Süddeutsche Zeitung

Städtische Galerie an der Elbestraße:Aha-Effekte in der Vertriebenenstadt

Ausstellung "Geretsried - Teil der bayerischen Moderne" von Fotograf Jean Molitor und Architekturhistorikerin Kaija Voss.

Von Felicitas Amler, Geretsried

Man nimmt aus dieser Ausstellung vor allem einen Eindruck mit: Alles, was Jean Molitor fotografiert, scheint sich in sehenswerte Architektur zu verwandeln. Wie sonst erklärt es sich, dass Gebäude, an denen man bisher achtlos vorbeigegangen ist - oder gar mit der Bemerkung: Na ja, schön ist was anderes -, plötzlich so anziehend wirken? Der Berliner Bauhaus-Fotograf Molitor fotografiert alle Objekte grundsätzlich nüchtern, in Schwarz-Weiß und im Querformat. Sie wirken äußerst puristisch, da er immer zu Zeiten auf den Auslöser drückt, wenn keine oder nur sehr wenige Menschen unterwegs sind.

Eine Auswahl seiner Arbeiten ist jetzt in der Städtischen Galerie an der Elbestraße in Geretsried zu sehen. Der Fotograf hat zusammen mit der Geretsrieder Architekturhistorikerin Kaija Voss eine These ins Bild gesetzt, die der Ausstellung den Titel gab: "Geretsried - Teil der bayerischen Moderne". Wer gut hinschaut, versteht, was gemeint ist, umso mehr, als Voss teilweise Motive gegenüberstellt, die es verdeutlichen. Zum Beispiel: den Glasbaustein-Turm von Pulcra Chemical am Geretsrieder Isardamm und das Maxwehr an der Isar in Landshut mit drei Glasbaustein-Türmen. Architekt dieser Wehranlage war Franz Hart (1910-1996), eine Ikone der bayerischen Nachkriegsmoderne in der Architektur, wie es auf dem Fachportal Baunetz heißt.

"Die Idee ist es, markante und damit oft stadtbildprägende Bauten aus Geretsried zusammen mit Fotografien von Bauten der Moderne aus ganz Bayern zu präsentieren", so erklärt Kaija Voss die Schau. Sie sagt, es gehe um Wiedererkennung und Aha-Effekte. Und um die Frage: Was macht die Architektur Geretsrieds aus, das als Planstadt auf dem Boden von NS-Rüstungsbetrieben entstanden ist? "Typische Geretsrieder Architektur zeigt sich an vielen Kirchenbauten des 20. Jahrhunderts, wie der Versöhnungskirche, der Maria-Hilf-Kirche oder der Kirche Heilige Familie, ebenso an Wohn- und Industriebauten, die oft aus umgebauten Bunkern entstanden, bis hin zu den Neubauten rund um den Karl-Lederer-Platz." Bayerische Architektur, das seien eben nicht nur Bauernhäuser und Lüftlmalerei, so Voss.

Die Frage nach der spezifischen Architektur der Stadt warf auch Bürgermeister Michael Müller auf. Als es darum ging, die Neue Mitte rund um den Karl-Lederer-Platz neu zu gestalten, sei dies erörtert worden. "So wirklich etwas Typisches haben die Vertriebenenstädte nicht." Man finde in der Architektur das Thema Vertreibung nicht. Als Identität der Stadt bezeichnet Müller "das Angekommen-Sein und den Aufbau, Leistungswillen und Modernität", also "alles, was die junge Bundesrepublik ausgemacht hat". Dieses Narrativ gelte es nun auch im öffentlichen Raum sichtbar zu machen. Dabei spielte er auf seine Idee einer Kunstmeile mit Skulpturen vom Stadtmuseum an der Graslitzer Straße über die Neue Mitte bis zur Petruskirche an.

Als Aufgabe der Stadtentwicklung nannte Müller die Erfassung und Katalogisierung von Gebäudetypen nach Perioden: "Wir wollen einen bewussten Umgang damit haben." Eine Gefahr, die zuvor Kaija Voss benannt hatte, besteht demnach in Geretsried nicht. Sie hatte Jean Molitor zitiert, der über seine dokumentarische Arbeit sage, sie sei "ein Wettlauf gegen die Zeit". Was sich nach Voss' Worten etwa in Kochel am See bewiesen habe, wo sowohl das 1926/27 gebaute Verstärkeramt, ein Beispiel der bedeutenden Münchner Postbauschule von Robert Vorhölzer, als auch das 1930 im Bauhaus-Stil errichtete Verdi-Heim abgerissen wurden.

Ausstellung bis 12. November, www.geretsried.de/galerie

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