Süddeutsche Zeitung

SZ-Serie: Münchner Namenspatrone (2):Lange Studien, früher Tod

Wenn sie beißen, dann stoßen sie blitzschnell zu: Waglers Lanzenotter - der Zoologie-Professor starb aber nicht am Schlangengift, sondern durch einen Schuss

Von Hans Holzhaider

Der Mönch Cho-su-kong lebte in China zur Zeit der Song-Dynastie, also im 11. christlichen Jahrhundert. Er war berühmt als Heiler, und er galt als ein Beschützer von Schlangen. Auf der malaysischen Insel Penang wurde um das Jahr 1875 ein Tempel zu seinen Ehren errichtet. Die Verehrer Cho-su-kongs glauben, dass er schon kurz nach der Fertigstellung von Schlangen bevölkert war, die von allein dorthin gewandert waren. Heute werden sie im Tempel gezüchtet. Manche sind leuchtend grün, aber in der Regel sind sie dunkel gefärbt mit hellen Querbändern. Der Kopf ist dreieckig bis herzförmig. Touristen lassen sich gern mit ihnen fotografieren. Es heißt, sie seien durch das Räucherwerk im Tempel träge geworden, aber Schlangen dieser Art sind ohnehin nicht aggressiv; sie beißen nur in Bedrängnis. Wenn sie aber beißen, dann stoßen sie blitzschnell zu. Daher kommt ihr Name: Lanzenotter. Ihr wissenschaftlicher Name: Tropidolaemus wagleri, Waglers Lanzenotter.

Szenenwechsel: Der Tag Mariä Himmelfahrt im Jahr 1832, in Moosach, einem Bauerndorf im Nordwesten der Residenzstadt München. Etwas außerhalb, auf dem Gelände des heutigen Rangierbahnhofs, gab es ein kleine Fasanerie. Das war der Lieblingsort von Johann Georg Wagler und seiner Ehefrau, der königlichen Hofkapellsängerin Nannette Pestl, einem "Muster weiblicher Glückseligkeit und Eintracht", wie Johannes Gistl, ein Schüler und glühender Bewunderer Waglers schreibt. Wagler war 32 Jahre alt, Doktor der Medizin und Philosophie, außerordentlicher Professor der Zoologie, Mitglied der königlichen Akademie der Wissenschaften in München.

An diesem Tag wurde Waglers Wochenendbeschaulichkeit durch zwei Herren gestört, die offensichtlich wild entschlossen waren, sich zu duellieren. Wagler gelang es, die Streithähne zu besänftige und ihnen die Schrotflinten abzunehmen. Er versteckte sie in einer Schlehdornstaude. Als er später dorthin zurückkehrte, sah er zwei Wildtauben. Wagler griff nach einem der Gewehre, der Hahn spannte sich aus Versehen beim Herausziehen und der Schuss ging los - direkt durch den Arm.

Wagler, der jüngste Sohn eines Gerichtsschreibers aus Nürnberg, wurde schon mit 19 Jahren von König Max I. als Assistent an das zoologische Konservatorium der königlichen Akademie der Wissenschaften berufen. Als ein Jahr später Johann Baptist Spix, der erste Konservator der zoologischen Sammlung, von seiner mehr als drei Jahre währenden Brasilienreise zurückkehrte, assistierte Wagler bei der Klassifizierung und Beschreibung der riesigen Ausbeute der Expedition. Mit Spix zusammen gab er die "Serpentum brasilianarum icones et descriptiones" (Bilder und Beschreibung der brasilianischen Schlangen) heraus; damit verdiente er sich die Ernennung zum Mitglied der Akademie, und sicherlich dachte Waglers Zeitgenosse Heinrich Boie vor allem an dieses Werk, als er die südostasiatische Viper aus der Unterfamilie der Grubenottern nach Johann Georg Wagler benannte. Aber Wagler beschäftigte sich ebenso intensiv mit Amphibien und Vögeln. Allein fünf südamerikanische Vogelarten sind nach ihm benannt. Sein Hauptwerk, "Natürliches System der Amphibien", 1830 erschienen, ist das Ergebnis zehnjähriger Studien.

Waglers Lanzenotter

Wissenschaftlicher Name: Tropidolaemus wagleri

Eine Giftschlange aus der Unterfamilie der Grubenottern. Die Weibchen bis 130 Zentimeter, die Männchen bis 80 Zentimeter lang. An der Oberseite schwarz mit hellen Bändern, in manchen Regionen auch leuchtend grün. Sie lebt in tropischen Wäldern und Sumpfgebieten in ganz Südostasien und ernährt sich von Eidechsen und kleinen Säugetieren. Ihr Gift beeinträchtigt die Blutgerinnung, gilt aber für erwachsene Menschen als kaum tödlich.

Nach dem verhängnisvollen Schuss dauerte es vier Stunden, bis ein Arzt aus Nymphenburg erschien. Er versäumte, was hätte getan werden müssen: die Amputation des Arms. Neun Tage später starb Wagler an den Folgen des Wundbrands. "Er war ein schöner, stattlicher Mann", schreibt Gistl, "mit einem seelenvollen, großen, braunen Auge, hoher, edler Stirn, männlicher Nase. Er starb ruhig, mit männlicher, scipionischer Geduld, an einem schönen Sommermorgen. Die Welt hat einen ihrer Besten, ihrer Edelsten verloren."

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SZ vom 28.12.2015
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