Süddeutsche Zeitung

Wenn wirklich der Tod ins Spiel kommt:Plötzlich ohne Komplizen

Sabine Thomas und ihr Lebensgefährte Andreas Hoh gründeten 2003 das Münchner Krimifestival und entwickelten es zu einer echten internationalen Größe. Dann starb vor einem Jahr Thomas' Partner

Wer zu Sabine Thomas gelangen will, muss ein bisschen Kondition mitbringen. Sie wohnt in Herrsching an einem Berg. Als man glaubt, man habe es geschafft, kommt kurz vor ihrem Jugendstilhaus noch ein steiler Anstieg. Thomas lächelt, als sie ihren schnaufenden Gast begrüßt. Und zeigt ihm den wunderschönen Blick hinunter zum Ammersee.

Sabine Thomas ist die Leiterin des Münchner Krimifestivals, das mit Stephen King oder Rita Falk den Circus Krone füllt. Der britische Guardian schrieb einmal, es sei "eines der besten Krimifestivals der Welt". Das lasse sie "mal unkommentiert so stehen", sagt Thomas, als sie mit dem Zitat konfrontiert wird. "Ich freue mich sehr darüber." Beim Münchner Festival wird auch an ungewöhnlichen Orten wie der Pathologie oder dem Gefängnis gelesen. Und einmal gab es eine einwöchige Nonstop-Session im Literaturhaus; es war die längste Krimiautoren-Lesung der Welt.

Thomas hat das Festival lange mit ihrem Lebenspartner Andreas Hoh geleitet. Dann starb Hoh am 10. Dezember 2018 bei einem Verkehrsunfall.

Sabine Thomas redet sofort darüber, als sie auf einem Sofa im Wohnzimmer Platz genommen hat, neben einem Holzofen und einem Erkertürmchen. Bilder von Andreas Hoh stehen auf dem Fensterbrett, gerahmt von frischen Blumen. Es ist ein Schock, wenn ein Partner plötzlich stirbt, das sagt man so. Aber was es tatsächlich bedeutet, wissen nur jene Menschen, die wirklich in einem Schockzustand lebten, so wie Sabine Thomas, die 31 Jahre mit Andreas Hoh liiert gewesen ist. "Gute Freunde sind da überlebenswichtig", sagt sie, "und die hatte ich zum Glück. Sie waren im wahrsten Sinne rund um die Uhr für mich da." Die ersten Monate habe sie trotzdem kaum überstanden.

Man spürt das noch, wenn man heute, fast ein Jahr später, mit ihr darüber redet. Sie blickt auch nach vorne, sie spricht über die Dankbarkeit ihren Freunden gegenüber, sie will bald selbst wieder Krimis schreiben, sie wirkt stark. Aber sie ist natürlich schwer erschüttert.

"Und dann stand damals auch das Krimifestival vor der Tür, der Vorverkauf lief bereits", sagt Thomas. "Andreas hatte wenige Stunden vor seinem Tod noch einen Newsletter rausgeschickt." Das Münchner Krimifestival ist zweigeteilt: in den etwas größeren Krimifrühling, und den Krimiherbst. Für Sabine Thomas war es im Dezember 2018 keine Frage, dass das Krimifestival im Frühjahr 2019 stattfinden würde. "Es wäre in Andis Sinne gewesen", sagt sie. "Wir hatten vereinbart: Wenn einem von uns was passiert, macht der andere weiter." Sie hatten natürlich nicht ernsthaft gedacht, dass es eintreffen würde.

"Die ganze Krimiszene war geschockt vom Tod von Andreas."

Thomas musste plötzlich auch Hohs Aufgaben übernehmen, den ganzen bürokratischen Teil: Finanzen, Buchhaltung, Programmheftproduktion, solche Sachen. Thomas war das fremd, sie war früher Moderatorin von Musik- und Jugendsendungen, DJane beim Radio, Krimiautorin. "Das war eine Herausforderung", sagt sie. "Aber es war gut für mich, beschäftigt zu sein - das brachte so etwas wie Normalität rein."

Sabine Thomas und Andreas Hoh, den sie ihren Komplizen nannte, haben das Münchner Krimifestival 2003 gegründet und fast alles selbst gemacht, sieht man von Tontechnik oder Ticketkontrolle bei den Veranstaltungen ab - und auch das Kartenabreißen hat Hoh manchmal selbst gemacht.

Als Thomas nach dem tollsten Erlebnis gefragt wird, sagt sie wie aus der Pistole geschossen (diese Phrase sei in diesem Fall, bei einer Krimiexpertin, ausnahmsweise erlaubt): Stephen King. "Das war lange ein running gag bei uns - wenn Stephen King mal kommen würde, das wäre die Krönung", sagt sie. 2013 kam er und 3000 Menschen kamen in den Circus Krone. "Stephen King kennt jeder", sagt Thomas, "auch Leute, die nichts mit Krimis oder Literatur zu tun haben. Das Publikum kam aus der ganzen Welt, aus Dubai, Russland, Norwegen." King sei "unfassbar nett" gewesen, so normal und lustig, sagt sie. "Wir standen vor seinem Auftritt zusammen hinter dem Vorhang im Circus Krone, und ich habe ihm erzählt, wer hier schon aufgetreten ist: die Beatles, die Stones, AC/DC - er ist ja auch Musiker." King spielt Gitarre in einer Band.

Die Katze von Sabine Thomas kommt ins Wohnzimmer, sie ist 17 Jahre alt, etwa so alt wie das Krimifestival. Leider ist die Katze sehr krank. "Heute Abend kommt noch der Tierarzt", sagt Thomas. Es hört sich nach Abschied an. Und es macht Sabine Thomas sehr viel aus. Einige Tage später schreibt sie eine Mail: "Meine Katze ist leider am Wochenende gestorben."

Das Münchner Krimifestival hat sich über die Jahre gewandelt. Thomas und Hoh boten anfangs viele kleinere Lesungen an. Mittlerweile gibt es weniger Events, dafür größere - mit bekannten Autoren wie King, Don Winslow oder Elizabeth George. Volker Klüpfel und Michael Kobr haben den Circus Krone ebenso gefüllt wie Rita Falk. "Sie ist die erfolgreichste Autorin in der Geschichte des Münchner Krimifestivals", sagt Thomas. "Der Circus Krone war bei ihr mehrmals ausverkauft, mit insgesamt über 10 000 Zuschauern."

Sabine Thomas liebt die Begegnung mit den Autoren. "Man lernt unglaublich tolle Leute kennen, und daraus sind auch Freundschaften entstanden", sagt sie. Etwa mit der Isländerin Yrsa Sigurdardottir, die am 19. November im Klinikum rechts der Isar lesen wird. "Yrsa war vor vielen Jahren mit ihrem ersten Buch beim Krimifestival in München", erzählt Thomas. Seither besuchen sie sich gegenseitig. Und Thomas war auch mal beim Krimifestival in Reykjavik. Sie nahm dort an einer Podiumsdiskussion teil.

Wird sich das Münchner Krimifestival nun wandeln, da sie es alleine macht? "Es wird keine radikalen Veränderungen geben, aber das Festival wird mehr meine Handschrift tragen", sagt sie. "Jeder hatte ja seine Vorlieben und Favoriten." Andreas Hoh sei risikobereiter gewesen, er habe mehr unbekannte Autoren eingeladen und größere Locations gewählt.

Erstaunlich. Hoh war der Ruhigere, Zurückhaltendere. Thomas die Quirligere. Das Quirlige ist momentan natürlich nicht so ausgeprägt. Früher hat sie viel mehr gestikuliert. Der Schockzustand lasse nur langsam nach, sagt sie.

Was sich beim Festival ändern werde, hänge auch davon ab, wie sich die Krimiszene entwickle, sagt sie. Derzeit spielten, zum Beispiel, Anthologien oder kulinarische Krimis keine große Rolle mehr. Und die Skandinavier, von denen es schon lange heißt, ihr Boom sei vorbei? "Sind immer noch im Trend", sagt Sabine Thomas.

Die Schweden Alexandra und Alexander Ahndoril, die unter dem Pseudonym Lars Kepler erfolgreich sind, seien im Frühjahr in München gewesen. "Sie sind wie die ganze Krimiszene geschockt vom Tod von Andreas gewesen", sagt Thomas. Die Ahndorils hätten dann gesagt: "Das ist ja bei euch wie bei Stieg Larsson und dessen Lebensgefährtin: viele gemeinsame Jahre und plötzlicher Tod kurz vor der geplanten Hochzeit." Larsson, einer der berühmtesten Krimiautoren Schwedens, erlag 2004 mit 50 Jahren in Stockholm einem Herzinfarkt; den famosen Erfolg seiner Krimis mit den Figuren Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist hat er nicht mehr erlebt. Larssons Lebensgefährtin stritt erbittert mit dessen Bruder und dessen Vater um das literarische und das finanzielle Erbe.

Thomas sagt, sie habe auch eine "komplizierte Erbsituation". Sie werde das Jugendstilhaus über dem Ammersee bald verkaufen. Sie suche eine Wohnung in München oder in Herrsching. "Ich lebe seit 20 Jahren hier", sagt Thomas, die in Olching geboren ist. "Der See ist meine Heimat geworden." Die neue Wohnung wird wohl kleiner sein als das Haus. Und Sabine Thomas, die keine Bücher wegwirft, fragt sich, wo sie all ihre Krimis unterbringen soll.

Das Krimifestival läuft noch bis zum Donnerstag, 21. November. Das Programm findet man unter: www.krimifestival-muenchen.de.

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Quelle:
SZ vom 09.11.2019
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