert, einen Verein zu gründen.

Inzwischen umfasst die Anlage rund 310 Parzellen. Die Gärten sind unterschiedlich groß: zwischen 200 und 500 Quadratmeter. Auch ein Generalpachtvertrag mit der Stadt Penzberg sei momentan in Arbeit, erklärt Weisheit, und er ist zuversichtlich, dass dieser noch im Herbst in Kraft treten könnte. "Wir haben der Stadt einen Vorschlag geschickt und jetzt liegt es an ihr, einen unterschriftsreifen Vertrag aufzusetzen." Bislang hat der Verein nur einen sogenannten Pachtvorvertrag mit der Stadt abgeschlossen. Dieser erlaubt ihm in der Zwischenzeit, Mitglieder aufzunehmen und Parzellen unterzuverpachten.

Vor allem seit Beginn der Corona-Pandemie hätten Menschen die Schrebergärten für sich entdeckt, erzählt Marianne Fesl: "Es haben sich sehr viele bei uns beworben, und die meisten, die einen Garten bekommen haben, waren junge Leute." Eine Verjüngung ist also erkennbar, dass sich ein Generationswechsel vollzieht, kann Konrad Weisheit allerdings nicht bestätigen. "Es sind noch viele von der alten Generation dabei, aber wir haben auch viele Pächter dazubekommen, die in ihren Zwanzigern sind."

"Das soziale Miteinander ist hier sehr stark"

Dass Kleingärten bei jungen Menschen offenbar immer beliebter werden, sieht er auch in der Betonierung begründet. Weisheit besitzt seit 2021 eine eigene Parzelle. Seine Wohnung in Penzberg hat nur einen kleinen Balkon und dort sei lediglich Platz für ein bisschen Grünzeug. "Ich denke, vielen Menschen geht es wie mir: Sie wollen in der Natur sein und einen Ort haben, den sie nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten können."

Auch Fesl betont, dass es jedem Pächter selbst überlassen sei, wie er die Parzelle nutze. Es gibt natürlich ein paar Einschränkungen, zum Beispiel müssen Mitglieder jedes Jahr vier Stunden Arbeit für den Verein leisten, der Garten darf nicht als Geschäftsstelle missbraucht werden und der Rasen muss zwei- bis dreimal im Jahr gemäht werden. Die Parzellen werden aber bewusst "Freizeitgärten" genannt, fallen also nicht unter das Bundeskleingartengesetz - und somit muss auch nicht ein Drittel für den Anbau von frischem Obst oder Gemüse genutzt werden.

Wie verändert sich aber eine Kleingartensiedlung, wenn junge Menschen dazukommen? Ömer Yerli muss einen Moment überlegen. "Es bringt Lebendigkeit und neue Ideen in die Gartenanlage", sagt er dann, "außerdem ist niemand zu alt oder zu jung zum Gärtnern." Obwohl er erst seit wenigen Wochen dabei ist, fühlt er sich von den anderen Pächtern schon gut aufgenommen: Erst grüßten sich die Nachbarn über den Gartenzaun, dann unterhalte man sich - und irgendwann werde die ganze Familie zum Grillen eingeladen.

"Das soziale Miteinander ist hier sehr stark", betont der 32-Jährige, und die Pächter würden sich untereinander helfen. Ältere Vereinskollegen mit ihrer Erfahrung und die Jüngeren, indem sie mit anpacken. Über die Zeit knüpfe man Freundschaften und dadurch kämen nicht nur Generationen, sondern auch Nationalitäten zusammen. "Penzberg ist eine sehr bunte Stadt - und das hat sich auch auf den Verein übertragen."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.6291556
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/aip
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.