Süddeutsche Zeitung

Wohnen für alle:Zu Besuch im Haus auf Stelzen

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Die Stadt projiziert viele Hoffnungen auf das Projekt am Dantebad. Jetzt sind die ersten Mieter der günstigen Wohnungen da: ein Berufsanfänger, eine Mutter, ein Flüchtling aus Syrien. Was sagen sie?

Von Anna Hoben

Erster Stock, Wohnung 28: Es sieht nach Umzug aus. Im Eingangsbereich stehen Kisten mit Geschirr, eine verpackte Mikrowelle und ein Kühlschrank. Ende April soll die Küche geliefert werden, Dominik Metzler hat sie zusammen mit seiner Mutter ausgesucht: cremefarbene, marmorierte Arbeitsplatte. Bei der Küche unterstützt die Mutter ihn finanziell, alles andere will der 24-jährige Tourismuskaufmann selber stemmen. Wenn die Küche da ist, zieht er endlich ein: in seine erste eigene Wohnung.

Sie liegt in einem Haus, auf das die Stadt München viele Hoffnungen projiziert. Der Stelzenbau im Stadtteil Moosach, von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Gewofag auf dem ehemaligen Parkplatz des Dantebads innerhalb eines Jahres errichtet, ist das Pilotprojekt im Programm "Wohnen für alle", bei der Gewofag intern auch bekannt als Turboprojekt. Schnell hochgezogene, günstige Wohnungen mit abgespecktem Standard sollen die Wohnungsnot lindern.

Eine Hälfte der Wohnungen wird durch das Sozialreferat über die Online-Plattform Sowon an Haushalte vergeben, die berechtigt sind, eine geförderte Wohnung zu bekommen. Die andere Hälfte setzt sich aus anerkannten Flüchtlingen und Wohnungslosen zusammen. Diese Mieter hat eine Belegungskommission aus Sozialreferat und Gewofag ausgewählt.

Ein Frühlingsabend unter der Woche, es ist ruhig an der Postillonstraße. Auf dem Grundstück steht noch ein Baukran, unter dem Stelzenbau stapeln sich Steinbodenplatten. "Bitte keinen Müll neben die Tonnen stellen! Müll in die Tonnen sonst Geldstrafe!", droht ein Aushang im Eingangsbereich, darunter die arabische Übersetzung.

Hoch in den ersten Stock und hinaus auf den sogenannten Laubengang, von dem die Türen zu den Wohnungen abgehen: 86 Einzimmerwohnungen gibt es im Haus, 24 bis 31 Quadratmeter groß, Kaltmiete 9,40 Euro, dazu 14 Wohnungen mit zweieinhalb Zimmern und 50 Quadratmetern, für Familien wie Sharon Meka mit ihren beiden Töchtern. Ihr Umzug Anfang Februar war einer der ersten. Viele Fenster sind gekippt, von drinnen dringen Gerüche und Geräusche nach draußen, und schaut man nicht starr geradeaus, kommt man gar nicht umhin, den einen oder anderen Blick auf den Feierabend zu erhaschen. Ein junger Mann schält Kartoffeln, ein anderer brutzelt etwas in der Pfanne, ein dritter fegt den Boden, im Hintergrund dudelt Musik. Der Alltag ist eingezogen.

Eine Tür geht auf. Hallo, guten Abend. Die Tür nebenan öffnet sich ebenfalls. Schön, dass man sich mal kennenlernt. Alsalin Bader aus München, ursprünglich aus Syrien, 25 Jahre alt, und Dieter Wäldin, 53 Jahre alt, aus München, ursprünglich aus dem Schwarzwald, sind jetzt Nachbarn. Der Jüngere, der gerade noch gefegt hatte, geht rein und kommt ein paar Minuten später mit Tassen wieder raus. Er entschuldigt sich, dass er nur Instant-Kaffee da habe und keinen arabischen. Es ist ein Klischee, dass die gastfreundlichen Syrer Besuchern immer sofort etwas anbieten; aber es ist tatsächlich so.

Und, wie lebt es sich so, hier am Dantebad? Er sei glücklich, dass er diese Wohnung bekommen habe, sagt Bader. Ein Jahr und drei Monate ist er jetzt in Deutschland, bisher hat er in einem Wohnheim in Laim gelebt, nun ist er richtig angekommen. Er führt nach drinnen: Küche, schmaler Flur, rechts das Bad und eine kleine Kammer, geradeaus das Wohn- und Schlafzimmer. Bader hat neben einem Bett zwei Sofas hineingestellt, dazwischen kann man sich gerade noch umdrehen.

Ein Betriebswirt, der wieder auf die Beine kommen will

Er absolviert gerade einen Deutschkurs, B1. Wenn er ihn besteht, soll er laut der Definition des Sprachniveaus in Gesprächen unter anderem "die Hauptinformationen verstehen können, wenn klare Standardsprache verwendet wird und wenn es um vertraute Dinge geht" und "über Erfahrungen und Ereignisse berichten und Träume, Hoffnungen und Ziele beschreiben können". Seinen Traum kann er aber auch jetzt schon benennen. Einen Schulabschluss machen und danach eine Ausbildung, zu Hause in Syrien hat er als Automechaniker gearbeitet. Deutschkurs, Fitness, 17 Uhr nach Hause, Dusche, Abendessen, Bett - so sehen seine Tage jetzt aus.

Die Hausgemeinschaft müsse sich erst finden, sagt Baders Nachbar Dieter Wäldin. Es gebe noch nicht so viele Berührungspunkte, die kämen aber sicher bald, wenn die Waschräume eingerichtet sind und die Dachterrasse eröffnet ist. Vier Gemeinschaftsräume gibt es, mit Kicker, Tischtennisplatte und Küchenzeilen. Auch Wäldin ist froh, dass er wieder eine eigene Wohnung hat. "Pures Glück", sagt er, "eine Woche nach der Besichtigung kam die Zusage." Vor zwei Jahren habe er wegen Umstrukturierungen in der Firma seinen Job verloren, erzählt der studierte Betriebswirt; drei Wochen später warf ihn ein Motorradunfall aus der Bahn. Sein zertrümmertes Knie wurde zwar operiert, doch es folgte eine Infektion, inzwischen hat sein Knie keinen Knorpel mehr.

Zur gleichen Zeit ging seine Partnerschaft in die Brüche, er fand eine neue Wohnung, aber nur für ein Jahr, und landete schließlich in einem Clearinghaus. Ein Zimmer mit mehreren Mitbewohnern in einem Männerwohnheim wäre der nächste Abwärtsschritt gewesen, hätte er nicht die Wohnung am Dantebad bekommen. Hier will er wieder auf die Beine kommen. Im Wortsinn: Nach Ostern steht noch eine Operation an, er erhält ein neues Knie. Und im übertragenen Sinn: Er hofft, dass er mit etwas Hilfe von außen wieder ins Leben findet und auf Jobsuche gehen kann, sobald sich sein Gesundheitszustand gebessert hat. Auf seinen linken Unterarm hat er sich nach dem Unfall sein Lebensmotto tätowieren lassen: "Never give up", steht da, gib niemals auf.

Auch Dominik Metzler hat ein Tattoo am linken Unterarm: das Stadtwappen. "Ich bin ein Münchner Kindl", sagt er. Im Moment kann er sich nicht vorstellen, von hier wegzugehen. Doch als Azubi verdiente er zu wenig, um sich im teuren München eine Wohnung leisten zu können. Also blieb er erst mal bei seiner Mutter in Neuperlach, wo er aufgewachsen ist. Als er nach der Ausbildung übernommen wurde, bewarb er sich beim Wohnungsamt - und bekam den Zuschlag. Jetzt freut er sich darauf, seine Bude einzurichten. "Ich will es mir so gemütlich machen wie möglich."

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SZ vom 10.04.2017/ebri
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