Süddeutsche Zeitung

Verkehrspolitik:Grüne Welle für Radler

Die Regelung gilt ab sofort an der Kapuziner- und der Adalbertstraße. Ob die Radler die grünen Ampeln dann auch nutzen können, hängt von mehreren Faktoren ab.

Von Andreas Schubert

Man könnte ja nun polemisch sein und behaupten, Radler haben in der ganzen Stadt eine Grüne Welle - da sich ein großer Teil von ihnen um Banalitäten wie rote Ampeln nicht schert. Allerdings gibt es, zum Glück für alle Verkehrsteilnehmer, auch Radler, die sich an Regeln halten. Und für sie richtet die Stadt nun dauerhaft zwei weitere Grüne Wellen ein. Zusätzlich zu der bereits seit Mai 2017 bestehenden Welle in der Schellingstraße stellt die Stadt an diesem Montag weitere Ampeln um: in der Kapuzinerstraße zwischen Baldeplatz und Lindwurmstraße sowie in der Adalbertstraße zwischen Arcis- und Türkenstraße. In der Adalbertstraße, die bereits eine Fahrradstraße ist, wird die Welle ganztätig geschaltet, in der Kapuzinerstraße vom Beginn der morgendlichen bis zum Ende der abendlichen Hauptverkehrszeit.

Die Idee: Kommen Radlerinnen und Radler ohne allzu viele Ampelstopps zügig vorwärts, werde das Fahrradfahren attraktiver, sagt Thomas Böhle, der Chef des Kreisverwaltungsreferats (KVR) und selbst ein überzeugter Radler. Allerdings dürfen die Radfahrer weder zu schnell noch zu langsam unterwegs sein, damit das System funktioniert. Optimal ist laut KVR eine Geschwindigkeit von 18 bis 22 Kilometern pro Stunde. Zudem funktionieren die Grünen Wellen nicht ohne Unterbrechungen, denn der öffentliche Nahverkehr hat Vorrang. Und nach ihm richten sich auch die Ampelschaltungen. Sprich: Kommt ein Bus oder eine Tram an eine Kreuzung, muss der querende Radverkehr warten - so, wie es auch für den Autoverkehr gilt.

Eine Grüne Welle einzurichten, ist kein einfaches Unterfangen, das gilt für Autos und erst recht für Fahrräder. Eine große Rolle spielt zum Beispiel die Frage, ob es auf der jeweiligen Strecke schmale Radwege gibt oder breitere Radstreifen auf der Fahrbahn, ob diese (was häufig vorkommt) von Autos zugeparkt sind und natürlich wie intensiv ein Radler in die Pedale tritt. Senioren und Kinder strampeln sich in der Regel nicht so ab wie ehrgeizige Mittzwanziger mit Helm und Fahrradfunktionsbekleidung.

Bei Autofahrern ist es einfacher, weil sie in der Regel - sofern kein Stau sie bremst - immer genau mit der Geschwindigkeit fahren, die gerade erlaubt ist. Eine Studie der Bundeswehr-Universität Neubiberg hat vergangenes Jahr ergeben, dass eine Grüne Welle für Autos bei Tempo 50 und einer Ampelphase von 90 Sekunden am besten funktioniert, wenn die Knotenpunkte, also die Kreuzungen, genau 625 Meter voneinander entfernt sind. Der ideale Abstand bei einer Welle für Radler liegt - Tempo 20 vorausgesetzt - bei 250 Metern. Weil diese idealen Bedingungen aber kaum irgendwo zu finden sind und weil sich der Verkehrsfluss zudem je nach Fahrtrichtung unterscheidet, können nicht überall Grüne Wellen für Radler geschaltet werden.

In der Schellingstraße hat es funktioniert. Dort startete die Welle 2017 zunächst als Verkehrsversuch, begleitet von der Technischen Universität München. Die Erkenntnis der Untersuchungen: Bei einer Grünen Welle für Radler mit Priorisierung der Linienbusse (wie sie in der Schellingstraße jetzt gilt) waren die Radfahrer zwischen 8,7 und 19 Prozent schneller unterwegs als bei der sonst dort üblichen Grünen Welle für Autofahrer mit Buspriorisierung. Ohne Vorfahrt für Busse brachte es die Radler-Welle sogar auf 25 bis 30 Prozent Zeitvorteil. Der Bus dagegen war bei der auf die Radfahrer zugeschnittenen Welle ohne Priorisierung je nach Richtung zwischen 9,8 und 21 Prozent langsamer. Eine weitere Lehre aus den Untersuchungen: Auch in der Schellingstraße bremsten Hindernisse wie parkende Autos die Radfahrer oft aus, weshalb sie zu langsam vorwärts kamen und so die Welle nicht nutzen konnten. Daher gaben bei einer Befragung auch viele an, dass sie keine Verbesserung bemerkt haben.

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SZ vom 09.09.2019/infu
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