Süddeutsche Zeitung

Immobilien:Nur 8272 neue Wohnungen - München verfehlt sein Ziel

  • In München wurden im vergangenen Jahr 8272 Wohnungen fertiggestellt, ein Zuwachs von 5,9 Prozent.
  • Die Zielzahl des Programms "Wohnen in München VI" lag allerdings bei 8500 neuen Wohnungen.
  • Im geförderten Bereich bleibt die Stadt hinter den eigenen Erwartungen zurück, weil private Investoren fehlen und oft Nachbarn protestieren.

Von Sebastian Krass

Die Zahl der neu geschaffenen Wohnungen in München wächst schneller als in den Jahren zuvor, wenn auch nicht so schnell, wie es sein soll. Aber die stark gestiegene Zahl der Baugenehmigungen gibt Anlass zur Hoffnung für die nächsten Jahre. Das geht aus einem Bericht des Planungsreferats an den Stadtrat hervor, der das Jahr 2017 bilanziert. Darin beschreibt die Behörde auch zwei Kernprobleme bei der Schaffung günstigen Wohnraums: dass es für private Bauherren lukrativer ist, frei finanzierte Wohnungen zu schaffen als geförderte, und dass es in den Vierteln oft enormen Widerstand gibt, wenn in Wohngebieten nachverdichtet werden soll.

Laut dem Bericht sind im vergangenen Jahr in München 8272 Wohnungen fertiggestellt worden, das ist ein Zuwachs von 5,9 Prozent verglichen mit dem Jahr 2016. Die Zielzahl, wie sie der Stadtrat im Programm "Wohnen in München VI" festgeschrieben hat, lag für 2017 allerdings bei 8500 neuen Wohnungen. Enorm zugenommen, nämlich um 39,5 Prozent, hat die Zahl der Baugenehmigungen: von 9660 genehmigten "Wohneinheiten", wie es offiziell heißt, im Jahr 2016 auf 13 475 genehmigte Wohnungen im vergangenen Jahr. Das Referat führt das auf den attraktiven Bau-Standort München zurück, aber auch darauf, dass die Verwaltung effizienter arbeite und besser ausgestattet sei.

Durchwachsen fällt die Bilanz bei geförderten Wohnungen aus. Im vergangenen Jahr sind 1641 solche im regulären Programm entstanden. Die Zielzahl lag bei 2000. Hinzu kommen 436 neue Wohnungen, die mit dem Sofortprogramm "Wohnen für alle" finanziert wurden; dieses hatte der Stadtrat im März 2016 beschlossen. Demnach sollen im Zeitraum 3000 geförderte Wohnungen bis 2019 entstehen, zusätzlich zum ohnehin geplanten neuen Wohnraum. Insgesamt sind bisher erst 791 dieser Wohnungen bezogen.

Prominentestes Beispiel ist der überbaute Parkplatz am Dantebad, der auch insofern Symbolkraft hat, als nur ein Jahr von der Idee bis zur Fertigstellung des Stelzenhauses verging. Bei "Wohnen für alle" sollen die Genehmigungs- und Bauzyklen erheblich kürzer sein als üblich. Das bisher größte Projekt mit 160 Wohnungen entstand an der Bodensee-/Mainaustraße, nahe dem S-Bahnhof Westkreuz. Zum Vergleich: Etwa 9000 Menschen in München haben keine eigene Bleibe, 30 000 Anträge auf eine Sozialwohnung gab es im vergangenen Jahr, nur 3000 konnte die Stadt vergeben.

Zielgruppe von "Wohnen für alle" sind Wohnungssuchende, die wenig verdienen oder in Ausbildung sind und deshalb auf dem freien Markt kaum eine Chance haben, sowie anerkannte Flüchtlinge. Gebaut werden sollen die Wohnungen von den städtischen Unternehmen GWG und Gewofag, aber auch von privaten Investoren in Erbbaurecht auf städtischem Grund. Bisher hat sich allerdings erst ein Privater gefunden: Das Immobilienunternehmen RMCB hat an der Gärtnerstraße in Moosach 141 Wohnungen geschaffen. Da GWG und Gewofag bereits stark ausgelastet seien, ist das Ziel der 3000 Wohnungen nach Einschätzung des Planungsreferats nur dann zu erreichen, "wenn sich auch die private Wohnungswirtschaft entsprechend beteiligt". Wie das gelingen soll, bleibt allerdings offen. Notfalls würden GWG und Gewofag prüfen, ob sie "im Einzelfall" doch noch mehr zu "Wohnen für alle" beitragen können.

Ein weiteres Problem, mit dem die Planer kämpfen, ist der Protest in der Nachbarschaft gegen Sozialwohnungen. Das Referat schreibt von "zum Teil erheblichen Vorbehalten", was "ein erhöhtes Maß an Überzeugungsarbeit und Projektkommunikation erfordert". Ein Beispiel ist die Nachverdichtung rund um die Görzer Straße in Ramersdorf. GWG-Chef Christian Amlong beschrieb kürzlich bei einem Rundgang durch das Quartier, wie er bei einer Anwohnerversammlung sogar Sicherheitspersonal zu Hilfe habe rufen müssen, weil die Stimmung zu eskalieren drohte. Letztlich gab die GWG in Teilen nach: Es entstanden nur 53 statt der geplanten 76 "Wohnen für alle"-Einheiten.

Amlong betont, dass - anders als von manchen an die Wand gemalt - keine nennenswerten Konflikte zwischen alten und neuen Anwohnern aufgetreten seien. Auch das Gewofag-Projekt an der Erwin-Schleich-Straße in Allach ist nach Anwohnerprotesten geschrumpft, von 85 auf 51 Wohnungen. Komplett geplatzt ist der Bau von etwa 50 Gewofag-Wohnungen an der Unnützwiese in Trudering. Dort hatte eine Bürgerinitiative gedroht, vor Gericht klären zu lassen, wie es um das Baurecht stehe. Letztlich stoppte Oberbürgermeister Dieter Reiter das Projekt.

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SZ vom 07.11.2018/mmo
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