Süddeutsche Zeitung

Neuer Nahversorger:Regional und bio pur

In ihrem Laden "Ohnverpackt" wollen Martina und Bernd Steuer mitten in der Wolfratshauser Altstadt Biowaren ganz ohne Plastikmüll anbieten. Eröffnet wird am 13. März

Wer durch die großen Schaufenster im Obermarkt 29 blickt, dem bietet sich derzeit ein karges Bild: leere Wände, kahler Boden. Im Hintergrund wuseln Handwerker herum. Das Geschäft, das Martina und Bernd Steuer dort gerade einrichten, ist nackt - und sieht damit derzeit noch so aus, wie die Waren, die sie bald verkaufen wollen. In den Räumen, die zuvor ein Modegeschäft waren, soll der größte Unverpackt-Laden im Landkreis entstehen. "Ohnverpackt" hat das Ehepaar ihn getauft. Mehr als 600 Produkte soll es dort geben, die die Kunden abwiegen und in ihre eigenen Einkaufskörbe, Glasbehälter oder Stoffbeutel füllen lassen können. Das Logo ist auch schon fertig. "Regional, bio, gut", soll bald als Unterzeile auf dem Ladenschild stehen.

Verkaufen wollen die beiden Wolfratshauser unter anderem Lebensmittel wie Müsli, Mehl, Nudeln, Nüsse, Molkereiprodukte, Backwaren, Tee und Kaffee, Aufstriche und Getränke. Es soll aber auch Kosmetikartikel sowie Wasch- und Reinigungsmittel geben, die sich Kunden als Konzentrat abfüllen lassen und zu Hause verdünnen können, erklärt Martina Steuer. Zudem ist in dem Laden ein Café mit Küche vorgesehen, das später auch ein kleines Mittagsmenü anbieten soll. 150 Quadratmeter haben die Steuers dafür zur Verfügung, davon 130 Quadratmeter reine Verkaufsfläche. Das Lager, sagt Bernd Steuer, ist noch einmal so groß.

Geliefert wird ein Großteil der Waren zunächst vom Großhandel "Ökoring" aus Mammendorf, in Papiersäcken á 25 Kilogramm und in Pfandkanistern. "Wir brauchen erst einmal Liefersicherheit", erklärt Bernd Steuer. Ziel sei es jedoch, bei den Zulieferern immer regionaler zu werden. Die Beziehungen zu den Produzenten will das Ehepaar nach und nach aufbauen.

Zwei Quereinsteiger

Die Steuers sind Quereinsteiger. Er arbeitet als selbständiger Fernsehjournalist, sie ist Sozialpädagogin und war bis vor Kurzem in der Personalabteilung eines mittelständischen Unternehmens tätig. Den Plan für einen Unverpackt-Laden hat Martina Steuer seit mehr als einem Jahr, wie sie sagt. Nach einem Workshop in einem solchen Geschäft in Kiel im September stand für die beiden fest, dass auch das wirtschaftliche Risiko tragbar sei. Dass Bernd Steuer gelernter Diplom-Kaufmann ist, kommt ihnen dabei zugute. "Ich hatte schon eine GmbH", sagt der 64-Jährige. "Mit Gründungen kenne ich mich aus."

Dennoch werden die beiden einiges erst im alltäglichen Betrieb testen müssen. Zum Beispiel, ob sie den Käse tatsächlich wie geplant gänzlich offen in einer Theke mit Befeuchtungsanlage anbieten können. "Wir hoffen, dass das klappt", sagt Martina Steuer. Nicht verkaufen werden sie frisches Obst und Gemüse sowie Fleisch und Wurstwaren. Sie wollten bewusst nicht in Konkurrenz mit den nahen Fachgeschäften treten, die das ohnehin besser könnten, erklärt die 53-Jährige.

Der Laden ist den Steuers auch eine Herzensangelegenheit. Einkäufe erledigten sie schon lange mit Korb und Stoffbeutel, Wurst und Käse ließen sie sich, wenn es gehe, in eigene Behälter füllen. "Wir können sicher nicht die Welt retten, aber wir können unseren Beitrag dazu leisten, Müll zu vermeiden", sagen sie. Ihren Kunden wollen sie das so einfach wie möglich machen und daher auch Gläser und Bienenwachspapier verkaufen und Behälter verleihen. "Am liebsten ist uns, die Leute kommen mit ihrem eigenen Korb", sagt Martina Steuer, und ist sich sicher: "Früher oder später kriegen wir sie." Die Vorteile lägen schließlich auf der Hand: Im "Ohnverpackt" könne man nicht nur regionale Bioprodukte ohne überflüssige Verpackung erwerben, sondern auch in individuellen Mengen. Und es gebe wieder einen Nahversorger in der Innenstadt.

Das freut auch Hans-Werner Kuhlmann. Die geplante Eröffnung des Ladens habe ihn "euphorisch" gemacht, sagt der Vorsitzende des Vereins "Lebendige Altstadt Wolfratshausen". Nun gebe es endlich eine Alternative zum Bürgerladen, der in der Innenstadt nicht verwirklicht werden konnte - und das, ohne Konkurrenz zu den bestehenden Obstgeschäften und Metzgereien. Und: "Die gesamtgesellschaftliche Entwicklung weg von der Verpackung wird hier gelebt."

Eröffnen werden soll der Laden am Freitag, 13. März. Abergläubisch sind die Betreiber also nicht. "Das Datum ist super", sagt Martina Steuer. 13 sei schließlich auch ihre Rückennummer beim Handball gewesen. Mit ihrem Mann ist sie zuversichtlich, dass ihr verpackungsfreies Geschäft funktionieren wird - und länger bestehen bleibt als die Läden "Cucinella" und "Ella", die sich nur kurz in den Räumlichkeiten halten konnten. "Wir haben so viel Energie und Gehirnschmalz hier reingesteckt", sagt die 53-Jährige. "So schnell gehen wir hier nicht wieder raus."

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SZ vom 20.01.2020
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