Süddeutsche Zeitung

Tourismus in den Alpen:Bester Blick auf die Gams

  • An der Benediktenwand sind nach Jahrzehnten der Nichtbejagung wieder Steinböcke und Geißen anzutreffen.
  • Inzwischen soll es 500 Gämse im Karwendelgebirge zwischen Vorderriß und Soierkessel geben.
  • Um die Tiere besser beobachten zu können, sollen Beobachtungsplattformen für Wanderer entstehen.

Von Vinzenz Gabriel

Mächtig hebt sich das Gipfelmassiv der Benediktenwand in den Bayerischen Voralpen von seinen Nachbargipfeln ab. Dort oben offenbart sich dem Wanderer auf der einen Seite ein imposanter Ausblick ins Karwendelgebirge mit seinen kahlen Massiven und zum Teil ganzjährig schneebedeckten Gipfeln. Zur anderen Seite hin öffnet sich ein weiter Blick ins Tölzer Land mit seinen zahlreichen Seen. Vom Brauneck aus, von Benediktbeuern und der Jachenau aus führen zahlreiche Routen zum Gipfelkreuz. Doch nicht nur deshalb besteigen täglich viele Wanderer die Benediktenwand. Einen besonderen Ruf genießt der Berg auch deshalb, weil es ein Habitat für Stein- und Krickelwild ist. Um diese Tiere den Wanderern sichtbarer zu machen, sind nun in den staatlichen Wäldern Beobachtungsplattformen geplant.

Steinböcke und Geißen sind an der Benediktenwand nach Jahrzehnten der Nichtbejagung dem Wanderer gegenüber schon mal gleichmütig eingestellt und kreuzen seinen Weg. Doch weil wild lebende Steinböcke eben so selten sind und ihre Beobachtung in freier Natur eine Besonderheit darstellt, stehen andere Tiere manchmal im Schatten der öffentlichen Wahrnehmung: Gämsen etwa, die in diesem Gebiet ebenfalls einen besonders guten Lebensraum vorfinden. Deshalb sollen die neuen Beobachtungsplattformen auch dazu dienen, diese sichtbarer zu machen und damit mehr in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung zu rücken.

Die Mischung aus Almwiesen, Fels und naturbelassener Gebirgslage macht die Benediktenwand für Gämse besonders attraktiv. Laut ersten Ergebnissen einer Forschung zu den Gamsbeständen in den bayerischen Voralpen, die seit dem Jahr 2016 läuft, ist die Population stabil. Rund 500 von ihnen soll es nach neuesten Erkenntnissen im Karwendelgebirge zwischen Vorderriß und Soiernkessel geben.

Die erste der Beobachtungsplattformen wird laut dem bayerischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten an der Benediktenwand entstehen. Im Herbst soll deren Bau bereits abgeschlossen sein. Laut dem stellvertretenden Leiter des Forstbetriebs Bad Tölz, Robert Krebs, soll es sich dabei um ein überdachtes, ansonsten offenes Gebäude mit Sitzgelegenheit handeln. Geplant ist der Bau auf der Südseite der Benediktenwand am Fuße des Gebirgsstocks in der Nähe der Bichler Alm. Da sich das Projekt noch in der Konzeptionsphase befindet, hat die Umsetzung noch nicht begonnen. Fest steht aber bereits: "Der Bau soll sich gut in die Gebirgslandschaft einfügen. Außerdem soll es an der Plattform Informationstafeln sowie ein allgemein zugängliches Fernrohr geben", erklärt der stellvertretende Forstbetriebsleiter. Ferner sollen weiterführende Informationen in digitaler Form bereitgestellt werden. Auf die Frage, wie touristisch die Plattform gestaltet werden wird, sagt Krebs: "Die Plattform ist nicht für den Massenauflauf ausgelegt, sondern ist vielmehr für den einzelnen Wanderer konzipiert, der hier einen ruhigen Ort zum Beobachten vorfinden möchte."

Die Benediktenwand als Standort für die erste Gamsbeobachtungsplattform zu wählen, war dem Forstbeamten zufolge eine einfache Entscheidung. Zum einen wegen der hervorragenden Beobachtungsbedingungen aufgrund des offenen Geländes, zum anderen wegen der guten Erreichbarkeit von der Bergbahnstation am Brauneck aus. "Außerdem gibt es mit dem Steinwild, das von dort auch beobachtbar sein kann, noch ein besonders Schmankerl obendrauf".

Dennoch wird nach Angaben von Krebs die Plattform in erster Linie der Beobachtung der Gämsen dienen. Gamswild und Steinwild gehen sich "in der Regel aus dem Weg, zu einer gewissen Nahrungskonkurrenz kommt es aber dennoch", erklärt der Forstbeamte.

Und noch einen Unterschied gibt es: Zwar sind Gämse gern gesehen an der Benediktenwand, aber sie werden im Gegensatz zum Steinwild bejagt. Das geschieht selektiv. Im Schutzwald etwa, der Siedlungen und Verkehrswege vor Steinschlag, Erdrutsch und Lawinen schützen soll, werden sie intensiv gejagt. "Hier ist es von erheblicher Bedeutung, den Wald vor Verbissschäden zu bewahren", erläutert Krebs. In den Hochlagen werden sie hingegen schonender gejagt.

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SZ vom 27.08.2019/zara
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